Die Geschichte der Wiener Volksbäder – das Tröpferlbad

In der Plenarsitzung des Wiener Gemeinderates vom 9. November 1886 wurde die Errichtung von Volksbädern in jedem Gemeindebezirk gefordert und umgehend der Bau eines Pilotprojektes – das erste Volksbad Wiens – beschlossen. Dieser Entschluss veränderte das Wiener Badewesen grundlegend.

Von Andrea Skvarits

Am 22. Dezember 1887 eröffnete die Stadt Wien in der Mondscheingasse 9 in Wien-Neubau das erste Wiener Volksbad, welches über getrennte Brause- und Umkleideräume für Männer und Frauen verfügte.

Über Jahrzehnte (1890 bis 1960) stellten die Tröpferlbäder für die Wiener Arbeiterbevölkerung die einzige Möglichkeit zur gründlichen Körperreinigung dar. Der am meisten frequentierte Wochentag der Bäder war übrigens der Samstag, wo statistisch mehr als 30 Prozent des Wochenpublikums zum Duschen kam.

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs errichtete die Stadt Wien weitere 19 Volksbäder, die allein im Jahr 1914 von 3,5 Millionen Menschen besucht wurden (interessanterweise waren damals nur 30 Prozent der Badegäste Frauen). Einzig die Bezirke Innere Stadt und Döbling verfügten nicht über „Tröpferlbäder“, die hauptsächlich von den ärmeren Gesellschaftsschichten in Anspruch genommen wurden.

Mit der Verbesserung des Wohnungsstandards und des Einbaus von privaten Badezimmern, nahm die Besucher:innenzahl der Volksbäder stark ab. Im Laufe der Jahrzehnte wurden die meisten Tröpferlbäder geschlossen oder durch den zusätzlichen Einbau einer Sauna zu Warmbädern aufgewertet.

Woher kommt der Name „Tröpferlbad“?

Wollten zu viele Badegäste gleichzeitig duschen, waren die Wasserspeicher schnell überlastet. Dann ließ der Wasserdruck der einzelnen Duschen nach und es tröpfelte nur mehr aus den Duschköpfen. Deshalb war in den sogenannten „Tröpferlbädern“ der Aufenthalt der Besucher:innen streng auf 30 Minuten begrenzt. In dieser Zeit musste man mit Ausziehen, Einseifen, Duschen und wieder Anziehen fertig sein. Wer länger brauchte, musste eine Verlängerungskarte lösen.

Badeklassen

In den Volksbädern gab es zwei Badeklassen. In der ersten Klasse erhielt jeder Badegast eine eigene, verschließbare Badezelle. Diese verfügte über eine Umkleidemöglichkeit und eine für warme und kalte Duschen verstellbare Mischbrause.

In den Brausebädern zweiter Klasse gab es einen gemeinsamen Umkleideraum mit einem Kästchen, das man versperren konnte. Man ging weiter in einen gemeinsamen Duschraum mit offenen Brausezellen für Warm- und Kaltduschen. Ursprünglich war der Badebetrieb für Männer und Frauen getrennt. Zusätzliche Wannenbäder ergänzten einige Volksbäder.

Das Personal

Das Personal eines „Tröpferlbades“ bestand zuerst aus einem Bademeister plus zwei Diener:innen, die für das Heizen und die Ausgabe der Wäsche zuständig waren. Lange Zeit wurde seitens des Personals auch auf eine entsprechende Bekleidung der Badegäste geachtet.

Da es in den Anfangsjahren nur eine gemeinsame Garderobe gab und die Duschen an einer Seite offen waren, mussten alle Nutzer:innen eine sogenannte Badeschürze tragen, um den „Anstand“ zu wahren. Für die Männer gab es eine Art Lendenschurz, während die Frauen ihre intimen Körperteile mit einer längeren Schürze bedeckten. Erst in den 1940er Jahren verzichtete man auch offiziell auf das Bekleidungsgebot.

Das Tröpferlbad-Lied

In den 50er Jahren wurde vom damals sehr populären Musikerduo Pirron und Knapp dem Tröpferlbad mit dem Lied „Im Tröpferlbad“ ein musikalisches Denkmal gesetzt.

https://www.youtube.com/watch?v=aWggMD9_s-w

PIRRON und KNAPP – Im Tröpferlbad

Am vergang’nen Freitag war’n mir zwa im Tröpferlbod,
daß Sie net dabei woan, des is schod,
schod, schod, schod, schod, schod, schod!

Drunt’n beim Kassier, da hod a Frau g’mocht an Bahö:
„Wos, Sie sog’n, i bin a oede Fee,
Fee, Fee, Fee, Fee, Fee, Fee.

Wos san denn sie dann, Sie z’rupfta Bisam.
War’n Sie ka Amtsperson, herat’n ‚S an aundern Ton.
Doch weil ich fein bin und nicht gemein bin,
stöh i mi nimma mehr mit Ihna her!

Sie glaub’n, weu Sie da in Ihr’n Voglhäusl sitz’n,
könnan’S a schwoche Frau tyrannisier’n.
Geht’s hoet’s mi z’ruck, sunst kumm‘ i no in d’Hitz’n
und muaß den Koat’nbändiger, Koat’nbändiger,
Koat’nbändiger no ane schmier’n!

Endlich samma drinnan, in der Umkleidekabin‘,
de Nockat’n, de rennan her und hin und her und hin
und her und hin und her und hin.
Ana von de Nockat’n, der is unhamlich g’füht,
sei Freind schaut aus, ois wira Röntg’nbüd…
büd…büd…büd…büd…büd…büd.

‚S is ein Gedränge, in dera Menge und kana waß
mehr g’wiß, wöcha Fuaß sei eig’na is;
’s is wira a Noanhaus, mia ziag’n uns d’Schuach aus,
doch unser Nebenmau, ziagt’s uns wieda au!

So, jetzt probier ma’s hoet amoe mit uns’rer Hos’n.
Kaum haumas d’runt‘ hüft uns da Nochba‘ wieder rein.
Mir kriag’n an Zuan, an so an muadstrum groß’n
und gengan z’saumt’n G’waund, z’saumt’n G’waund,
z’saumt’n G’waund ins Bod hinein!

Da G’fühte, der kummt eine, steigt mitt’n auf a Saf;
da längsnoch haut’s eahm hin und er is baff,
baff, baff, baff, baff, baff, baff!
Wira wieda aufsteht, wü er zur Brause hin,
doch er paßt net in die Duschkabin…bin…bin…bin…bin…bin…bin!

In da näxt’n Klause, unter da Brause,
do rennt des Röntg’nbüd,  grod hin und her, wie wüd.
‚S ist ein Verhängnis, daß er so dünn is,
waun der zum Obfluß rutscht, daun is er pfutsch!

Jetzt mocht’s an Pumpara, mia zwa san furchtboa z’saumzuckt,
ja, weu den G’füht’n haut’s grod wieda amoe hin;
die gaunz’n Braus’n san vabog’n, die Wänd‘ hot’s ei‘druckt,
des gaunze Tröpferlbod…Tröpferlbod…Tröpferlbod,
des is jetzt hin!

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