„Verlorene Nachbarschaft“ vor dem Aus?

Das wird jetzt ein bisschen länger, denn manche Dinge sind zwar schlicht absurd, aber nicht auf schlichte Weise zu erklären.
Das Erinnerungsprojekt „Verlorene Nachbarschaft“ wurde 1998 vom Verein „betrifft: Neudeggergasse“ anlässlich des 60. Jahrestages des Novemberpogroms 1938 gestartet.

Von Alexander Vincent Litsauer

Es war eines der ersten zivilgesellschaftlichen Projekte, das sich intensiv mit der jüdischen Geschichte und der antisemitischen Verfolgung in einem Wiener Grätzel auseinandersetzte. Engagierte Josefstädter:innen sind heute noch um eine vitale Gedenkkultur im Bezirk bemüht.

Verein „Betrifft: Neudeggergasse“ droht der Konkurs!

Tatsächlich ist es aber so, dass dank eines “Schreibtischtäters” im Bundeskanzleramt der Verein „Betrifft: Neudeggergasse“, konkret der Organisator der Projekte “Verlorene Nachbarschaft”, wegen einer Förderrückzahlungsforderung vor dem Konkurs steht.

Hintergrund: (wer uns und die Projekte gut kennt, kann den Teil überspringen bis zu dem Absatz „Hier mache ich einen Sprung“) Den Verein „Betrifft: Neudeggergasse“ gibt es seit Mitte der Neunziger des vorigen Jahrhunderts. Die vorrangigen Ziele der Nachbar:innen dieser kleinen Josefstädter Gasse waren die Vernetzung im Grätzl, die Bewahrung von wunderbaren Innenhöfen und natürlich das alljährlich „gedroschen volle“ und prominent besetzte Straßenfest.

1998 kam es dank Käthe Kratz, Hans Litsauer, Georg Schönfeld und vielen anderen zum ersten Mal zu einer hart erkämpften und historisch wichtigen Mega-Initiative. Zu einem Pionierprojekt in der damals entstehenden (lang überfälligen) Gedenkkultur in Österreich.

Bundespräsident a. D. Heinz Fischer (damals Präsident des Nationalrats) 1998 im Veranstaltungszelt in der Neudeggergasse

Sechs Wochen lang stand die in der Pogromnacht von 1938 zerstörte Synagoge in Form einer Leinwand in Originalgröße an ihrem Originalplatz – in der Neudeggergasse. Doch noch viel wichtiger: es wurden viele ehemalige Josefstädter Nachbar:innen, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft als Kinder gedemütigt und vertrieben worden waren, in Zusammenarbeit mit dem Bezirksmuseum ausfindig gemacht, besucht und teilweise nach Wien eingeladen. Es kam von zivilgesellschaftlicher Seite zu dem, was der österreichische Staat so lange versäumt hatte: es wurde Menschen die Hände gereicht, die ihr Leben lang auf ein Zeichen der Reue aus Österreich gewartet hatten. Es wurde zugehört, es wurde eingeladen (teilweise waren Menschen das erste Mal nach dem 2. Weltkrieg wieder in Wien) und es wurden Beziehungen aufgebaut, die bis heute anhalten. Kurz: das Projekt hatte nicht nur symbolische Wichtigkeit, sondern auch auf persönlicher Ebene sehr viel ausgelöst.

Josefstadt – Buenos Aires

Ich persönlich war dann einer der Hauptinitiator:innen des sechswöchigen Mega-Projekts 10 Jahre danach, als die Synagoge aus der Neudeggergasse nach Buenos Aires gereist ist, und wir uns nicht in erster Linie mit der Wiener Vergangenheit, sondern mit dem Überleben und dem Neuanfang von vertriebenen Österreicher:innen am anderen Ende der Welt beschäftigt haben. Wieder wurden Brücken gebaut, die bis heute bestehen. Ein namhaftes “Line-up” von Clemens Jabloner, Anton Pelinka bis Robert Schindel, Doron Rabinovici, Maria Bill und Adi Hirschal hat mit argentinischen Partnern gemeinsam auf intellektuelle, künstlerische, politische und andere Weise über das “Danach” in Bezug auf die NS-Herrschaft in Argentinien und Österreich gearbeitet und diskutiert.

