Das Palais Auersperg

Gibt es in Wien etwas zu feiern, geht man gern ins Auersperg. Hier fanden royale Hochzeiten statt und wurden Staatsgäste wie Haile Selassie oder Pandit Nehru empfangen, hier tanzten Kaiserin Elisabeth und ihr Franzl am feinen Frühlingsball und Drag Queens am schrillen Rosenball. Ob Clubbing, Kinderliteraturfestival oder Erotikmesse, in rund 300 Jahren hat das Haus mit Geschichte schon beinahe alles gesehen. 

Dort, wo Lerchenfelder Straße und die sogenannte Zweierlinie zusammenlaufen und als Eck die Josefstadt begrenzen, befindet sich mit dem Palais Auersperg ein beeindruckender Bau. Und wer hier am frühen Abend vorbeikommt, stößt – zumindest in Zeiten, in denen die Pandemie nicht das Kulturgeschehen der Stadt lahmlegt – des Öfteren auf größere Besuchertrauben vor dem Eingang. Meist sind es Touristen, die für einen Abend in das monarchisch angehauchte Wien von anno dazumal eintauchen wollen, denn drinnen im Palais spielt das Residenzorchester auf: Auf dem Programm steht ein Potpourri der Highlights von Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Strauss, wenngleich andere musikalische Größen in der Geschichte dieses Ortes eine wesentlich größere Rolle gespielt haben. Aber was bedeutsam ist oder nicht, was wahr ist oder bloß erfunden, das ist naturgemäß auch bei einem Bauwerk mit dreihundertjähriger Geschichte nicht immer leicht zu fassen. Das zeigt sich schon daran, dass die Pläne für den Bau des Palais einmal dem damaligen „Stararchitekten“ Fischer von Erlach, dann wieder seinem zeitweiligen Kontrahenten Johann Lukas Hildebrandt oder gar beiden zugleich zugeschrieben werden. Nichts davon ist allerdings gesichert. Gewiss ist, dass um 1720 die Adeligen Wiens, so sie es sich leisten konnten, danach trachteten, ihr eigenes „Mini-Belvedere“ in der Vorstadt zu errichten, und dass ein Marchese Hieronymus Capece de Rofrano, kaiserlicher Generalpostmeister in Italien, das Grundstück an der heutigen Auerspergstraße erwarb und für den ersten großen Ausbau des Garten-Palais verantwortlich zeichnete. Schon damals zog sich das Areal fast bis hinauf zur heutigen Lange Gasse und verfügte in einem vis-à-vis der Trautsongasse gelegenen Nebentrakt über Reitschule, Stallburg und Wagenremise. Später kam auch noch ein Ballhaus entlang der Lerchenfelder Straße hinzu, dass aber nach heftigen Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg, wie so viele historische Bauten, abgerissen werden musste. Heute steht dort ein Amtshaus der Stadt Wien. Dem Palais vorgelagert waren im 18. Jahrhundert großzügige Rasenflächen und somit war der Blick frei hinunter zur eigentlichen Stadt, zum Glacis und zum Burgtor.

Wer heute das Auersperg betritt, kommt – vorbei an der Garderobe im ovalen Foyer, der einstigen Wagendurchfahrt – rasch zu einem der Prunkstücke des Palais. Die doppelseitig, also sowohl links als auch rechts hinauf zum Hauptsaal führende Feststiege hat auch im berühmtesten Wien-Spielfilm „Der dritte Mann“ ihren Auftritt: Harry Limes Freundin Anna, die mit gefälschten Papieren in Wien lebt, wird in einer Filmszene von den als „Vier im Jeep“ bekannten alliierten Polizeikräften festgenommen und hierhergebracht. Und tatsächlich war das Palais von 1945 bis 1953 das Hauptquartier der Interalliierten Militärpatrouille. Bereits im April 1945 tagte hier unter dem Namen „O5“ der Zusammenschluss der österreichischen Widerstandsgruppen, um an der Wiederbelebung eines neuen Österreichs mitzuarbeiten. Und schon in den Jahren zuvor bot es Unterschlupf für manche Regimegegner.

