Das Leben in Neuanfängen

Seit der Geburt meines Sohnes lebe ich in Neuanfängen. Sicher, ich wurde „gewarnt“, mit Kindern sei alles anders. Aber der Anblick gechillter Eltern in Cafés, deren Babys selig in Kinderwagen schlummern, ließ mich gelassen in die Zukunft blicken.

Von Natalie Kroll

MOMENTAUFNAHMEN, das weiß ich heute. Seit  November 2020 lässt mich Manuel jede bekannte Erfahrung aufs Neue erleben. Spontan im Achten ins Restaurant und dann auf einen Absacker ins Grande? Klar geht das, aber anders. Ohne (akribische) Vorbereitung geht gar nichts mehr, allein das Zusammensuchen der Babysachen lässt jedwede Spontanität im Keim ersticken. Alles muss mitgeschleppt und bedacht werden. Ein Besuch in der Buchhandlung Erlkönig, das gemütliche Stöbern in den Regalen, alles steht und fällt mit der Laune dieser achtzig Zentimeter. Meine Selbstbestimmtheit liegt heulend in der Ecke und dennoch: Ich bin dankbar für jede Lektion in Geduld und  Rücksichtnahme, die mich dieses kleine Wesen lehrt. Vor allem aber habe ich gelernt, wie wenig es braucht, um glücklich zu sein. Ein Kochlöffel reicht als Spielzeug, eine Grimasse als Vorlage für einen Lachanfall.

Manuel will vor allem eines und davon viel: Aufmerksamkeit. Dieses Jahr feiern wir das zweite Weihnachten als Eltern. Der Anspruch ist groß, schließlich erinnern wir uns ein Leben lang an die Weihnachtsfeste unserer Kindheit. 2020, Manuel war gerade vier Wochen alt, organisierte sein Vater einen vier Meter hohen Tannenbaum. Das  Wohnzimmer bestand aus Baum und nochmal Baum, jedes zweite Päckchen war für Manuel, der den ersten Heiligen Abend seines Lebens komplett verschlief.

Und jetzt? Was schenkt man einem Einjährigen, der den 24. Dezember nicht vom 15. Jänner unterscheiden kann? Die Liste an Trendspielzeugen und vermeintlichen Must-haves ist endlos. Aber keine Toniebox der Welt ersetzt Liebe und gemeinsame Zeit. Zu pathetisch? Nein, das ist der Geist von Weihnachten. In diesem Sinne werden wir dieses Jahr hoffentlich das nachholen, was in den letzten Monaten durch Lockdowns und Einschränkungen zu kurz kam: Zeit mit der Familie. Das Einfache ist mehr als genug.

 

NATHALIE KROLL, eine deutsch-bolivianische Mischung, lebt seit fünf Jahren in der Josefstadt. Ihr Traum: das eigene Buch. Zeit und Mut fehlen. Umso mehr freut es sie, bei der KOR8 mitschreiben zu können.


Ausgabe 04/2021


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