Podiumsdiskussion 2002 in Buenos Aires (v.l.n.r.) Friedrich Stadler, Hannah Lessing, Robert Schindel, Clemens Jabloner

2013 gab es im Zuge unserer Gedenkveranstaltung in der Neudeggergasse ein großartiges, wenn auch kleineres Schulprojekt am Schuhmeierplatz, der AHS mit dem damals höchsten Anteil an Schüler:innen mit Migrationshintergrund. Wir haben dort zu viert mit Schulklassen zum Thema der Vertreibung, Verfolgung und Ermordung von politischen Opfern, Roma und Sinti, Homosexuellen und jüdischen Opfern während des NS-Regimes gearbeitet.

Das Projekt war ein derartiger Erfolg, dass die Schüler:innen dann die Moderation bei unserer Gedenkveranstaltung am 9.11.2013 (mit u.a. Erwin Steinhauer, Anton Pelinka, Inge Maux, etc.) übernommen haben.

2018 sollte es dann zu einem dritten großen Schritt kommen. Während der 20 Jahre davor tauchte immer wieder gerade anhand unseres Namens “Verlorene Nachbarschaft” die Frage auf, wo denn diese Nachbar:innen jetzt seien, die damals gedemütigt, ausgelacht, geschlagen, geplündert, gehasst und gemordet haben.

Es wurde von Überlebenden immer positiv aufgenommen, dass es jetzt eine Generation gibt, die sich um die Vergangenheit kümmert. Aber wo die ganzen Täter:innen hingekommen waren, wollte keiner so recht wissen …

Die “Verlorene Nachbarschaft 2018” hatte es sich also zum Vorsatz gemacht, einmal mehr ein mehrmonatiges Projekt auf der Achse “Wien – Buenos Aires” zu organisieren, um zu forschen und zu diskutieren, wie denn in Wien/Österreich und in Buenos Aires/Argentinien mit dem Umstand umgegangen wurde, dass 1945 der Krieg vorbei war und das Land voller Schlupfwinkel für ehemalige (oder ewige) Nazis war/ist.

Anruf aus dem Bundeskanzleramt

Im Zuge der Förderungen zum Gedenkjahr 2018 haben wir ein grobes Konzept unseres Projekts nach einigen Vorarbeiten bereits im Frühjahr 2017 eingereicht. Aufgrund der innenpolitischen Situation (Neuwahlen wurden von einem bereits aus der Politik verschwundenen Startup-Kanzler vom Zaun gebrochen und bis Jahresende war nicht klar, wieviel Geld es überhaupt für Gedenkprojekte geben würde) wurden wir das gesamte Jahr zuversichtlich (“Das wird schon gehen!”) hingehalten und dann Anfang 2018 überraschend komplett abgelehnt. Das Projekt war also tot.
Die Begründung war zwar sehr ärgerlich, aber (meiner Ansicht nach) nicht falsch: wir waren zu vage, das Projekt war zu teuer. Kein Wunder: es war ein Projekt, das auf zwei Jahre angelegt war und fast ein ganzes Jahr wurde mit Warten vergeudet. In der originalen Form wäre es sicherlich nicht innerhalb von 10 Monaten umsetzbar gewesen. Wir hatten das immer wieder angemerkt, aber was soll’s …

Nachdem aber der ehemalige Bundespräsident und Gedenkjahrsverantwortliche Heinz Fischer, sowie Oliver Rathkolb und Hannah Lessing unsere Projekte kannten und unsere Enttäuschung auch verstanden, kam es dann im Juni 2018 zu einem überraschenden Anruf aus dem Bundeskanzleramt: Zusätzlich zu den bereits zugesagten Förderungen des Zukunftsfonds und Nationalfonds, wurden wir von einem engen Mitarbeiter Fischers darüber informiert, dass 36.000,- Euro Fördergeld übrig waren und dass, wenn wir das Projekt anpassen würden, wir eine große Chance auf diesen Topf hätten. Die Direktive war nur: so schnell wie möglich ein Budget einreichen.

