Der Bennogarten

Gemach, gemach:  Liebe auf den zweiten Blick

Seit Herbst 2020 gibt es am Bennoplatz den dritten Gemeinschaftsgarten in der Josefstadt.

Dabei geht es den Gärtnern:innen nicht nur um das Bedürfnis nach mehr gelebter Nachhaltigkeit in Form von eigens gezogenen Radieschen, sondern auch um das Wachsen einer Gemeinschaft im Rhythmus der Natur.

von Türkan Köksal

Nachbarschaftsgärten tragen nicht nur zur biologischen Vielfalt von urbanen Landschaften bei, sie  fördern zugleich auch die Entstehung von neuen Bekanntschaften. So findet die Gärtnerschar vom Bennoplatz mitein-ander Ausgleich vom komplexen Großstadtleben. „Menschen mit verschiedenen Lebensstilen und Tagesroutinen, die sich innerhalb der Nachbarschaft sonst im Alltag nicht über den Weg laufen, finden im Bennogarten zuein-ander“, schildert Dajana Schneider (43), eine der fünf Gärtner:innen, die sich auch im organisatorischen Bereich des Bennogartens engagiert. „Durch das gemeinsame Hegen, Pflegen und das Anstoßen auf die Erntezeit ganz im mediterranen Habitus konnten Freundschaften gedeihen“, fährt sie fort.

Nahaufnahme: Prächtige Forsythien umschließen 116 m². Ein Rotkehlchen sitzt neben einer zarten Osterglocke und besingt den Frühling. Aus übersichtlich angeordneten Beeten sprießen Kräuter, Blumen und saisonales Gemüse. Am Eingang befindet sich ein Tisch für Erwachsene und daneben eine Mini-Ausführung für Kinder. Fazit: Ansehnlich schaut es im Bennogarten aus. Das war nicht immer so.

„Wir hatten einen schwierigen Start“, bekundet die Wahl-Josefstädterin. Nachdem der Pfeilgarten 2020 aufgelöst wurde, musste unverzüglich ein neues Biotop für den Pflanzenbestand her. Der Umzug auf den Bennoplatz mit dahingeschmissen wirkendem Gartenzeug und welkem Gewächs stieß zunächst nicht auf Sympathien bei den Anrainer:innen, die dadurch mitten in der Pandemie plötzlich eine Wiese für gelegentliches Picknicken, Boule-spielen etc. verloren.  Wobei der Begriff „verloren“ mit seiner Dramatik kokettiert. Denn der Mensch ist optisch geprägt und die Natur braucht Zeit, um den Erwartungen an die Optik gerecht zu werden. Die 40 Erwachsenen und 12 Kinder aus dem Grätzl, mit zartgrünen bis dunkelgrünen Daumen, haben es schließlich mit viel Herz und viel Mühe geschafft, den Garten zum Blühen zu bringen. Er ist zwar umzäunt, steht aber allen Bürger:innen
zum Verweilen zur Verfügung.

Nach zwei Gartensaisonen sind die Ressentiments dann doch abgeebbt. Jetzt, wo die Temperaturen freundlicher werden, kann man als Zaungast wieder beobachten, wie ein paar Dreikäsehochs den „Kräuterhexen“ zur Hand gehen oder andere Beetpächter:innen die Ergebnisqualität ihrer kollektiven Bemühungen begutachten. „Oftmals bleiben die Leute stehen und ergreifen die Initiative für ein Gespräch“, berichtet die Gartenfreundin. Um dem noch mehr Raum zu geben, wird am 11. Juni 2022, dem Tag der Acht-samkeit, ein Gartenfest ausgerichtet, zu dem alle Interessenten willkommen sind. Bei der Verwaltung der Gemeinschaftsgärten wird mit der Agenda Josefstadt kooperiert. Durch ein jährliches Rotationsverfahren wird ein gewisser Anteil der Beete neu vergeben. Derzeit sind alle 30 Parzellen im Bennogarten belegt. Die Folgen der Corona-Welle haben einen Nachfrageboom ausgelöst, sodass es eine Warteliste gibt. Die Gärtner:innen in spe können sich von der Natur schon einmal etwas abschauen. Ihr Geheimnis liegt in ihrer Geduld.

 


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