D-A: Eine Spirale aus Missverständnissen

Die Schlagwortliste zur Beschreibung der deutsch-österreichischen Beziehung ist lang und langweilig.

Von Nathalie Kroll

Es ist eine Eigenart, von der wir uns alle nicht freimachen können. Mütter schauen anderen Müttern hinterher, bewerten Kind, Kinderwagen und den jeweiligen Ermüdungszustand. Das Vergleichen ist Teil unserer DNA, wir machen es alle. Der Grund ist so einfach wie selbsterklärend. Wir wollen ein realistisches Selbstbild. Liege ich im Durchschnitt, bin ich besser oder schlechter? Es geht nicht um unser Gegenüber, es geht um uns selbst. In Relation zu einer anderen Bezugsgröße machen viele Dinge erst einen Sinn. Und so ist es auch wenig überraschend, dass sich zwei Länder, die sich aufgrund ihrer Sprache, Geschichte und Kultur ähneln, laufend miteinander vergleichen.

Wer glaubt, dass der große dem kleinen Bruder in allen Punkten überlegen ist, der irrt natürlich. Deutschland ist beim Thema Digitalisierung auf dem Stand eines Entwicklungslandes und von der Einführung eines bezahlbaren Klimatickets weit entfernt. Zwei aktuelle Beispiele, bei denen Österreich zweifelsfrei eine Vorreiterrolle zukommt.

Ebenfalls unangefochten ist die Alpenrepublik bei der rekordverdächtigen Besetzung ihres Bundeskanzleramts. Offensichtlich gibt es im Hintergrund funktionierende Strukturen, die eine solche Kanzlerfluktuation aushalten und das Land stabilisieren. Das ist anders nicht zu erklären. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass das politische Geschehen in Österreich skandalbehafteter und erschreckend folgenloser über die Bühne geht als im Nachbarland.

Beide Länder haben im internationalen Kontext politisch und wirtschaftlich ein unterschiedliches Gewicht. Das Ungleichgewicht ist eine logische Folge der geografischen und demografischen Gegebenheiten. Österreich ist mit Blick auf die Bevölkerungsgröße nicht einmal die Hälfte von Nordrhein-Westfalen. Das ist ein Fakt. Der eine oder andere Leser mag sich jetzt gestört fühlen. Ist es nicht diese direkte Art, die die Deutschen bei den Österreichern so unbeliebt macht?

Aktuell leben über 216.000 Menschen mit deutschem Pass in Österreich. Sie sind die größte Ausländergruppe. Während in Wien die serbischen Staatsbürger:innen den ersten Platz einnehmen, bilden die Deutschen mit einem Anteil von 6,3 % (2020) die größte Gruppe in der Josefstadt. Rund ein Drittel der Josefstädter:innen hat keinen österreichischen Pass. Ein relativ hoher Anteil angesichts der Tatsache, dass die Josefstadt nicht in erster Linie für ihre multikulturelle Vielfalt bekannt ist. Übertroffen wird dieser Anteil von der bunten Zusammensetzung in der KOR8. Hier arbeiten Menschen aus Österreich, Deutschland und Ungarn zusammen. Dabei bilden die deutschen KOR8-ler mit einem Anteil von rund 50 % die größte Gruppe. Demzufolge wird auch in der Bürger:innen-Redaktion das Verhältnis zwischen Österreichern und Deutschen durchaus kontrovers diskutiert.

4er Collage: Bild 1: ein Mann und drei Frauen und ein Schäferhund sitzen auf einer Bank, Bild2: Wien´s Bürgermeister, Michael Ludwig und zwei Männer, die auf einer Bank sitzen, halten einen Fussball, Bild 3: Foto von Frankfurterwürstel mit Senf und Semmel, Bild 4: Aufnahme des Wiener Würstelstands in der Pfeilgasse, zwei Menschen stehen mit dem Rücken zum Betrachter