Wer durch das Palais streift, spürt überall den Hauch der Geschichte, trifft auf einen bunten Stilmix aus Barock, Empire und Klassizismus, kann in Bibliothek, Wintergarten oder Musiksalon Tapisserien, Deckenfresken oder Kinder- und Jugendporträts Kaiser Franz Josephs betrachten und wird auf so manche Kuriositäten treffen, die die Fantasie beflügeln. So wie die beiden weiß-goldenen Öfen im „Maria-Theresien-Saal“: Beide sind äußerlich vollkommen gleich, abgesehen davon, dass sie in unterschiedlichen Ecken des Saals stehen. Aber nur einer dient tatsächlich zum Heizen, der andere ist eine Attrappe, in die man durch eine Geheimtür klettern kann, um bequem darin zu sitzen. War dies ein Versteck für geheime Lauschangriffe? Oder nutzte ihn eine singende Baroness für Überraschungsauftritte während einer der zahlreichen privaten Musikabende des Adels? Oder steht er wirklich nur der Symmetrie wegen hier?

Das Rätsel lässt sich nicht lösen, deshalb werfen wir lieber noch einen Blick in den Hauptsaal, den darf man sowieso nicht verpassen. „Rosenkavalier-Saal“ heißt er heute, weil im Libretto der gleichnamigen Oper von Hugo von Hofmannsthal ein Rofrano eine wesentliche Rolle spielt. Und wir erinnern uns: 1720, Capece de Rofrano, alles klar? Aber egal, ob nun künstlerische Absicht oder gewiefte Marketing-Idee dahinterstecken mag, der im Empire-Stil gehaltene „Rosenkavalier-Saal“ verfehlt seine Wirkung nicht: Rosa und grün marmorierte Wände und Pilaster, ein Friesband mit antiken Fecht- und Kampfszenen – ja, ein bisserl pompös ist das alles schon, aber allein die Höhe des Raums und das Lichtspiel der vielen funkelnden Kristallluster beeindrucken sicher alle, die zum ersten Mal eintreten, und lassen die einstige Größe und Macht jener spüren, die hier gelebt und gefeiert haben.

Und das waren nicht wenige und durchaus unterschiedliche Persönlichkeiten. Darunter natürlich die Fürsten von Auersperg, aber auch ein Feldmarschall Friedrich Wilhelm Prinz von Sachsen-Hildburghausen, der offenbar als Oberbefehlshaber der Reichsarmee wenig taugte, aber aufgrund seiner kulturellen Leidenschaft musikalische Soireen veranstaltete, für deren Gestaltung er den Hofkapellmeister Christoph Willibald Gluck engagierte. Außergewöhnlich auch die Vita eines Feldmarschallleutnants in österreichischen Diensten, der zugleich als schwedischer „Prinz von Wasa“ von 1827 bis 1837 im Palais eine Art Exil-Königshof führte – sein Vater, König Gustav IV. Adolf, war 1809 auf Schloss Gripsholm gefangen genommen und zur Abdankung gezwungen worden.

Wem bei so vielen Namen schwindlig wird, der kann sich zur Erholung ja in den weitläufigen Garten verziehen. Nur einen „Hupfer“ entfernt vom Rathaus und vom Ring liegt hier ein grüner Ort der Stille mit schönem altem Baumbestand. Fantastisch! 

