Design mit Seele

Das, wovon Start-ups heute träumen, wurde mitten im Achten wahr! Robert La Roche startete mit einer Idee im Kopf und dem richtigen Gefühl im Bauch Anfang der 1970er-Jahre eine Weltkarriere als Brillendesigner.

Von Elisabeth Hundstorfer

Der Erfolg hält an – und auch die obligate Garage spielt bis heute eine wichtige Rolle.

Der französisch klingende Familienname zeugt von Internationalität, auch wenn – wie in Wien nicht unüblich – der Vater ein Tscheche war und die Mutter aus Triest stammte. Heute lebt Robert La Roche mit seiner Frau, einer französischen Komponistin und Pianistin, in seinem Heimatbezirk – der Josefstadt.

Dass er im Achten wirklich zu Hause ist und, wie er selbst betont, „zu den ältesten Josefstädtern gehört“, zeigt sich beim ersten Treffen bereits nach wenigen Worten: „Ich habe meinen Rucksack mit, ich muss noch auf die Josefstädter Straße und beim Gragger Brot und die beste Zimtschnecke Wiens holen.“ Angesprochen auf seine Reisetätigkeit stellt er jedoch sofort klar: „Ich könnte mir nicht vorstellen, woanders zu leben als in der Josefstadt.“

Sein heutiges Wohnhaus in der Maria-Treu-Gasse ist auch sein Geburtshaus und besonders freut ihn, dass das Büro, von dem aus er seine „Weltkarriere“ startete, einst die Ordination seines Vaters war, der auch als Theaterarzt fungierte. Dass auch er in seiner beruflichen Laufbahn entscheidende Begegnungen mit Berühmtheiten haben würde, war damals noch nicht abzusehen.

„Sein“ Platz ist ohne Zweifel der Piaristenplatz, auf den er auch von seiner Wohnung aus blicken kann. „Ich gehe gerne mal runter auf einen Kaffee.“ Auch seine Schulkarriere bis zur Matura verbrachte er – mit kurzen Zwischenspielen in Melk und Kalksburg – bei den Piaristen. Mit spürbarer Freude blickt er auf seinen faszinierenden Lebensweg zurück.

Begeistert von Amerika

„1962, nach Abschluss meines Welthandelsstudiums, bin ich sofort nach Amerika gegangen. Ich musste raus aus dem grauen Wien. Ich war so begeistert von den USA, die Atmosphäre war offen, die Menschen waren freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend. Ich lebte in einer Kleinstadt in Massachusetts. Damals gab es für Studenten ein spezielles Visum mit der Auflage, nach zwei Jahren die USA wieder zu verlassen. Mit viel Glück bekam ich einen Job bei der UNO und konnte so noch ein Jahr in der Traumstadt New York verbringen.

Zurück in Wien wusste ich, ich will in die Werbung. Ich studierte die Jobangebote und bin auf eine Stelle in Hamburg in der psychologischen Marktforschung gestoßen. Nach zwei Jahren in der Marktforschung kam ich zu einer Werbeagentur. Ich war in allem, was ich tat, Autodidakt, ich lavierte mich mit viel Geschick erfolgreich durch meine Jobs. Auch durch den als Produktkoordinator für zwei Jahre in Tokio – ich konnte mit meiner Erfahrung als Marktforscher und Werber punkten. 

Ich wollte noch mehr von der Welt sehen und begab mich von Japan aus auf eine neunmonatige Weltreise. Weihnachten rückte näher und ich dachte mir: ,Meine Familie in Wien würde sich freuen, wenn ich zum Fest am 24. zu Hause bin.‘ Pünktlich am 24. Dezember landete ich am Flughafen Schwechat, und als ich mit dem Taxi durch das graue Simmering fuhr, dachte ich bei mir: ,Was mach ich da?‘, so der Weltenbürger La Roche. Dass seine Karriere jetzt erst richtig Fahrt aufnehmen würde, konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.

Robert La Roche, sitzend in seinem Atelier

Jungunternehmer in der Josefstadt

Der 2014 verstorbene Brillen-Pionier Wilhelm Anger prägte maßgeblich die Kunststofftechnik in Österreich. „Anger hatte erkannt, dass sich nur Markenbrillen gut verkaufen, und so erwarb er Lizenzen ganz großer Marken. Ich machte für ihn ein Büro in Amerika auf. Als sich unsere Wege trennten, war meine Abfertigung das Startkapital für mein eigenes Unternehmen.“

„Lunettes Robert La Roche“ wurde 1973 in der Josefstadt gegründet. Entschlossen ging der damalige Jungunternehmer an die Sache heran: „Ich wusste zwar, was ich wollte, hatte aber keinen Prototypen. Fuhr trotzdem nach Italien und klapperte an die 40 Fabriken ab. Die Dolomiten-Region ist bis heute ein Cluster für die Brillenherstellung. Nachdem ich dort eine kleine Manufaktur gefunden hatte, mit deren Inhaber auf Anhieb die Chemie passte und der mit dem Material Acetat arbeitete, ging die erste Kollektion in Produktion. Acetat ist total recycelbar bzw. abbaubar. Das Novum war, dass wir extrem dünne Brillen in mehreren Farben produzierten.“ 

Das, wovon jede/r Gründer*in träumt, wurde wahr! „Diese bunten, dünnen Brillen sind auf Anhieb super eingeschlagen und alles nahm fast von selbst seinen Lauf. Viele dachten, ich müsste wahnsinnig viel Geld haben, weil ich tolle Werbestrecken zum Beispiel in der ,Vogue‘ hatte. Da kamen mir meine Jahre in der Werbung zugute – ich wusste, wie die Branche tickt. Ein Jahr später machte ich bereits eine Filiale in München auf und den US-Markt bediente ich mit Messen.“

Andy Warhol und Calvin Klein

Zufälligerweise – und das habe ich gelernt: Man braucht viel Glück, um zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein – habe ich in Manhattan Andy Warhol kennengelernt. Dadurch wurde Calvin Klein auf mich und schlussendlich auf meine Brillen aufmerksam.

