„Die Menschen, die kommen, …

… die sind das Festival“. Filme ab in der Josefstadt: Das Kurzfilmfestival dotdotdot findet von 25. Juli bis 24. August 2021 im Volkskundemuseum statt. Das Programm wird Ende Juni veröffentlicht – „derAchte“ hat mit Festivalleiterin Lisa Mai gesprochen. 

Das Kurzfilmfestival dotdotdot im lauschigen Garten des Volkskundemuseums ist seit Jahren ein Fixpunkt der Kunst- und Kulturszene in der Josefstadt. Das Team rund um Festivalleiterin Lisa Mai lässt sich weder von der Pandemie noch von finanziellen Kürzungen abschrecken. Eine Geschichte über barrierefreie Kunst- und Kulturvermittlung, starke Partner und einen Auftrag.

Eine Frage zu Beginn: Wie lange ist ein Kurzfilm? „Kürzer als ein langer Film“, lacht Lisa Mai. „Beim Kurzfilmfestival dotdotdot gibt es an einem Abend mehrere Filme zu sehen. Unsere Programme sind zwischen 75 und 80 Minuten lang. Wir möchten kurze Formate, die im regulären Betrieb keine Sichtbarkeit bekommen, auf die Leinwand bringen“, fährt Mai fort. Beim Kurzfilmfestival gibt es keine Limits oder formellen Begrenzungen. Fast alles ist möglich. „Wir arbeiten sowohl mit Filmen, die bis zu einer Stunde lang sind, als auch mit zehnminütigen Filmen. Es ist befreiend, ja sogar Luxus, dass wir uns beim Kuratieren nicht einschränken müssen“, erzählt die Festivalleiterin. Einen Wettbewerb gibt es nicht, das Publikum vergibt jedes Jahr einen Publikumspreis. Letztes Jahr ging dieser an die Josefstädter Filmemacherin Leni Gruber für „Schneemann“. „Der Publikumspreis beinhaltet einen bezahlten Kuratierungsauftrag.  Wir sind schon sehr gespannt, wie Leni ‚ihren‘ Abend gestalten wird“, so Mai. Jedes Jahr gibt es zwar einen thematischen Schwerpunkt, die einzelnen Abende sind aber für sich abgeschlossen. „Wir sehen es als kuratorischen Arbeitsauftrag, einen Jahresschwerpunkt zu definieren. Das ist sozusagen die Handschrift des Festivals. Gleichzeitig soll aber auch jeder Abend eine bestimmte Erfahrung ermöglichen.“ 

Das Überthema für dieses Jahr ist Science-Fiction. „Es geht darum, Szenarien für mögliche Zukünfte zu entwickeln. Die haben ganz stark mit unserem Jetzt zu tun. Die Zukunft beginnt jede Minute“, erklärt Mai und fährt fort: „Wir sind Gestalter*innen unserer individuellen Zukunft und der kollektiven Zukunft.“ Ein Beispiel: Ein Film, der eine Welt abbildet, die zu 100 Prozent barrierefrei ist. Dieser könnte genauso gut im Hier und Jetzt spielen, ist aber ­Science-Fiction. Apropos Barrierefreiheit: dotdotdot will mit seinem Programm auch jene Menschen erreichen, die normalerweise keinen Zugang zu Kunst- und Kulturformaten haben. „Uns ist es wichtig, die Programme möglichst barrierefrei zu gestalten. Das ist der Auftrag, den wir uns mit Start des dotdotdot-Festivals (Anm.: vormals espressofilm) 2015 gegeben haben“, sagt Mai. „Bei jeder Veranstaltung überlegen wir: Welches Angebot ist für wen nicht zugänglich und was davon können wir lösen?“ Dabei hatte das Team eine „ernüchternde Erkenntnis“: „Für barrierefreie Angebote im Kulturbereich gibt es kaum Förderungen“, so Mai. Ein Erfolg für 2021: Dank einer Sonderförderung kann dieses Jahr erstmals eine Filmwerkstatt für gehörlose Menschen umgesetzt werden. „Dafür haben wir ein Extrabudget gebraucht, weil wir mit zertifizierten Dolmetscher*innen und Künstler*innen zusammenarbeiten, die natürlich nicht gratis arbeiten sollen.“

© Tobias Raschbacher/dotdotdot

Das „Pay as you can“-Eintrittskonzept, bei dem jede/r nach eigenem Ermessen bezahlt, wurde auch bei der coronabedingten Verlegung von dotdotdot ins Internet beibehalten. Nun können die Besucher*innen zwischen drei Preiskategorien wählen. „Das Pay-as-you-can-Onlinekonzept ist super angekommen. Obwohl wir wegen der Sicherheitsbestimmungen nur etwa die Hälfte an Tickets verkaufen durften, waren der Zuspruch und die Unterstützung sehr groß“, freut sich Mai. Dieses Konzept werde man 2021 beibehalten. „Mein ultimativer Anspruch wäre, das Programm wirklich für alle zugänglich zu machen, und das bedeutet: komplett freier Eintritt.“ Durch finanzielle Kürzungen sei das aktuell leider nicht möglich. „Wir haben aber pro Abend auch viele kostenlose Tickets zu vergeben. Ein Anruf genügt und wir reservieren einen Platz.“ Viele der Anrufer*innen hätten das Bedürfnis, sich zu erklären oder gar zu beweisen. „Das ist nicht nötig. Wir wollen nicht wissen, ob jemand beim AMS gemeldet ist oder nicht“, sagt Mai. „Jede*r ist mündig genug, die eigene Situation einzuschätzen.“ 

