Alles führt zum Licht

Die international renommierte Lichtkünstlerin Victoria Coeln verwebt in ihren Arbeiten brisante gesellschaftspolitische Themen, Wissenschaft und Kunst. Metaphern des Lichts prägen auch das Weihnachtsfest und spielen gerade in der dunklen Jahreszeit eine wichtige Rolle.

Victoria Coeln setzt sich auch intensiv mit der Gaia-Hypothese auseinander. Diese besagt, dass die Erde und ihre Biosphäre wie ein Gesamtorganismus, quasi ein einziges Lebewesen, betrachtet werden können und folglich ebenso verletzlich sind. Manche sehen in der aktuellen Corona-Krise eine Bestätigung dieser These.

Wiener Lichtblicke 

Coeln lebt in der Josefstadt und hat kurz vor Ausbruch der Coronakrise im Frühling auch ihr Atelier in den Achten verlegt. „Meine Arbeit wird sich wohl verändern, ich kann zurzeit nicht reisen.“ Dafür hat sie mittlerweile ein großes lokales Kunstprojekt in Angriff genommen, das auf die besondere Funktion von Wien als Stadt der Menschenrechte Bezug nimmt. Unter dem Titel „Wiener Lichtblicke“ will sie mit ihrem Team Lichtimpulse in die dunkle Zeit setzen. Auftraggeber ist das Menschenrechtsbüro der Stadt Wien.

Während des zweiten Lockdowns wird ein Weg der 10.000 Schritte entlang von 10 Lichtinterventionen im Stadtraum vorbereitet. Ab dem Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember sollen Jung und Alt – unter Einhaltung der geforderten Distanz – einen Monat lang dazu angeregt werden, Geist und Körper zu bewegen, um soziale Nähe neu aufzubauen. 

Die „Wiener Lichtblicke“ sollen am 10. Dezember am Platz der Menschenrechte vor dem Museumsquartier vorgestellt werden – im Fall einer Verlängerung des Lockdowns ausschließlich via Live-Stream. Danach können sie von Interessierten erwandert werden. Angelehnt an die 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen entfaltet sich von 10. Dezember 2020 bis 10. Jänner 2021 ein Lichtpfad durch die Bezirke 1, 4, 7 und 8 (siehe auch „Menschenrechtsbezirk Josefstadt“ auf Seite 5). Zehn Lichtinterventionen erweitern Stadträume, Plätze und Parks und machen sie neu sichtbar. Sie enthalten Verweise auf Gespräche mit Expert*innen, die mit ihren Beiträgen und ihrer Arbeit die Menschenrechte stärken. 

„Das mit dem Licht“

Coeln kam schon als Teenager mit der Josefstadt in Berührung – sie besuchte hier zwei Jahre lang die HAK. „Ich komme eigentlich aus dem 19. Bezirk, aber ich wollte näher ins Zentrum. Seit rund drei Jahren lebe ich im Achten und genieße es, oft auch spontan ins urbane Leben Wiens einzutauchen.“

Und wie kam sie zur Lichtkunst? „Ich bin schon sehr früh dazu angeregt worden, in die Oper und ins Theater zu gehen. In der Staatsoper hat mich eine Aufführung von ‚Die Frau ohne Schatten‘ mit einem Bühnenbild von Günther Schneider-Siemssen sehr beeindruckt. Ich wollte wissen, wie das funktioniert – das mit dem Licht.“ 

„Mein Maturathema war bereits der Dualismus des Lichts. Danach habe ich parallel Bühnenbild und Mathematik studiert.“ Wieso Mathematik? „Mathematik war meine erste Liebe, dann kam erst die Kunst. Und alles führt zum Licht. In der Mathematik denkt man in Räumen, man baut im Kopf mehrdimensionale Räume. Ich habe begonnen, in Farbräumen zu denken, und die intensivste Farbe entsteht natürlich durch das Licht.“ 

