Acht im Achten

Was bedeutet Neustart für jeden Einzelnen von uns? Ein Begriff, so alltäglich wie epochal, so banal wie weltbewegend, so universell wie individuell. Wir haben acht Josefstädter:innen nach ihrem persönlichen Neustart befragt und waren überrascht, erstaunt und berührt, wie einzigartig, vielfältig und erfüllend dieser Begriff erlebt werden kann.

Von Ivana und Markus Walden

 

César Vidal – Jungvater

Dein „Jetzt aber!“-Moment

Die Geburt meines Kindes! Nun gibt es einen neuen Hauptcharakter in meinem Leben. Von einem Tag auf den anderen ändert sich einfach alles. Vater zu sein bedeutet für mich, jeden Tag neue Herausforderungen zu meistern. Jeden Tag lerne ich etwas Neues über mich, meinen Sohn und meine Frau.

Für einen Neustart braucht es …

Viel Geduld, Liebe und auch die Fähigkeit, sich selbst nicht zu vergessen und etwas Gutes zu tun – und einen Staubsauger! 🙂 Die ersten Tage sind wie ein Crashkurs, auf den man sich theoretisch nur bedingt vorbereiten kann. Wichtig ist sicher, sich mehrere Meinungen einzuholen und verschiedener Quellen zu bedienen und dann einen eigenen Weg zu finden und der Intuition zu folgen.

… und was bleibt zurück?

Die größte Umstellung ist, dass ich die Tagesstruktur – momentan zumindest – nicht mehr selbst bestimmen kann und sich alles nach dem Baby orientiert. Das Ausschlafen und die Siestas sind zurzeit nun auch nicht mehr möglich. Soziale Kontakte und Hobbys stehen momentan hintan. Generell wurde das Handeln etwas pragmatischer.

 

Madlaina Sladecek-Dosch – Vinothekbesitzerin

Dein „Jetzt aber!“-Moment

Mein Schritt in die Selbstständigkeit! Hier verschmilzt das Persönliche mit dem Beruflichen. So gesehen war alles ein Neustart. Da ich die Vinodea komplett alleine führe, ich also ein absolutes One-Woman-Business bin, hatte ich einen Neustart auf ganz vielen Ebenen. Ich musste mir vieles neu aneignen: Buchhaltung, Online-Marketing, Webseiten-Bearbeitung, Online-Shop-Erstellung, Photoshop-Bildbearbeitung, Interviews geben, vor laufender Kamera sprechen.

Für einen Neustart braucht es …

Neben einer guten inhaltlichen und finanziellen Vorbereitung braucht es eine riesige Portion Mut, Energie, Biss und sicher auch Verrücktheit.

… und was bleibt zurück?

Ich musste so ziemlich alles aufgeben! Die finanzielle Sicherheit, Urlaub, Zeit in der Natur, Essen gehen, Zeit für die Partnerschaft. Aber die verlorene gemeinsame Zeit mit meinem Sohn ist sicher das größte Opfer, das ich erbringen musste.

 

Felizitas Schneider – Gesundheitsmanagerin

Dein „Jetzt aber!“-Moment

Das war definitiv der Umzug nach München gleich nach meiner Matura und im Umkehrschluss auch das Zurückkommen nach Wien, hier in die Josefstadt. Nach sechs Jahren in Deutschland lege ich hier einen echten Neustart hin. Es ist nicht immer einfach, doch ich habe mich innerhalb von wenigen Tagen wohl in meinem neuen Umfeld gefühlt. Jetzt heißt es, einen Job zu finden und ein neues Netzwerk aufzubauen.

Für einen Neustart braucht es. …

Ich brauche die richtigen Menschen um mich herum! Das habe ich hier in der Josefstadt sofort gehabt. Ich fühle mich nicht wie in einer großen Stadt: Innerhalb kürzester Zeit kennt man einige Menschen und man grüßt sich auf der Straße, man fühlt sich wohl hier. Das kannte ich aus München nicht, da lebt jeder für sich.

… und was bleibt zurück?

Manchmal denke ich an meinen alten Job und meine Kollegen zurück. Das fühlt sich seltsam an und ich vermisse es auch. Es bleiben immer Menschen und Erinnerungen zurück. Aber dann denke ich an mein „Warum“, meinen Antrieb, warum ich das Alte zurückgelassen habe – und dann passt das auch wieder.