Menschen menge in einem Museum

Initiator Alexander Litsauer (r.) mit dem damaligen Innenminister von Argentinien (m.) bei der Ausstellungsführung im Staatsarchiv 2018

Nachdem ich in permanentem Kontakt mit Leuten in Argentinien war und daran gearbeitet hatte (zugegeben etwas beleidigt), ein österreichisch-argentinisches Projekt ohne österreichische Beteiligung unter Aufwendung von privaten Mitteln und Spenden auf die Beine zu stellen (großer Dank an Alicia Todesca und die Österreichische Botschaft in Buenos Aires), beschlossen wir, das Projekt in Argentinien stattfinden zu lassen. Dadurch bekamen wir zwar keine finanzielle Unterstützung vom 8. Bezirk, aber es war garantiert, dass wir es umsetzen konnten.

In einer heldenhaften Aktion hat mein Vater Hans Litsauer quasi über Nacht ein Budget zusammengestellt. Zusätzlich haben wir die Förderzusage bekommen (arger Weise kam diese offiziell erst, als das Projekt schon angefangen hatte) und wir haben den gesamten November und Teile des Dezembers ein riesiges und vielschichtiges Projekt zum Thema der Vergangenheitsbewältigung etc. unter Beteiligung des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖWs), des Mauthausenkomitees, Walter Manoscheks und vielen mehr durchgeführt (vielen Dank auch an Friedemann Derschmidt für die Mitwirkung).

Menschengruppe, die sich umarmt

Emigrierte Wiener:innen 2018 in Buenos Aires mit Alexander Litsauer

Alle Veranstaltungen, Ausstellungen und Aktionen wurden akribisch mittels Videos und Fotos dokumentiert. Hier mache ich jetzt einen Sprung, damit es nicht noch länger wird.

Absurdität des Verlangens

Wie immer haben wir nach Ende des Projekts alles korrekt abgerechnet und es schien alles wie üblich in Ordnung zu sein … auch wenn man bedenkt, dass solche Projekte immer unterfördert sind und man selbst private Mittel reinstecken muss, aber gut.

Vor einem Jahr hat sich ein Beamter im Bundeskanzleramt die Abrechnung über die spontanen aber lebenswichtigen 36.000,- Euro Förderung ganz genau angeschaut. Er wollte nicht nur die einzelnen Abrechnungen von den anderen Fördergebern, sondern alle noch so kleinsten Details wissen, als würde er nach etwas suchen, als würde er etwas finden wollen.

Und dann wurde er vermeintlich fündig: das Projekt „Verlorene Nachbarschaft 2018“ fand an drei Veranstaltungsorten statt, dem Staatsarchiv von Argentinien, dem Centro Cultural Kirchner (ähnlich dem Wiener Museumsquartier) und dem Archivo de la Memoria, der Gedenkstätte bzw. dem ehemaligen Folterzentrum der letzten argentinischen Militärdiktatur.

Der Mitarbeiter des Bundeskanzleramts wollte Rechnungen für die Mieten bzw. Kosten der Veranstaltungsorte sehen. Die gibt es aber nicht, da uns das Staatsarchiv vom argentinischen Innenministerium gratis als Sponsoring zur Verfügung gestellt worden war, das Centro Cultural Kirchner vom Kulturministerium und das Archivo de la Memoria vom Menschenrechtsministerium kostenlos bereitgestellt wurden. Insofern wurde logischerweise auch niemandem irgendetwas verrechnet.

Veranstaltung im Kinosaal des Saatsarchivs (Archivo de la Memoria) 2018

Jetzt der Punkt: der Herr im BKA besteht darauf, dass, wenn wir diese Orte gratis bekommen haben, sich das Projektvolumen deutlich verkleinert und dass wir die Förderung in der Höhe von 36.000,- zu Unrecht bekommen haben.

Obwohl wir dieses und andere Projekte immer mit privatem Risiko getragen haben und auch private Mittel aufwenden mussten, obwohl wir uns stets korrekt und transparent verhalten haben, möchte das Bundeskanzleramt nun, dass wir 2.070,- Euro vom 2018 erhaltenen Förderbetrag (für ein unterfördertes Projekt) zurückbezahlen, weil uns die jeweiligen argentinischen Ministerien keine Rechnungen ausstellen, auf denen etwas steht wie: “… normalerweise sollte das XY kosten, aber wir haben es gratis zur Verfügung gestellt.”

