Das geheimnisvolle Haus

Viele Jahre, gar Jahrzehnte, ist man an dem wunderschönen Gründerzeithaus mit den Türmchen am Beginn der Blindengasse vorbeigegangen – fasziniert von der Marmorfassade mit den imposanten Säulen und verwundert darüber, dass dieses Juwel ein Aschenputtel-Dasein fristete.

Von Elisabeth Hundstorfer

Nur ein paar verstaubte Schreibmaschinen in der Auslage waren zu sehen – was sich dahinter verbarg, war nicht einsehbar. Alles sehr geheimnisvoll … Heute staunt man doppelt, denn das Haus wurde wunderschön herausgeputzt. Um das Geheimnis zu lüften, was sich heute in dem ehemaligen Büromaschinengeschäft verbirgt, haben wir ihm und seinen neuen Mieter:innen einen Besuch abgestattet.

Im Erdgeschoß hat ein neues Lokal mit einem innovativen Konzept Einzug gehalten. Hier geht es nicht nur ums gute Essen und Trinken, sondern auch um Menschlichkeit. Umso passender ist auch der Name: „Das kleine Paradies“. Neuerdings kann man hier auch am Nachmittag bei Kaffee und sensationellen Nuss-Kokos-Kipferln im siebten Himmel schweben – und gleichzeitig werden dadurch Menschen beim Start in ein neues Leben in Sicherheit unterstützt.

Über dem edlen, denkmalgeschützten Gastraum wohnen Menschen, die aufgrund von Verfolgung oder Krieg ihre Heimat verlassen mussten. Seit 2019 bietet das Haus, das heute als „Tralalobe Haus Josefstadt“ bekannt ist, rund 60 Menschen, davon die Hälfte Kinder, ein neues Zuhause. Auf vier Stockwerken finden alleinerziehende Mütter und ihre Kinder, alleinstehende Frauen, LGBTIQ (lesbisch, gay, bi, transgender, intersexuell, queer) Asylwerbende und Familien geschützten Wohnraum, Betreuung und Beratung.

Tralalobe kümmert sich seit 2012 um bedürftige Menschen. Michaela Klein, Mitbesitzerin von Almdudler, ist Gründerin und Präsidentin des gemeinnützigen Vereins, Andreas Diendorfer obliegt die Geschäftsführung. Das Wohnhaus in der Blindengasse wird von Johanna Singer geführt. Die Vierte im Bunde ist Eschi Fiege, sie ist für das Gastronomische im „kleinen Paradies“ zuständig.

Ein Gewinn für die Josefstadt

Was hat den Verein Tralalobe in die Josefstadt geführt? „Wir waren lange vor der Flüchtlingskrise bereits auf der Suche nach einem geeigneten Haus. Schlussendlich hat uns der Hausbesitzer Günter Kerbler angeboten, das Haus zu renovieren und uns zu einer ortsüblichen Miete zu vermieten. Unser Vorteil war, dass wir von Anfang an in die Sanierung eingebunden waren und die einzelnen Stockwerke nach unseren Vorstellungen bzw. angepasst an die Bedürfnisse der Menschen, die wir hier unterbringen wollten, mitplanen konnten. Unsere Wohnungen sind großzügig gestaltet, damit sich die Menschen wohlfühlen, ankommen und sicher fühlen können. „Wir legen auf die Privatsphäre unserer Bewohner:innen großen Wert“, erzählt Michaela Klein. „Hier werden vor allem Menschen aus vulnerablen Gruppen betreut und rund 30 Kinder. Als wir unser Projekt 2018 dem Bezirk vorstellten, wurden wir herzlich willkommen geheißen. Auch die wenigen skeptischen Nachbarn freuen sich über uns, weil sie jetzt auf ein wunderschönes Haus blicken“, beschreibt Andreas Diendorfer den Beginn im Achten.

„Wir sind mittlerweile auch eine Drehscheibe für NGOs geworden. Der Verein hat seinen Sitz hier und die Möglichkeit, in einem der schönsten Restaurants der Stadt Meetings abzuhalten, wissen alle sehr zu schätzen und kommen gerne zu uns. So sind wir auch als Tralalobe-Verein ein Aushängeschild für den Bezirk.“

„Das kleine Paradies“ wird seinem Namen nicht nur optisch gerecht, sondern auch kulinarisch. Seit wenigen Wochen ist auch am Nachmittag geöffnet. Zwischen Mittagsmenüs und Abendessen kredenzt man jetzt auch eine köstliche Kaffeejause sowie kleine Speisen für den Hunger zwischendurch. Insidertipp ist der Bratltag am Montag.

