Der Junge segelt weiter

Am 27. September dieses Jahres begeht Freddy Quinn – Sänger, Schauspieler, Zirkusartist und mehr – seinen 90. Geburtstag. Eine würdigende Spurensuche eines überlebensgroßen und generationenübergreifend wahrgenommenen Künstlers, der als Manfred Nidl im 8. Bezirk die Volksschule besuchte.

von Rainer Krispel

Stellen wir uns vor, es treten noch ein Frühling und vor allem ein Sommer ein, die diesen Namen verdienen. Wie hoch stehen da wohl die Chancen, aus weit geöffneten Fenstern in der Josefstadt einen echten Freddy Quinn zu hören?

Oder eine Interpretation eines der vielen Lieder, die mit ihm assoziiert werden? Quinn hat zwar – wie so viele andere Showbusiness- oder in seinem Fall besser Schaugeschäft-Titanen – nicht selbst geschrieben (obwohl er auf der Gitarre seinen Weg zu finden verstand), aber mit seiner unverkennbaren Stimme und seiner prägnanten Art zu singen hat er jeden unter den Namen Freddy oder Freddy Quinn (der Sage nach wurde bei seinen ersten Singles wegen Unsicherheit bezüglich der Schreibweise der Nachname weggelassen) veröffentlichten Song unweigerlich zu seinem gemacht. 

Foto1: Freddy Quinn auf einer Insel, ein Seil haltend, Foto2: Freddy Quinn spielt Gitarre in einer Band, Foto3: Freddy Quinn schenkt Bier am Tresen ein, Foto4: Freddy Quinn mit hawaianischen Mädchen

© Freddy Quinn Archiv

Vielleicht gönnt jemand der Nachbarschaft „Heimweh“ in der Fassung von Element Of Crime, die Quinn auf dem 2010er-Album „Fremde Federn“ in ausschließlich gute Gesellschaft wie die von Bob Dylan, Lydia Lunch, den Bee Gees oder Wham stellten und ihn in den Liner-Notes „Freddie Quinn“ schrieben. Oder eine Auskennerin, ein Auskenner aus dem 8. besitzt „Leichen pflasterten ihren Weg“, die rare 1982er-Live-Platte von ZK, den Vorgängern der Toten Hosen, auf der Campino & Co. die essenziellen Quinn-Stücke „100 Mann und ein Befehl“ und abermals „Heimweh“ liebevoll punkig in einen damals noch neuen, eben nicht ironisierenden Kontext stellten. Schlager war da nämlich popkulturell noch ein absolutes No-go. „Heimweh“ ist dabei in Quinns Version eine deutschsprachige Adaption von „Memories Are Made Of This“, von Dean Martin gesungen ebenso ein Evergreen und dessen größter Hit. 

Wir sehen, mit Freddy Quinn als Dreh- und Angelpunkt lässt es sich vortrefflich durch die Zeit und die (Pop-)Welt reisen. Was der 1931 als Sohn der österreichischen Journalistin Edith Nidl und des irischen Kaufmanns Johann Quinn (vom Vater leitete er seinen Künstlernamen ab) je nach Quelle in Wien, im niederösterreichischen Niederfladnitz oder im kroatischen Pula geborene Allround-Entertainer auch selbst ausführlich getan hat: den Globus bereist. Quinns Biografie und ihre Stationen, von Wien in die USA und zurück, über Ungarn nach Ellis Island und Antwerpen, durch Südeuropa und Nordafrika, mit ausführlichen Episoden auf See, beim Zirkus und mit einer Grundausbildung bei der Fremdenlegion, der er sich dann aber doch nicht anschloss, entziehen sich im Grunde selbst der oberflächlichsten Nacherzählung und reichen für mehrere komplexe, wendungsreiche Abenteuerromane. Schließlich in den 1950ern in der Hansestadt Hamburg gelandet und an die dortige Unterhaltungsindustrie andockend, begann er eine nur als außergewöhnlich zu bezeichnende Karriere, der diese Biografie immer wieder Stoff bot und Glaubwürdigkeit und Zauber zugleich verlieh. Was wiederum der Grund ist, warum dieser Lebenslauf bis heute interessiert.