Mit dem Volkskundemuseum habe das Filmfestival seit Jahren einen starken Partner an seiner Seite. „Das Museum ist nicht nur Veranstaltungsort, sondern auch inhaltlicher Partner. Wir arbeiten gemeinsam an Schwerpunktthemen und tauschen uns aus“, so Mai. „Wir schätzen uns sehr glücklich, dass wir seit 2010 mietfrei zu Gast im Garten des Volkskundemuseums sein dürfen.“ Das Festival bringt übrigens Menschen aus ganz Wien und sogar aus den Bundesländern in die Josefstadt. „Grob geschätzt sind etwa 15 bis 20 Prozent unserer Besucher*innen aus dem 8. Bezirk. Wir haben tatsächlich kein Zielpublikum. Die Besucher*innen des Festivals sind so vielfältig wie sein Programm.“ 

Die Vielfältigkeit des Programms spiegelt sich auch in den Vermittlungskonzepten wider. Das Publikum erwartet bei dotdotdot mehr als „nur“ Filme. Nach jedem Open-Air-Screening gibt es eine Diskussion. Wer durch die Filme Lust aufs Kreativwerden bekommen hat, kann sich in den Werkstätten des Festivals austoben. „Wir sehen unsere Filme als Impulsgeber für weitere Gedanken, Diskussionen und Aktionen. In den Werkstätten können sich Interessierte noch weiter in die Themen vertiefen. Das Programm ist kostenlos und jede*r kann ohne Vorwissen teilnehmen“, erklärt Mai. Die Workshops sind „kurze, kompakte Formate“ von zwei bis drei Stunden. „Mein Anspruch ist, dass wir nach den Workshops mit positiven Erfahrungen ‚angefüllt‘ sind.“ Das Warten zwischen den Festivals 2019 und 2020 hat das dotdotdot-Team gut genutzt: „Wir sind sehr stolz, dass wir ein Filmarchiv auf die Beine gestellt haben. Jetzt haben alle die Möglichkeit, die Filme aus unserem Programm zu streamen. Wir haben besonders im vergangenen Corona-Jahr tolles Feedback von Menschen bekommen, die unsere Streams geschaut haben“, erzählt Mai. „Lustiger Fact am Rande: Das meistgesuchte Stichwort in der Datenbank war Katzen“, schmunzelt sie. Ja, richtig gelesen, Katzen! Für die Suche nach flauschigem Content gibt es eine simple Erklärung: dotdotdot hat nämlich mit dem Cat Video Festival Vienna kooperiert.  

Bis zum diesjährigen Festival sind es noch ein paar Wochen. Während die letzten Vorbereitungen für dotdotdot 2021 laufen, können sich vorfreudige Besucher*innen das Programm der vergangenen Jahre online anschauen. Für die Autorin dieses Artikels heißt das: Popcorn machen und „Welcome to Cat City“!

www.dotdotdot.at

 

Filmdatenbank und Streaming 

Sie haben in den letzten Jahren einen Kurzfilm verpasst? Das Kurzfilmfestival dotdotdot hat vergangenes Jahr eine Filmdatenbank mit allen bisherigen Werken zusammengestellt. Von A wie Aktivismus bis Z wie Zusammenleben: Die rund 800 Kurzfilme aus sechs Festivaljahren können jetzt ganz einfach online nachgeschlagen werden – mehr als 450 davon, die von den Rechteinhaber*innen bereits veröffentlicht wurden, können auch direkt auf der Website des Festivals kostenlos gestreamt werden. Zusätzlich sind rund 50 Kürzestfilme und Clips aus dem kuratierten Vorfilmprogramm als Bonus-Tracks zu sehen.

https://dotdotdot.at/archiv/filme

 

Workshops

Das dotdotdot ist für mehr als „nur“ Kurzfilmabende bekannt: Festivalleiterin Lisa Mai und ihr Team organisieren jedes Jahr ein besonderes Workshop-Programm. Dazu gehören Diskussions- sowie Aktionsmöglichkeiten rund um die Themen des Festivals. Die Formate sollen Besucher*innen die Gelegenheit geben, sich in die Themen der Filme zu vertiefen. Das gesamte Programm ist kostenlos, jede/r kann ohne Vorwissen oder Erfahrung vorbeikommen und sich inspirieren lassen. In den vergangenen Jahren haben unter anderem Video-Poetry-Workshops, Tanz-Video-Workshops sowie Literaturworkshops stattgefunden. Das diesjährige Vermittlungsprogramm wird in Kürze auf der Website veröffentlicht. 

 

Geschichte und Kontakt

Im Sommer 2015 hat das internationale Open-Air-Kurzfilmfestival dotdotdot die Nachfolge von espressofilm (2010–2014) angetreten – als eine Art „cineastischer Nahversorger“ im 8. Wiener Gemeindebezirk und Begegnungsraum für Menschen, die darauf brennen, private wie politische Komfortzonen zu verlassen. Das Festival ist für alle, das Team legt großen Wert auf Barrierefreiheit und ein niederschwelliges Angebot. Das dotdotdot-Kurzfilmfestival 2021 findet wie in den Jahren zuvor im Garten des Volkskundemuseums in der Josefstadt statt. Mehr Informationen gibt’s auf der Website: 

www.dotdotdot.at