Von der einst prächtigen Orangerie ist zwar nicht mehr viel geblieben und leider führt auch kein Weg mehr durch die Grotte und vorbei am „römischen Grab“ zum sogenannten „Tempel der Flora“. In diesem rotundenartigen Bau mit Kuppeldach sollen 1791 die Gäste bei einem rauschenden Fest mit königlichem Besuch aus Neapel unterhalten worden sein. Zwischen Galadiner im Garten und Abend-Amüsement im Ballsaal konnte man auf blumenbestreuten Sitzen bei Musik und Kantaten verweilen. Heute würde man das wohl als Chill-out-Zone bezeichnen. Geblieben ist von diesem Tempel bloß die Statue der Göttin in einer Mauernische des Gartens. In den 1950er-Jahren, als der Unternehmer Alfred Weiss das Haus erwarb und seine Rösterei „Arabia Kaffee“ einquartierte, ließ er auch einen Kaffeehausbetrieb mit Platz für 600 Gäste einrichten. Da konnten dann auch die „einfachen“ Bürger ohne vorige Einladung auf eine Melange hier sitzen. Aber auch dieses Etablissement hielt sich nicht und bis heute wechselten mehrmals die Besitzer. Nun ist es wieder mal so weit. Ob die Wiener weiter hier feiern und vielleicht auch den Park genießen können? Man darf gespannt sein.

www.auersperg.com

 

Literatur für junge Leser*innen

Wiens größtes Kinderliteraturfestival lockt jährlich zahlreiche große und kleine Leser*innen ins Palais Auersperg zu Lesungen, Workshops, Theaterstücken und Konzerten. In fast allen Veranstaltungen können die Kinder in Dialog mit Autor*innen und Illustrator*innen treten und so einen fantasievollen und lebendigen Umgang mit dem Medium Buch erleben. Zusätzliches Highlight: eine mit rund 2.000 aktuellen Kinder- und Jugendbüchern bestückte Ausstellung! Pandemiebedingt gibt es das nächste Festival leider erst 2022.

www.jugendliteratur.at, www.kinderliteraturfestival.at

 

Parkgarage Astoria

Über der arkadenartigen Durchfahrt in der Trautsongasse mit der Aufschrift „Astoria Garage“ ging es einst vom Palais in die ehemaligen Stallungen. Heute steht hier mit der 1935 errichteten Turmgarage – sechs Etagen, gewendelte Auffahrt und Glaskuppel! – ein mittlerweile auch schon wieder historisches Baujuwel mit einzigartigem nostalgischem Flair. Man kann hier nicht nur parken, sondern seinem Auto sogar eine schonende Handwäsche angedeihen lassen. Sehr zu empfehlen auch für alle, die außergewöhnliche Fotomotive in der Stadt suchen.

www.astoria-garage.at

 

Aktuell

Über das Palais Auersperg wurde diesen Frühling, als die Insolvenz der Besitzer öffentlich wurde, viel berichtet. Der achte Bezirk hat mit 2 Hektar Park- und Grünanlagen den geringsten Grünanteil der Stadt. So ist es wenig verwunderlich, dass bei diesem Thema regelmäßig die Emotionen hochgehen. Die grüne Bezirksvorstehung wünscht sich, dass die Stadt Wien das Palais kauft und den rund 6000 m2 großen Garten für die Bevölkerung öffnet. Wie realistisch diese Lösung ist, sei dahingestellt, denn auch das Palais Strozzi im Achten ist im Besitz der Stadt und bis heute ist der idyllische Innenhof für die Bewohner*innen des Bezirks nicht geöffnet.  

 

O5

Im Palais Auersperg sammeln sich Anfang April 1945 Vertreter des österreichischen Widerstandes aller politischen Gruppen, überwiegend Mitglieder des bürgerlichen und des katholischen Lagers sowie Monarchisten, aber auch einige Sozialisten – unter ihnen der Josefstädter und spätere Wiener Bürgermeister Felix Slavik – und Kommunisten. Sie nennen sich „O5“. Dieses Zeichen wurde zuvor schon in die Mauer des Stephansdoms neben dem Riesentor eingeritzt. Mit Zustimmung der sowjetischen Ortskommandantur wird am 13. April Rudolf Prikryl provisorisch zum Bürgermeister ernannt. Er geht als „Drei-Tage-Bürgermeister“ in die Geschichte ein, denn schon am 17. April folgt ihm Theodor Körner.