 

Ronny Kokert – Shinergy-Begründer

Dein „Jetzt aber!“-Moment

Ich habe in meinem Leben schon mehrfach einen Neustart hingelegt: vom kranken Kind zum Profisportler über den achtsamen Kampftrainer zum Betreuer von Flüchtlingen. Alles begann mit einer schweren Krankheit als Kind, die mich wochenlang ans Bett gefesselt und meinen Traum, Kampfsportler zu werden, bedroht hat. Dennoch, ich habe an mich geglaubt und bin dann tatsächlich Profisportler geworden. Da mich das jedoch nicht ausgefüllt hat, habe ich dem professionellen Sport den Rücken gekehrt, um meinen eigenen sportlichen Weg zu gehen. Der dritte wirklich große Neustart war schließlich die Arbeit mit meinen geflüchteten Burschen, den „Freedom Fighters“!

Für einen Neustart braucht es …

Es braucht Mut und Liebe – und vor allem geht es aber darum, die Balance zwischen den beiden zu finden. Wir brauchen den Mut zum Unvollkommenen, weil unser Leben nie vollkommen sein wird, aber auch die Liebe zum Ideal, die Liebe, nach unseren Zielen zu streben. Wichtig ist, sich dabei zu fragen, ob diese Ziele wirklich aus unserem Innersten kommen. Ist es wichtig, das Ziel an sich zu erreichen oder das Gefühl, das wir mit dem Erreichen des Ziels verknüpfen?

… und was bleibt zurück?

Natürlich muss man etwas zurücklassen. Da geht es viel um die Kunst des Scheiterns. Das Scheitern ist unser Antrieb und Motor, ja die Chance für den persönlichen Neustart, weil es uns zwingt, aus unserer Komfortzone herauszukommen. In den Verletzungen und Narben des Lebens liegt auch etwas Wertvolles, sie machen uns einzigartig.

Renate Gruber – Konditorin

Dein „Jetzt aber!“-Moment

Ich bin in meinem Leben schon mehrfach neu gestartet, aber die zwei größten Neustarts waren: das Aufgeben meines Jobs als freie Grafikerin und die Eröffnung meiner Konditorei CupCakes Wien. Das war wirklich ein großer Sprung ins kalte Wasser. Der zweite Neustart war der, meine Ernährung komplett neu zu denken, nachdem bei einer Vorsorgeuntersuchung beim Arzt erhöhte Cholesterinwerte festgestellt wurden. Gar nicht einfach, aber wichtig und richtig!

Für einen Neustart braucht es …

Da braucht es ganz viel Mut und Kraft, aber das Allerwichtigste ist, jegliche Angst zu hinterfragen. Jeder Neustart macht Angst. Man hat dieses unangenehme Gefühl im Hinterkopf. Wenn man diese diffusen Gefühle nicht hinterfragt, dann sind sie ein ständiger Begleiter, der einen nicht loslässt. Man muss sich tatsächlich fragen: Ist das eine realistische Angst? Kann das wirklich eintreffen? Oft liegt die Wahrscheinlichkeit dafür im Promillebereich. Erst dann ist es möglich, völlig frei ins Neue zu starten.

… und was bleibt zurück?

Es bleibt immer etwas auf der Strecke, nicht nur beim Neustart. Bei mir war die Erkenntnis, nach 20 Jahren intensiven Arbeitens kaum noch persönliche Beziehungen zu haben, sehr schmerzhaft. Damit muss man umgehen können. Jetzt ist es so, dass ich eine Handvoll wirklich gute Freunde und meine Kinder habe. Alle Beziehungen, die mit Erwartungen an meine Person verknüpft waren, habe ich gehen lassen.

 

Šima Baric – HTL-Schüler

Dein „Jetzt aber!“-Moment

Davon gab es viele! Schulwechsel, Umzüge, die Trennung meiner Eltern – all das war ein Neustart für mich. Zuletzt eben der Wechsel vom Gymnasium in die HTL. Ein Neustart, auf den ich schon lange gewartet und auf den ich mich schon sehr gefreut habe. Endlich eine Schule, wo ich mich wohlfühle und wo ich das lernen kann, was mich wirklich interessiert.

Für einen Neustart braucht es …

Aus meiner Sicht braucht es eine große Portion Selbstvertrauen, nicht nur für einen Neustart, sondern auch für alles andere, was dich im Leben erwartet. Wenn du nicht an dich glaubst, wer soll es sonst tun? Und man braucht logisches Denken, um sich der neuen Situation schnellstmöglich anzupassen und Herausforderungen analysieren zu können.
Mut und Menschen, die dich unterstützen, sind sicherlich wichtig, aber wenn du etwas wirklich willst, geht es auch ohne!

… und was bleibt zurück?

Kommt auf den Neustart an! Bei der Trennung meiner Eltern musste ich einen Teil meiner Ursprungsfamilie zurücklassen, beim Schulwechsel meine Klassenkameraden – aber mit echt guten Freunden bin ich auch heute noch in Kontakt! Bei jeder Veränderung lässt man Dinge und Menschen zurück, das gehört dazu und man sollte ihnen nicht nachtrauern. Entweder sind sie dir wichtig und du bleibst in Kontakt oder eben nicht. Schließlich hast du ja einen Grund, warum du die Dinge jetzt anders machen willst.

