Die Hinrichtung eines Journalisten

Neue Theorien zu den Hintergründen der Ermordung des Autors Hugo Bettauer im Jahr 1925 in der Josefstadt wurden jetzt zu seinem 150. Geburtstag
veröffentlicht.

Von Wolfgang Sorgo

„Mutti“ hat jemand ganz einsam auf die Wand des Hauses Lange Gasse 5–7 gesprayt. Wie ein ratloser Hilferuf, von dem wir nicht wissen, ob er gehört wurde. Wir wissen allerdings, dass am Dienstag, den 10. März 1925, etwa um halb drei Uhr am Nachmittag jede Hilfe zu spät kam, denn der Mord oder vielleicht besser die Hinrichtung von Hugo Bettauer, der an selbiger Josefstädter Adresse sein Büro hatte, ist seit damals immer wieder ausführlich besprochen worden. Zufriedenstellend dokumentiert allerdings ist der Fall erst durch ein kürzlich erschienenes Buch des Wiener Historikers Valentin Fuchs.

Weltbürger oder Kloakentier?

Hugo Bettauer (1872–1925) – ein weitgereister jüdischer Wiener Weltbürger – war der meistgelesene Wiener Schriftsteller und Journalist der frühen 1920er-Jahre, ein (literarischer) Zeitgenosse von Franz Kafka und Robert Musil und ein Klassenkollege von Karl Kraus. Der bekannteste Roman des gesellschaftskritischen Schnellschreibers, „Stadt ohne Juden“ (1922), wurde mit Hans Moser verfilmt, in der Kinofassung seines Romans „Die freudlose Gasse“ ist eine züchtige Greta Garbo in ihrer ersten Hauptrolle zu sehen. In seinen Schriften kämpfte Bettauer gegen den allerorts offen grassierenden Antisemitismus, forderte Straffreiheit für Homosexualität und Abtreibung und verlangte ein modernes Scheidungsrecht. Seine umstrittene Publikation „Er und Sie – Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik“ war eher ein Aufklärungsmagazin als ein Sexheft, wie ein erster Prozess gegen Bettauer ergab. Egal: Den Katholiken, Konservativen und Rechten seiner Zeit war Bettauer eine permanente Provokation, die deutschnationale Presse hetzte gegen die „räudige Talmudseele“ und das „perverse Kloakentier“ und rief nach Lynchjustiz.

Gesagt – getan

Am 10. März 1925 feuerte der 20-jährige Zahntechniker Otto Rothstock fünf Schüsse auf Bettauer ab. Der eher verwirrte Attentäter, ein frühes NSDAP-Mitglied, ließ sich widerstandslos festnehmen, Bettauer verstarb nach einigen Tagen. Im Oktober desselben Jahres wurde gegen Rothstock am Landesgericht Wien verhandelt. Die Geschworenen sprachen den Täter zwar formaljuristisch einstimmig des Mordes schuldig, aber gleichzeitig wegen einer angeblichen Geisteskrankheit als „unzurechnungsfähig“ frei.  Als Einzeltäter wurde er in die Psychiatrie eingeliefert und nach 18 Monaten als „geheilt“ entlassen. Für die NS-Presse war der Mord ohnehin eine „Tat praktischer Jugendfürsorge“, aber auch viele Christlichsoziale zeigten Verständnis für die verdiente „Hinrichtung“ eines „jüdischen Pornografen“.

Manipulationen der Behörden

Eine genaue Analyse der vorliegenden Dokumente zu dem Fall zeigt aber, dass die rechtsradikal unterwanderten Behörden schon von den ersten polizeilichen Erhebungen an erfolgreich an einer Einzeltätertheorie bastelten und auch daran festhielten. Bis in die 70er-Jahre wurde die berechtigte Wiederaufnahme des Verfahrens verhindert und der überlebende Mörder durfte sich sogar im Fernsehen noch frech seiner Tat rühmen: Er habe die Jugend vor einem „großen Pornografen“ schützen müssen. Indizien legen allerdings nahe, dass im Umkreis der Tat zahlreiche Helfer und Begünstiger standen, die – wie der Historiker Fuchs anschaulich zeigt – dem Sumpf von Antisemitismus, Antimodernismus und sich formierendem Rechtsradikalismus der zusammengebrochenen Donaumonarchie entstiegen waren und sich feige ihrer Verantwortung entzogen.

Erinnerung vor Ort

In Erinnerung an den journalistischen Pionier trägt der Platz an der Kreuzung Lange Gasse / Zeltgasse seit 2009 den Namen Hugo-Bettauer-Platz. Am dortigen Gemeindebau, dem Maria-Franc-Hof, wurde auch eine Informationstafel angebracht.

Späte Aufarbeitung

Autor Valentin Fuchs sucht nach Antworten auf die Frage, warum Hugo Bettauer ermordet wurde und wer die Hintermänner der Tat waren. Daneben besteht das Verdienst dieses Buchs darin, den Mord in die politischen, ökonomischen und soziokulturellen Verhältnisse im Wien der frühen 1920er-Jahre einzubetten. Fuchs verfolgt die Biografien der handelnden Personen gegebenenfalls auch bis in die Zweite Republik.

Fuchs, Valentin: Die Hinrichtung Hugo Bettauers. Zur Aufarbeitung eines rechtsextremen politischen Attentats
Promedia 2022. 208 S. € 20,00.
ISBN: 978-3-85371-510-9

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Ausgabe 04/2022