 

© Freddy Quinn Archiv

Dabei kultivierte Freddy Quinn gekonnt, stets als „authentisch“ wahrgenommen, unter anderem die Figur des singenden Seemanns, dessen eigentliche Heimat die See und die ständige, oft von Wind und Sturm erschwerte Bewegung zwischen den Häfen ist. Quinn machte, eigentlich kurios, das Heimweh als das Fernweh eines Weltgereisten salonfähig und zu einer Projektionsfläche für die Sehnsüchte seines Massenpublikums. Samt erfolgreichen Musikfilmen (wobei das Cover der Single „La Paloma“/„Nur der Wind“ ankündigt: „aus dem gleichnamigen Melodie-Film“) und Fernsehformaten – wo er unter anderem als ungesicherter Seiltänzer in einer Zirkus-Show für Aufsehen sorgte: immer der eigentlich unerschütterliche Daredevil, ein wagemutiger Alles-Könner, geradeaus, charakterfest, unsentimental (!). Neben Udo Jürgens und Peter Alexander ist Freddy Quinn der deutschsprachige Sänger, der die meisten Schallplatten verkauft hat: Von 60 Millionen Exemplaren ist allgemein zu lesen, mit sechs Nummer-1-Hits von 1956 bis 1966. Er war es, der 1956 Deutschland beim ersten Eurovision Song Contest im schweizerischen Lugano vertrat, was durchaus als vollzogener Wiedereintritt Deutschlands in eine europäische Nachweltkriegsnormalität auf der Ebene der Unterhaltung und des Fernsehens gesehen werden kann. 

Nicht nur eine oder zwei der erwähnten 60 Millionen Schallplatten befinden sich dabei im Besitz von Brigitta und Eduard Klinger, die mit leidenschaftlicher Hingabe das Wiener Freddy Quinn Archiv betreiben. Ihnen verdankte das Bezirksmuseum Josefstadt eine Vielzahl von zeitgeschichtsträchtigen Exponaten, als 2006 anlässlich seines 75. Geburtstags dem im Bezirk zur Schule gegangenen Künstler eine Ausstellung mit dem Titel „50 Jahre Weltkarriere. Sänger Schauspieler Artist“ gewidmet wurde. Dass die 1875 gegründete Volksschule in der Lerchengasse 19, die der kleine Freddy in den 1930ern besucht hatte, schon 1955 aufgelöst wurde, respektive in der Schule in der Albertgasse aufgegangen ist, und sich dort, wo das Schulgebäude stand, seit 1995 der Tigerpark befindet, störte dabei nicht weiter. Im Gegenteil, der fiktive Satz „Ich bin im Tigerpark zur Schule gegangen“ würde in Freddy Quinns Biografie durchaus Sinn machen.

Dabei stellte sich Quinn zur Ausstellung selbst mit einer schriftlichen Grußadresse ein – die öffentlichen Auftritte des Mannes, der sein Privatleben immer weitgehend zu behüten wusste, waren schon zu diesem Zeitpunkt eher rar – und formulierte: „Eigentlich habe ich zwei Heimatstädte: Hamburg und Wien.“ Dass einem Wiener mit Zugang zum Meer, in diesem Fall in Form der Nordsee, großes Potenzial innewohnt, dafür ist Freddy Quinn ein hervorragendes Beispiel. Gehen wir dabei zur Musik zurück, die ihn als Künstler zwar nicht ausschließlich, aber doch am wohl nachhaltigsten ausmacht, erzählen davon 400 Einträge unter seinem Namen bei Discogs, dem internationalen Internet-Tonträger-Archiv. Brigitta und Eduard Klinger vermögen diese Zahl möglicherweise zu toppen. Vor allem lieben sie, wie viele andere Menschen, die ungeheure stilistische Bandbreite des Sängers. Wie Eduard im Ausstellungskatalog schreibt, umfasst diese „Musical, Operette, Volkslieder, Weihnachtslieder, Moritaten, Country- & Western-Music, Folklore aus Südamerika, die bekannten Schlager und das maritime Liedgut“. Schlicht überwältigend ist die Vielsprachigkeit, der sich Quinn singend bediente: Er hat Aufnahmen in 15 Sprachen veröffentlicht, darunter Japanisch, Serbokroatisch und Latein. So gesehen ein echtes Kind der Josefstadt, wo Vielsprachigkeit und Weltoffenheit zu Hause sind. 