Dann habe ich als Konsulent vier Jahre für Calvin Klein die Kollektion designt und in dieser Zusammenarbeit unheimlich viel gelernt. Calvin Klein war ein Tycoon der Modebranche“, zeigt sich der Kosmopolit La Roche begeistert, als könne er sein Glück heute noch nicht fassen. „Ich habe in Hollywood nicht Stylisten und Ausstatter kontaktiert, um in Filmen präsent zu sein – es sind die Schauspieler mit ihrer Sonnenbrille, die zufälligerweise von mir designt war, zum Set gekommen. Und so schrieben auch meine Brillen ein bisschen Filmgeschichte, etwa in ,Grüße aus Hollywood‘ mit Meryl Streep, ,Harry und Sally‘ (Billy Crystal und Meg Ryan) oder ,Kinder­garten Cop‘ (Arnold Schwarzenegger).“

Fingerspitzengefühl und Empathie machten La Roches Brillenentwürfe, aber auch seine Marketingstrategien so erfolgreich. Sein Herz schlägt auch heute noch für die Brille: „Es ist die Aura einer Brille, die dann auf die Person übergeht. Und ich war immer stolz darauf, dass meine Brillen eine Seele haben. Brillen sind etwas sehr Spezielles. Eigentlich ein medizinisches Produkt, das zu einem ­Mode-Accessoire wurde und mittlerweile zu einem Must-have. Die Brille hat ihr Stigma verloren und Begriffe wie ,Brillenschlange‘ sind aus der Mode gekommen. Wichtig ist der modische Aspekt, denn eine Brille transportiert auch den Zeitgeist.“

Nach langen Jahren des Erfolgs war die Zeit wieder reif für einen Wandel: „Ich hatte keinen Nachfolger und der Chef einer Firma, mit der ich eng zusammenarbeitete, sagte einmal zu mir: ‚Was ist, wenn du mit dem Flugzeug abstürzt? Es hängen bei uns viele Arbeitsplätze an unserer Zusammenarbeit.‘ Auch spürte ich schon länger, dass sich bei mir Routine und in weiterer Folge Lustlosigkeit breitgemacht hatte. 1999 verkaufte ich schließlich meine Marke und schloss meine Firma, behielt aber mein großes Archiv und Brillenlager.“

Bananenschachtel-Mythos

Ein Mythos, der den Doyen des österreichischen Brillendesigns umgibt, bestätigt sich – wie es sich für ein echtes „Start-up“ gehört – in einer Hinterhof-Garage mitten im Achten. Alle Fassungen aus La Roches aktiver Zeit von 1973 bis 1999 sind penibel sortiert und beschriftet in Bananenschachteln verstaut. Aber was heißt aktive Zeit? Dank des Vintage-Booms sind Robert La Roches Designs wieder en vogue und zieren erneut die Gesichter von Menschen, die einen Sinn für das Schöne und Besondere haben. 

La Roche verkauft seine Fassungen an Optiker, die für Qualität stehen. Darum findet man original La-Roche-Brillen im „gut sortierten Fachhandel“ in der Josefstadt und Umgebung. Mit etwas Glück trifft man den Ausnahmedesigner von Weltruf auch bei einem Kaffee rund um den Piaristenplatz.

▶ Optik Philipp, 8., Josefstädter Straße 70

▶ Blickfang, 8., Josefstädter Straße 30

▶ Superb Optometry, 7., Stuckgasse 1

▶ PARK Concept Store, 7., Mondscheingasse 20

 

MAK La Roche Retrospektive und Warhol Ausstellung

Personale im MAK 

2016 widmete das MAK dem Werk von Robert La Roche eine Einzelausstellung. Nicht nur ist, wie er selbst sagt, „so eine Schau über das gesamte Œuvre enorm wichtig für einen Designer“, er ist persönlich auch sehr stolz darauf, dass es die Brille als Objekt erstmals ins Museum geschafft hat. Diese erste museale Ausstellung über den Meister des österreichischen Brillendesigns legte den Fokus auf den Aufbau einer erfolgreichen, kosmopolitischen Marke in der Modewelt. Hollywood-Stars wie Arnold Schwarzenegger, Kevin Costner oder Meryl Streep zählten ebenso zu den prominenten La-Roche-Träger*innen wie die Künstler*nnen Yoko Ono und Andy Warhol. Robert La Roche hat dem Museum einen umfangreichen Querschnitt seiner langjährigen Entwurfsarbeit für die MAK-Sammlung überlassen. 

▶ MAK – Museum für angewandte Kunst
1., Stubenring 5, www.mak.at

 

Warhol im mumok

Die Karriere von Robert la Roche kam durch die Begegnung mit Andy Warhol richtig in Schwung. Warhols Werk ist (hoffentlich) noch bis 31. Jänner 2021 im mumok zu sehen. Die Schau „ANDY WARHOL EXHIBITS a glittering alternative“ blickt mit bisher kaum gezeigten Arbeiten hinter die Fassade der weltberühmten Pop-Art-Ikone und entdeckt Warhols Fähigkeit als bahnbrechender Ausstellungs- und Installationskünstler neu. Erstmals wird ein exemplarischer Überblick über die Ausstellungspraxis des Künstlers geboten, ohne dabei dessen Früh- und Spätwerk außer Acht zu lassen.

▶ mumok – Museum moderner Kunst
7., Museumsplatz 1, www.mumok.at


Ausgabe 04/2020