Piefke-Saga, Córdoba, Numerus-clausus-Flüchtlinge: Die Schlagwortliste zur Beschreibung der deutsch-österreichischen Beziehung ist lang und langweilig. Alles schon hundert Mal gehört und gelesen. Ein ebenso wiederkehrendes, dennoch wichtigeres Thema ist die von Deutschen in Österreich empfundene Ausgrenzung – in den Augen einiger Österreicher:innen ein Gejammer auf hohem Niveau, schließlich seien die Deutschen ja keine „echten Ausländer“. Sie sind es aber, sie sind es per Definition und weil sie hier auch zu solchen gemacht werden. Falsch ist das nicht, denn die Deutschen sind in Österreich nur zu Gast. Als Studierende, als Arbeitnehmer:innen oder Verliebte, die der Liebe wegen hierher ziehen. Ausländer:in zu sein, ist nicht das Problem, solange man im persönlichen und beruflichen Umfeld zugehörig ist. Aber viele brauchen Jahre, um anzukommen, einigen gelingt es gar nicht. Die Schuld geben sie den Österreicher:innen, die ihnen das Gefühl geben, nicht wirklich dazuzugehören. Und spätestens jetzt drehen wir uns im Kreis, gefangen in einer Spirale aus Missverständnissen, Verallgemeinerungen und gegenseitigen Vorurteilen. Dabei sollte es im Kern doch um die Persönlichkeit und den Willen zur Integration und nicht um die Nationalität gehen. Unser Zusammenleben wäre um ein Vielfaches einfacher, wenn wir uns als Menschen mit Ecken und Kanten sehen würden. Direktheit ist nicht typisch deutsch, sie ist ein Teil des Charakters – auch von Österreicher:innen. Aber eine Handvoll schlechter Erfahrungen lassen viele Deutsche in Österreich in die Falle der Selbst-Ausgrenzung laufen. Sie wissen (bzw. sie glauben zu wissen), dass, wenn sie nur den Mund aufmachen, ihnen der Piefke-Stempel mit entsprechendem Stigma auf der Stirn klebt.

Ein gemischtes Umfeld hilft, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu nutzen. Solch ein Umfeld habe ich. Ich bleibe noch ein bisschen in Wien.

Wiener Würstchen

Was täten die Österreicher ohne ihr Frankfurter Würstel und in weiterer Folge ohne Würstelstand? Ein nach Wien ausgewanderter Frankfurter Fleischermeister, oder besser Metzger, erfand Anfang des 19. Jahrhunderts, nur wenige Schritte vom „derAchte“-Redaktionsstandort in Altlerchenfeld entfernt, die weltberühmte Wurst, die auf der anderen Seite des Weißwurstäquators „Wiener Würstchen“ heißt. Der Name ist nebensächlich – schmecken muss es!

Piefke-Saga

Woher stammt „Piefke“? Nach dem Deutsch-Österreichischen Krieg 1866 hielt die preußische Armee auf dem Marchfeld bei Gänserndorf eine große Parade ab. Johann Gottfried Piefke dirigierte mit dem Degen die Militärmusik, neben ihm marschierte sein Bruder. Die zwei 1,90 großen Männer im Gleichschritt machten großen Eindruck. Die Österreicher verloren in Königgrätz den Krieg gegen die Preußen – das eigentlich aus einer Bewunderung heraus entstandene Schimpfwort „Piefke“ ist bis heute das Synonym für deutsche Bundesbürger:innen schlechthin geblieben. Diese Hassliebe fand in der „Piefke-Saga“ Anfang der 1990er sogar filmischen Ausdruck.

Unter Deutschen

Eine deutsch-österreichische Hass-Liebes-Geschichte: Der Österreicher Christian Moser hat viel von der Welt gesehen. Erlebt hat er das meiste in zwei Welten namens Österreich und Deutschland. In seinem Erstlingswerk mosert er darüber, was er in beiden Gefilden durchlebt und beobachtet hat. Ein kleiner Unhold namens Corona hat so manche nationale Verhaltensoriginalität exponentiell wachsen und gedeihen lassen. Augenzwinkernd-naserümpfend hält Moser sich und allen Eingeborenen den Spiegel vor.

▶ Christian Moser: Unter Deutschen ISBN/EAN 978-3-200-07761-4, Verlag Mosers Büro GmbH

Zahlenspielerei

Von den knapp 216.789 in Österreich lebenden Deutschen (Stand 1. 1. 2022 Statistik Austria) lebten rund ein Viertel (54.111) in Wien. Nach Geburtsländern der Neo-Wiener:innen 2021 liegt Deutschland mit einem Plus von 2000 nach Syrien an der zweiten Stelle. In die Josefstadt zogen 2019 am meisten Deutsche zu und der Bevölkerungsanteil von deutschen Bundesbürger:innen lag bei überdurchschnittlichen 6,3 %.


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