Die Geschichte des traurigen Ofen

Diese Geschichte basiert auf „Der Sprung in der Schüssel“, einem chinesischen Zitat in Geschichtsform, welches einem unbekannten Künstler zugeschrieben wird.

Auf dem Land, in einer kleinen Stadt im Norden Kanadas, steht eine kleine Waldhütte. Hier lebt der kleine Dan mit seiner Mutter. Jedes Jahr sitzen die beiden zusammen in der beheizten Hütte vor einem warmen Kaminfeuer und erzählen sich Weihnachtsgeschichten. Dieses Jahr erzählte die Mutter, die schon sehr alt und gebrechlich war, ihrem Sohn eine Geschichte, die von einem traurigen Ofen handelte. „Als ich noch jung war“ begann sie, „da lebten hier in der Nähe unseres Hauses zwei Familien. Die eine Familie war zwar nicht gerade reich, aber sie hatte genug Geld, um sich einen elektrischen Ofen kaufen zu können, was zu meiner Zeit sehr selten war. Die zweite Familie war sehr arm und besaß einen sehr alten Holzofen, da sie sich keinen neuen leisten konnte. Deshalb war es in ihrer Hütte trotz des Feuers immer noch kühl.

Die eine Familie mochten die andere nicht wirklich, da sich die Familienmitglieder immer für etwas Besseres hielten, nur weil sie viel reicher waren. Dennoch lud die ärmere Familie die andere einmal im Jahr zum Essen ein, da es ihre Tradition verlangte und weil sie als gute Familie gelten wollte. Die reiche Familie hielt nicht viel von Traditionen und dennoch nahmen sie jedes Jahr die Einladung an. Der Leidtragende jedoch war aber immer der Ofen. Jedes Jahr musste er die Verspottung der reichen Familie über sich ergehen lassen: „Wenn das Holz Beine hätte, so würde es lieber vor so einem mittelalterlichen Ofen wie dir davonlaufen, als sich von dir verbrennen zu lassen!“ Oder: „Du hast doch nicht alle Hölzer im Ofen!“ Diese Beleidigungen machten den Ofen sehr traurig und er schämte sich dafür, dass er nur die halbe Leistung verrichten konnte. Die Familie verstand seine Trauer und tröstete ihn. Er sollte sich für sein kleines Defizit nicht schämen, denn das machte ihn deshalb nicht schlechter. Im Gegenteil es machte den Holzofen zu etwas Besonderem, etwas wofür es sich für ihn lohnte am Leben zu sein. Die Familie versprach ihm, dass seine Zeit bald kommen würde.

Sie hatte recht gehabt. Als sich das Jahr zu Ende neigte, wurde es ungewöhnlich kalt und als der Winter einbrach, wurde es so kalt, wie es die Leute auf dem Land noch nicht erlebt hatten. Im größten Teil Süd-Kanadas fiel der Strom aus. Am schlimmsten erwischte es die reichere Familie, da ihr Elektroofen nun nicht mehr funktionierte und so mussten sie den ganzen Winter hindurch frieren. Unglücklicherweise waren sie durch den vielen Schnee in ihrem Haus eingeschlossen. Die arme Familie bekam Mitleid und entfernte den Schnee vor dem Haus der reicheren Familie und dennoch war sie der Ansicht, dass die reichere Familie es verdiente, den Winter hindurch zu frieren. Sie hingegen konnten sich vor dem Holzofen wärmen. Der Holzofen war glücklich, da er endlich zeigen konnte, was er im Stande war zu leisten. Er erkannte, dass er etwas Besonderes war, auch wenn er anders als der Elektroofen war!“, endete die Mutter die Geschichte. Doch der kleine Dan war inzwischen friedlich eingeschlafen.

Nacherzählt von Max Mitterer /KOR8 Bürger:innen-Redaktion


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