Der Parkplatz gehört uns

Immer öfter wird die Frage gestellt: „Wem gehört der öffentliche Raum?“ In den Städten wird Platz immer kostbarer und Freiraum für alle – insbesondere konsumfreier – immer rarer. Auch in der Josefstadt ein viel diskutiertes Thema.

Eine aus San Francisco kommende Strömung hat Wien im Sturm erobert. So genannte Parklets können von Mai bis Oktober im öffentlichen Raum auf Parkplätzen errichtet werden. Heuer werden fünf dieser Orte im Achten zum Verweilen einladen. Es ist konsumfreier Raum für alle – Tipp: Jause selbst mitbringen. Sicher auch für alle, die keinen Balkon haben, eine nette Alternative.

Ein Parklet ist per Definition ein kleiner, auf Parkplätzen eingerichteter Park oder Sitzbereich. Aber des einen Freud ist des anderen Leid. Im Sommer werden Parkplätze zu Schanigärten umfunktioniert – und dann noch Parklets auf den Abstellplätzen. Das ist für viele, die der eigenen Motorisierung frönen, oft zu viel.

Prinzipiell kann jeder ein Parklet errichten und auch benützen. Die „Grätzloase“ ist ein Programm des Vereins „Lokale Agenda 21“, das die Errichtung von Parklets mit bis zu 4.000 Euro fördert. Jedes Jahr werden es mehr. Gab es 2015 drei Parklets in ganz Wien, waren es 2016 bereits 15 und heuer werden es rund 50 Parklets sein. Zu beachten ist, dass diverse Behördenwege und Genehmigungen vonnöten sind. Die Grätzloasen greifen den Parklet-Errichtern – egal ob alleine oder als Zusammenschluss von Nachbarn, Künstlern oder Gewerbetreibenden – unter die Arme. Eine gewerbliche Nutzung ist nicht gestattet.

Jedes Parklet sieht anders aus: Die von Designern entworfene „Installation im öffentlichen Raum“ findet sich ebenso wie ein kleiner „Garten Eden“ mit vielen Pflanzen. Parklets sind Street-Art und tragen – sehr individuell – zu einem lebendigen Stadtbild bei.
Die Idee, den Abstellplatz für stehendes Blech für die Menschen der Stadt umzugestalten und zu nutzen sowie dies zu fördern, ist zweifellos zu begrüßen. In Wien sind 65 Prozent der Verkehrsflächen dem motorisierten Individualverkehr gewidmet, obwohl nur 29 Prozent der Wege damit zurückgelegt werden. Dieses Missverhältnis wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass Autos zu rund 90 Prozent stehen und nicht fahren. Rund die Hälfte der Fläche für den motorisierten Individualverkehr sind Parkplätze – eine Privatisierung des öffentlichen Raums durch Verstellen mit Privatfahrzeugen. Dazu kommt die zunehmende Kommerzialisierung des öffentlichen Raums – darum ist es umso wichtiger, dass es auch attraktive Plätze zum Verweilen ohne Konsumzwang gibt. Auch das zeigt uns die Corona-Krise.

Ein sehr schönes Parklet steht heuer erstmals vor dem Volkskundemuseum. Das im letzten Sommer vor dem Musischen Zentrum (Zeltgasse 7–9) aufgestellte und sehr beliebte Parklet, das mit einem Piano von „Open Pianos for Refugees“ ausgestattet war, muss heuer ohne Klavier auskommen, da die erhöhten Hygienemaßnahmen infolge von Covid-19 das In-die-Tasten-Greifen verunmöglichen. Ein weiteres Parklet ist in der Kochgasse 25 zu finden. Die Oase in der Lenaugasse 17 und jene aus Recycling-Material in der Lange Gasse 11 werden noch folgen.

Fragen wie: „Wie werden Verkehrs- und Straßenflächen künftig verteilt werden? Und wie werden sie genützt werden – monofunktional oder multifunktional?“, werden in Zukunft von der Bevölkerung immer häufiger gestellt werden, nicht zuletzt angesichts der vermehrt auftretenden Hitzesommer!

www.graetzloase.at