Lichtkünstlerin Victoria Coeln; Chromotope, Ephesos 2015; Wiener Lichtblicke work in progress Weghuber Park, 2020

 

Quantenphysik

„Meine Karriere als Künstlerin begann, als der Kalte Krieg noch ein Thema war: Atombomben, die Quantenphysik, der Overkill waren in diesem Zusammenhang etwas sehr Wichtiges für mich. Licht spielt auch in allen Kulturen und Religionen eine zentrale Rolle – nicht nur, aber auch als Mittel der Macht.“

Coelns Weg der Menschenrechte hat auch in der Josefstadt eine Station – nämlich im Tigerpark. Bereits 2019 machte sie mit einer Kunstintervention halt im Achten: „Serafina. Eine Breitenfelder Passion“ transformierte in der Fastenzeit die Breitenfelder Kirche. Die Lichtintervention überschrieb die Architektur des Raums und eröffnete so die Möglichkeit, sich neu auf den Ort – als schwellenfreien Versammlungs-, Kunst- und Begegnungsraum – einzulassen.

„Der öffentliche Raum ist immer ein politischer, auch der Kirchenraum. Hier finden brisante gesellschaftspolitische Diskurse statt, nicht nur zu Genderfragen. Wir müssen diese Räume erhalten, und sie sollten für alle offen sein“, so Coeln.

Breitenfelder Kirche, Victoria Coeln

 

Licht ein technisches Medium

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es eine Wende im Denken über das Licht. Licht wurde zu einem technischen Medium. Vor rund 160 Jahren, am 17. Mai 1861, zeigte der schottische Physiker James Clerk Maxwell in einem Vortrag an der Royal Institution das erste Farbfoto. „Licht ermöglicht unsere Kommunikation. Ganz sicher sind wir heute noch nicht am Ende der Wissenschaft – die nächste Generation der Quantencomputer wird eine weitere Veränderung bringen. Die Verschränkung von Lichtteilchen ist eines der eindrucksvollsten quantenphysikalischen Phänomene. Das Ganze bezieht sich auf sehr technische Elemente, aber nicht auf die Sinnlichkeit. Hier ist die Schnittstelle zur Kunst. Die Kunst spiegelt die Umbrüche in der Gesellschaft wider. Ich arbeite an Fragen des Ästhetischen und des Politischen. Wo bilden sich spannende Schnittstellen? Ein wesentlicher Aspekt in meiner Arbeit ist: Ich will Raum herstellen und allen öffnen.“

Weißes Licht gilt als Metapher für die Unendlichkeit, während durch die gezielte Unterbrechung mit Glas durch die Farbe eine Verbindlichkeit zum Leben geschaffen wird. 

„Die Technik, die ich verwende, ist enorm präzise. Ich schneide, ritze und ätze in die metallische Beschichtung von Glas, das aus der Weltraumtechnologie stammt. Die Farbigkeit entsteht hier nicht durch Pigmente, sondern quasi durch ,Verformung‘ von Lichtwellen. Ich habe mein Werkzeug vor Ort. Das heißt, ich stehe oft in einer Kabine am Hubkanzelfahrzeug, hoch ausgefahren, mit großartigem Blick über den Dächern der Stadt und bearbeite die Diachrome für die Projektionen direkt in dieser Höhe.“

Victoria Coelns jüngste große Arbeit war das Lichtfest Leipzig 2019 anlässlich 30 Jahre Friedliche Revolution beziehungsweise Fall des Eisernen Vorhangs. Gemeinsam mit ihrem künstlerischen Partner, dem Choreografen und Tänzer Žiga Jereb, schlug sie ihr Lichtstudio für mehrere Monate mitten im Ausstellungsbetrieb des Museums der bildenden Künste Leipzig auf. Ab dem Jahrestag der ersten Montagsdemonstration des Herbsts 1989, dem 4. September, entfalteten sich auf knapp vier Kilometern sechs Lichträume entlang des Leipziger Innenstadtrings. Am 9. Oktober, ­genau 30 Jahre nach dem Tag, an dem das DDR-Regime erstmals zurückwich, wurden 30 Lichtinterventionen zu einem Lichtring verbunden. Heuer jährte sich die Wiedervereinigung Deutschlands zu 30. Mal. Große Feste gab es nicht.