Trotz der Absurdität des Verlangens und der Aussichtslosigkeit auf Erfolg 2 bis 3 Jahre später, einem Regierungswechsel (und daher auch Austausch von Beamten auf allen Ebenen), trotz Hyperinflation, habe ich unter Scham die österreichische Botschaft kontaktiert, sowie einige andere Adressaten. Trotz großer Hilfsbereitschaft waren alle angesichts der seltsamen Anfrage überfordert und leider konnte ich gar nichts erreichen.

Tja, und jetzt ist die Rückzahlungsforderung da. Der Verein hat praktisch kein Geld und ich sehe nicht ein, warum das irgendwer von uns privat zahlen soll, nur weil jemand an einem Schreibtisch beschlossen hat, Förderrichtlinien buchstäblicher als buchstäblich zu interpretieren. Ich bin ohne irgendein Zögern dazu bereit, ohne Gage für ein weiteres Projekt zu arbeiten. Ich bin auch ohne irgendein Zögern dazu bereit, Geld in ein weiteres Gedenkprojekt zu stecken. Ich bin aber nicht bereit dazu, mein Privatvermögen dem Bundeskanzleramt zu schenken, weil sich ein paar paragraphenverliebte, empathielose Beamt:innen zum Ziel gesetzt haben, Recht zu haben und trotz eindeutiger Argumente auf stur schalten. (Zur Erinnerung: uns war ein Betrag in Aussicht gestellt worden, an dem wir unser Projektvolumen orientiert haben, nicht umgekehrt).

Wir wollen weitermachen

Also wird es, sollte sich nichts ändern, so sein, dass der Verein „Betrifft: Neudeggergasse“ in Konkurs gehen wird, da er diese Rückzahlungsforderung nicht überleben kann.

Sollte jemand von Euch – geschätzte Leser:innen –  Ideen haben oder Erfahrungen zu dem Thema, wären die sehr willkommen. Vielleicht wäre Crowdfunding eine Idee?

Wir wollen sehr gerne weitermachen. Ich habe hunderte Stunden Videomaterial zu Hause, die digitalisiert, geschnitten und veröffentlicht werden sollten. Vielleicht in einem Uni-Projekt, für Schulen, für pädagogische Projekte … für Generationen, die nicht mehr persönlich mit Shoa-Überlebenden sprechen können.

Ich finde es mehr als beschämend, dass man in einem Ambiente großer Projekte und Organisationen einem kleinen Nachbarschaftsverein, der allein auf zivilgesellschaftlicher Initiative beruht, das Leben derartig unmöglich macht. Die Botschaft ist: keine Gedenkprojekte mehr machen, außer Du bist ein Profi(-Verein) und entsprechend abgesichert.

www.verlorene-nachbarschaft.at

Wir schöpfen Hoffnung – Crowdfunding

Mitt Juni 2022 hat uns Gemeinderätin Stefanie Vasold und die SPÖ Josefstadt haben uns nun bemerkenswerter Weise €700,- Unterstützung zugesagt. Wir finden das wirklich großartig. Nachdem ein Drittel der Summe also nun garantiert ist, motiviert uns das zu einem kleinen Crowdfunding aufzurufen, da eine Lösung und ein Weiterexistieren unseres Vereins greifbar scheinen.

Bezirksvorsteher Martin Fabisch hat uns ebenfalls seine grundsätzliche und aktive Unterstützung bei einer Lösungsfindung des Problems versichert.

Also bitte, wer einen Betrag für unsere Projekte entbehren kann, ist sehr herzlich willkommen. Natürlich gehen wir transparent mit den Spenden um. Sollte tatsächlich mehr als die benötigte Summe hereinkommen, wird die Differenz für die überfällige Erneuerung unserer momentan nichtexistierenden (weil stark veralteten) Homepage verwendet.

Zivilgesellschaftliche Nachbarschaftsinitiativen sind grundsätzlich unterstützenswert. Wenn sie gegen einen Goliath wie die Förderkontrolle des BKAmtes antreten müssen umso mehr, finden wir.

Verein „Betrifft: Neudeggergasse“
Dr. Hans Litsauer (Kassier)
Neudeggergasse 1/20
1080 Wien
ZVN: 874631111
IBAN: AT09 1500 0045 9101 1889


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