Hatte Freddy Quinn zum 75er noch durchaus Verführbarkeit signalisiert, was künstlerische Arbeit anbelangt, so hat er sich mittlerweile aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Im März wehte noch eine launige Meldung über die Langsamkeit der Corona-Impfungen in Hamburg durch die Medien: Da könne man in einem langsamen Schiff über den Atlantik segeln, hin und zurück, bis man die Impfung bekomme, meinte er sinngemäß. Der Achte wünscht aus der Ferne wirksamen Impfschutz – und immer gute Fahrt!  

 

 

Das Freddy Quinn Museum

Den Beginn ihrer umfassenden Beschäftigung mit Freddy Quinn, dessen Leben und Werk datieren Brigitta und Eduard Klinger mit dem Sommer 1956, und dem Erwerb von „Heimweh“ – als Schellack! Brigitta Klinger sah ihren Lieblingskünstler 1962 erstmals live. „Ein Abend mit Freddy“ in der Wiener Stadthalle war das erste Konzerterlebnis, dem viele weitere folgen sollten. Mit der im Artikel erwähnten Ausstellung 2006 im Bezirksmuseum Josefstadt machte das Ehepaar seine Sammlung und sein Wissen in Sachen Freddy Quinn im Internet zugänglich – der wirklich empfehlenswerte Ausstellungskatalog ist übrigens noch erhältlich. Mit Achtsamkeit und nach Absprache besteht die Möglichkeit, das Museum im 23. Bezirk real zu besuchen.

www.freddy-quinn-archiv.at

 

Das kulturelle Phänomen

Der Journalist und Pop-Experte Wolfgang Zechner liefert Impulse zur kritischen Auseinandersetzung: „Freddy Quinn ist eine der interessantesten Figuren im deutschen Nachkriegsschlager. Pop auf Deutsch war ja lange unvorstellbar, weil die deutsche Sprache aus Gründen der eigenen Geschichte beschädigt war und den migrantischen Aspekt, der bei der US-amerikanischen Erfindung Pop von Anfang an entscheidend mitspielt, einfach nicht übernehmen konnte. Das Fremde wurde im deutschen Pop-Ersatz Schlager durch ein Surrogat ersetzt, nämlich das Fernweh. Freddy hat dieses Fernweh-Gefühl perfekt für den deutschen Nachkriegs-Mainstream intoniert. (…) Er gehört sicher zu den interessantesten und auf gewisse Weise auch widersprüchlichsten Künstlern dieser Zeit.“

wolfgang-zechner.com

 

Freddy Quinn for Starters

Bei einer so umfassenden Diskografie ist es schwierig, einzelne Tonträger herauszugreifen. Leider zum Teil vergriffen ist die sechs Vinyl-LPs umfassende Freddy-Quinn-Edition des hervorragenden Wiederveröffentlichungslabels Bear Family. Über dessen Webshop zu beziehen ist die CD „Freddy Quinn 1956 bis 1965“ mit essenziellen Titeln wie „Sie hieß Mary Ann“, „Heimweh“, „Junge, komm bald wieder“, „Die Gitarre und das Meer“ und vielen mehr. Wer die Materie weiter durchdringen will, greift zu „Fernweh & Sehnsucht“, einer 8-CD-Box mit 215 Liedern.

www.bear-family.de

 

Goldener Rathausmann

Vor knapp 50 Jahren balancierte Freddy Quinn in der Wiener Stadthalle in siebzehn Meter Höhe ohne Netz über ein Seil und blies dabei auf der Trompete: So haben viele Wiener*innen den einstigen „Jungen mit der Gitarre“ in Erinnerung. Der gebürtige Josefstädter verließ vor rund 75 Jahren seine Heimatstadt Wien und schloss sich einem Wanderzirkus an. Als 19-Jähriger kam er nach Hamburg, wo er als Interpret von Seemanns- und Fernwehliedern im deutschsprachigen Raum Kultstatus erreichte. Daneben war er auch in über 20 Kinofilmen zu sehen. Der damalige Bürgermeister Dr. Michael Häupl überreichte Freddy Quinn am 15. Februar 2006 den Goldenen Rathausmann. Der damals 75-Jährige freute sich besonders über die hohe Auszeichnung seiner Heimatstadt Wien.