Gastraum mit gedeckten Tischen; daneben Bild mit Gastraum und einem Mann und einer Frau stehend hinter Tisch mit Blumenvase

Andreas Diendorfer und Michaela Klein sind die Masterminds hinter Tralalobe © Mario Lang

Tralalobe und „kleines Paradies“ greifen ineinander

„Das kleine Paradies“ ist nicht nur ein Platz für Feinschmecker, sondern bietet auch den Bewohner:innen des Tralalobe-Hauses Arbeit. So wurden die Tischtücher und Pölster für den gemütlichen Gastraum in einer der darüberliegenden Wohnungen genäht. Besondere Freude bereitet ein junger Mann in der Küche. Er hat das Kochen für sich entdeckt und sein Talent wird durch eine Ausbildung im Haus gefördert. „Für manche ist das ihr erster Arbeitsplatz. Solange die geflüchteten Menschen in der Grundversorgung sind, dürfen sie nur 110 Euro im Monat dazuverdienen, das ist nicht viel. Wir sind eigentlich nur eine Durchlaufstation. Ein Schwerpunkt ist nicht nur das intensive Deutschlernen, sondern auch die Rechtsberatung. Unser Ziel ist es, durch unsere professionelle Begleitung die Menschen in ein selbstbestimmtes Leben zu führen“, erläutert Johanna Singer.

Und wie können die Josefstädter:innen sie dabei begleiten? „Da bei uns immer wieder neue Bewohner:innen einziehen, brauchen wir auch immer wieder neuwertiges Bettzeug, Handtücher, kleine Küchengeräte wie Wasserkocher oder Mixer, auch elektrische Zahnbürsten. Das sind meist die Dinge, die ausziehende Menschen zu ihrer nächsten Station mitnehmen.“ Und im liebevoll eingerichteten Gemeinschaftsraum findet sich eine nette Kindermöbelgruppe, die darauf wartet, dass der Raum endlich wieder mit spielenden Kindern und Jugendlichen gefüllt wird. Corona hat auch im Taralalobe-Haus Spuren hinterlassen. Das Angebot von Personen aus der Bevölkerung, mit den Kindern zu spielen, wird gerne angenommen. Nicht nur, weil die Mütter, oft Alleinerzieherinnen, entlastet werden – die Kinder können so auch spielerisch Deutsch lernen.

Und natürlich kann die Josefstädter Bevölkerung mit einem Besuch im „kleinen Paradies“ helfen. Man tut sich bei einem netten Dinner etwas Gutes und unterstützt gleichzeitig ein großartiges Projekt, bei dem vor allem sehr junge Flüchtlinge aus vulnerablen Gruppen auf dem Weg in ein selbstständiges Leben in einem fremden Land, einer fremden Kultur und meist ohne Angehörige bestmöglich begleitet werden.

Johanna Singer führt abschließend noch durch das freundliche Haus, wir werden von den Bewohner:innen sehr herzlich empfangen. Alle, mit denen wir dabei ins Gespräch kommen, sind überglücklich, hier zu sein. Erstaunlich, dass die meisten nach wenigen Monaten in Österreich schon sensationell gut Deutsch sprechen. Das Geheimnis liegt auf der Hand:
Willkommenskultur à la Tralalobe!

Tralalobe Haus Josefstadt, der Eingang befindet sich auf der Rückseite vom Kleinen Paradies.
8., Lerchenfelder Gürtel 48. +43 664 5302830, josefstadt@tralalobe.at
www.tralalobe.at/projekte/tralalobe-haus-wien-josefstadt

Kooperationen: +43 670 3581317, Spenderservice: +43 670 4020076, spenden@tralalobe.at
Spendenkonto: Erste Bank, AT70 2011 1841 5332 5500

Collage aus 3 Bildern. Bild 1: vier lachende Mädchen, Bild 2: Drei Frauen sitzen nebeneinander und lächeln, Bild 3: Frau hat kleines Mädchen auf dem Schoß, beide schauen auf einen Computerbildschirm