Auch in Wien gab es in Anbetracht der hohen Zahlen an Corona-Infizierten nichts zu feiern und der Terroranschlag in der Innenstadt Anfang November machte Österreich noch verletzlicher. Darum sind Kunstinitiativen wie die „Wiener Lichtblicke“ von Victoria Coeln in dieser „dunklen“ Zeit umso wichtiger und haben etwas Tröstliches – analog wie auch digital.

▶ Victoria Coeln: www.peacefulrevolution.net
NIPAS: www.nipas.ac.at

 

Löwenapotheke; Lichtzeichen; Jösefstädter Straße

Erste Schaufenster­beleuchtung

1816 installierte Joseph Moser in seiner Apotheke „Zum goldenen Löwen“ eine Gasbeleuchtung (mit sogenanntem Leuchtgas, das er aus Erdharz gewann). Die Beleuchtung der Schaufenster bestaunte ganz Wien, und selbst Franz I. kam mit der kaiserlichen Familie in die Apotheke, um das neue Licht zu sehen. 

Im Oktober 1816 wurden im Polytechnischen Institut weitere Versuche mit Gasbeleuchtung unternommen. Am 8. Juli 1818 wurden die ersten Gasstraßenleuchten im 1. Bezirk entzündet. Zwischen 28. April und 8. Mai 1826 wurden 15 Gaslaternen nächst dem Franzenstor, auf der Josefstädter Brücke sowie in der Teinfalt- und der Löwelstraße aufgestellt. Sie erwiesen sich als zweckmäßig und fanden rasch Verbreitung – so wurden beispielsweise bereits 1826 in Breitenfeld 75 Laternen angeschafft. 

▶ Löwenapotheke: Josefstädter Straße 25

 

Lichtinstallation in Sternenform

In der Neudeggergasse 12 im 8. Bezirk steht heute ein Gemeindebau. Bis 1938 befand sich hier eine Synagoge, die im Zuge des Novemberpogroms von den Nationalsozialisten zerstört wurde. Das Projekt „OT“ des Jüdischen Museums Wien in Kooperation mit der TU Wien und der Klasse für Transmediale Kunst an der Universität für angewandte Kunst erinnert seit 2018 an die zerstörten Synagogen Wiens.

Die 5 Meter hohe „Sternstele“ des Künstlers Lukas Kaufmann trägt einen in sich verflochtenen leuchtenden Davidstern. Eine in den Mast eingravierte Inschrift verweist auf den Namen der jeweiligen Synagoge und die gewaltsame Zerstörung während des NS-Regimes; über einen QR-Code auf der Stele können Visualisierungen der rekonstruierten Synagoge abgerufen werden.

www.lichtzeichen.wien

 

Kugeln in Blau

Die Josefstädter Weihnachtsbeleuchtung wurde heuer sozusagen runderneuert und 150 defekte Leuchtkörper wurden gegen neue LEDs aus recycelbaren Bio-Werkstoffträgern getauscht. Im Vorjahr war es ja dunkel geblieben. Damit die Josefstädter Straße in Weihnachtsstimmung eintauchen kann, hat der Bezirk laut „Bezirkszeitung“ das blaue Licht mit 60.000 Euro mitfinanziert. Weitere 24.000 Euro kamen von der Wiener Wirtschaftsagentur, ebenso viel von der Wirtschaftskammer. Zu hoffen bleibt, dass die insgesamt 108.000 Euro gut investiert sind und dem Verein der Kaufleute auch 2021 ein Licht aufgeht. 

www.josefstadt-online.at