 

Stefan Sladecek – Start-up-Gründer

Dein „Jetzt aber!“-Moment

Ich hatte in meinem Leben schon einige Neustarts, teils aus eigenem Willen heraus und teils durch berufliche oder private Rückschläge. Der derzeitige Neustart als Selbstständiger ist bisher die größte Neuorientierung: ein sehr gut bezahlter Job in der Pharmaindustrie, eingetauscht gegen die verzückende Unsicherheit eines eigenen Business, dafür mit jeder Menge Gestaltungsspielraum, Verantwortung, Risiko und ohne Vorgesetzten.

Für einen Neustart braucht es …

Vor allem zwei Dinge: Mut und großes Vertrauen in sich selbst. Ein bisschen Lebenserfahrung hilft aber ebenso beim Neustart, denn sie schützt vor Panik – das Leben geht immer weiter! Und ich kann in meiner Selbstständigkeit auf einiges aufbauen, das ich beruflich bereits erlebt habe. Der Respekt vor der Selbstständigkeit bleibt trotzdem riesig, denn es gilt eine Familie zu ernähren und Rechnungen zu bezahlen.

… und was bleibt zurück?

Mit dem Neustart von Body Mind Check lasse ich viel Altes zurück: alte Gewohnheiten, alte Arbeitskollegen, alte Denkmuster und Sicherheit. In meinem Fall sogar in doppelter Sicht: Sowohl meine Frau (Anmerkung der Redaktion: siehe Madlaina) als auch ich haben uns im vergangenen Corona-Jahr selbstständig gemacht. Als i-Tüpfelchen wurde auch noch unser Sohn im Herbst eingeschult, was die Anforderungen an den Alltag und die Beziehung erhöht. Das läuft nicht immer ganz friktionsfrei, aber ein Neustart bedeutet halt auch mal „Augen zu und durch“. Ein oftmaliges Visualisieren der langfristigen Perspektive ist der beste Antrieb, kurzfristige harte Zeiten zu überstehen und neue Motivation zu schöpfen.

 

Karoline Cvancara – Autorin und Öffentlichkeitsarbeiterin

Dein „Jetzt aber!“-Moment

Da gab es mehrere. Nach dem Konkurs unseres Plattengeschäfts Red Octopus dufte ich zuerst in
der Unternehmenskommunikation eines Industriekonzerns anfangen, später wechselte ich zu einem Musikkonzern. Dann startete ich mit einem Verlag für anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur neu, veröffentlichte 38 wundervolle Romane, musste dann leider aus finanziellen Gründen den Verlag schließen. In Kürze entscheidet es sich, ob mir wieder ein Neustart als Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit gelingt …

Für einen Neustart braucht es …

Optimismus und die Überzeugung, dass man alles schaffen kann. Aufgrund meiner Multiple-Sklerose-Erkrankung habe ich auch körperliche Einschränkungen – es ist mir aber wichtig, mit viel Selbstbewusstsein in die Zukunft zu blicken. Natürlich muss man sich viel Zeit für sich selbst gönnen und ausführlich darüber nachdenken, wo man sich selbst in Zukunft sehen möchte und was man für die Umsetzung mitbringt.

… und was bleibt zurück?

Diese Frage ist schwierig. Natürlich gibt man einen Traum auf, aber eigentlich nur, um einen neuen Weg zu finden. Nein, man sollte nie in der Vergangenheit verhaftet sein und wehmütig zurückblicken. Man nimmt so viel Erfahrung und positive Energie in den neuen Lebensabschnitt mit. Ich will nicht leugnen, dass es manchmal schmerzt, den Lebensabschnitt zu verlassen, aber mit Optimismus findet sich eine neue Aufgabe.

 

IVANA UND MARKUS WALDEN. Die leidenschaftlichen Köche und Albertplatzler betreiben mit MOVE JO! eine Facebook-Seite rund um Aktuelles aus der Josefstadt und mit VON WALDEN eine Plattform für Nachhaltigkeit und bewusste Ernährung (www.vonwalden.at). Sie lieben (fast jeden) Sport, die Natur in all ihren Facetten und den alltäglich-wunderschönen Wahnsinn mit ihrer siebenköpfigen Patchwork-Familie.

GABRIELE LUX. Ich liebe es, mittels der Fotografie Momente und Eindrücke zu sammeln. Als Josefstädterin seit 40 Jahren entdecke ich immer wieder beziehungsweise noch immer neue Motive und Ecken, die den Achten so besonders machen.


Gefördert durch die Wirtschaftsagentur Wien – ein Fonds der Stadt Wien. Realisiert in redaktioneller Unabhängigkeit.

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