Unten links: das Team von Vita Nova; rechts: Johanna Singer springt im Tralalobehaus auch bei der Kinderbetreuung ein

 

„Der Weg der Freiheit“

Oder: „Wie ich von Geflüchteten lernte, anzukommen.“ Können wir von Geflüchteten lernen, frei zu sein? – Als Kampfsportweltmeister Ronny Kokert 2016 sein Projekt „Freedom Fighters“ startet, ahnt er nicht, welch unglaubliche Reise ihm bevorsteht: Das Training mit jungen Kriegsflüchtlingen konfrontiert ihn nicht nur mit deren Ängsten, Zweifeln und Hoffnungen, sondern auch mit seinen eigenen. Ihr gemeinsamer „Weg der Freiheit“ führt vom Flüchtlingslager über Titelkämpfe und Asylverfahren bis in die Hölle von Moria – und zwingt zum Blick in den Spiegel. Kokert erzählt sehr persönlich vom Umgang mit Wut und Scheitern, aber auch von Selbstakzeptanz, Mitmenschlichkeit und dem Überwinden der Vergangenheit. Seine Erzählung ist Inspiration für alle, die ihren Weg der Freiheit suchen.

▶ Der Weg der Freiheit. Von Ronny Kokert. Verlag Kremayr-Scheriau, ISBN 978-3-218-01277-5

 

Das Karwanhaus …

… der Caritas bietet Platz für rund 150 Menschen auf der Flucht. Dank der barrierefreien Ausstattung des Hauses ist es möglich, physisch kranke Menschen angemessen zu betreuen.

Ein weiterer Schwerpunkt im Haus ist die Betreuung der Kinder. Kinder verstehen oft nicht, warum sie Heimat, Verwandte oder Freunde verlassen mussten. Daher sind Kinder häufig seelisch belastet und traumatisiert und brauchen eine intensivere Betreuung. Wichtigstes Ziel ist es, Menschen während ihres Asylverfahrens zur Seite zu stehen. Nach Abschluss des Asylverfahrens unterstützt die Caritas beim möglichst raschen Einstieg in ein eigenständiges Leben.

▶ Caritas, Karwanhaus. 8., Blindengasse 44. +43 1 4092331, karwan@caritas-wien.at, www.caritas-wien.at/hilfe-angebote/asyl-integration/wohnen/wohnhaeuser/karwanhaus/

 

Nachbetreuung …

… in dislozierten Wohnungen bietet seit August 2017 der Verein Vita Nova für junge, gut integrierte Erwachsene ab dem 18. Lebensjahr. Die eigene Wohnung ist neben der Arbeit sowie der sozialen, kulturellen und politischen Teilhabe eine Grundvoraussetzung für ein menschenwürdiges Leben. Die Möglichkeit, in Privatwohnungen zu leben, vermindert zudem Stigmatisierung und Ausgrenzung.

Die intensive sozialpädagogische Betreuung hat eine Basis des Vertrauens entstehen lassen, die den Jugendlichen Stabilität und ein großes Maß an Sicherheit geboten hat. Das Ziel der Nachbetreuung ist es, die jungen Erwachsenen auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben in Österreich zu unterstützen und zu begleiten.

▶ Vita Nova – Verein für integrative Begleitung. 8., Strozzigasse 43.
www.vitanova.wien

 

Polizeianhaltezentrum …

… Hernalser Gürtel. Dass das größte Polizeianhaltezentrum (PAZ) Österreichs sich in der Josefstadt befindet, ist wenigen bekannt. Stand Mai 2018 wurden in der Anstalt täglich an die 150 Schubhäftlinge festgehalten, zumeist Algerier, Marokkaner, Nigerianer und Afghanen. Im gesamten Jahr 2017 wurden 3.200 Abschiebungen über dieses PAZ abgewickelt.

Die Mehrheit der Insassen erhält tagsüber Aufschluss. Es ist ein Hogang von täglich einer Stunde vorgesehen. Die Insassen reinigen ihre Zellen selbst. Besuch ist einmal pro Woche erlaubt. Im PAZ kommt es wiederholt zu Hungerstreiks, auch Amnesty International übt immer wieder Kritik.

▶ PAZ Hernalser Gürtel. 8., Breitenfelder Gasse 21