Dr. Heinz Fischer: Mein „Achter“ im Corona-Jahr

Ich bin 1938 in Graz geboren, in Wien-Hietzing aufgewachsen und habe als „Hietzinger“ geheiratet und mein Berufsleben begonnen.

1971, als ich als Abgeordneter in den Nationalrat gewählt wurde, haben meine Frau und ich eine Wohnung in der Nähe des Parlaments gesucht und in der Josefstädter Straße gefunden. Dort wohnen wir jetzt seit 50 Jahren in der gleichen Wohnung, nahe zum Parlament und nicht weit von der Hofburg; das Theater in der Josefstadt genau vis-à-vis, praktisch zum Einkaufen und mit einer Vielzahl netter Restaurants in bequemer Fußgehdistanz.

Mehrere Bundeskanzler, zwei Kardinäle, viele Regierungsmitglieder, Künstlerinnen und Künstler, Freundinnen und Freunde aus den verschiedensten Lebensabschnitten und natürlich auch ausländische Gäste haben uns in der „Jo“ besucht.

Ein hochbetagter Präsident des chinesischen Volkskongresses, den wir an einem Freitagnachmittag zum Tee in unsere Wohnung eingeladen hatten, hat diesen Besuch sicher nicht vergessen. Just als er im Haus eintraf, versagte der Lift. Fünf Stockwerke zu Fuß kamen für unseren Gast nicht in Frage. Also wurde der Präsident von zwei Sicherheitsbeamten in den fünften Stock getragen und hat sich darüber sehr amüsiert.

Inzwischen habe ich meine politischen Funktionen hinter mir, habe mehr Zeit und lerne den „Achten“ noch genauer kennen.

Es ist erstaunlich, wie viel sich in der Josefstadt verändert und wie sehr sie doch ihren spezifischen Charakter behält. Wird das auch in Zukunft so bleiben? Gerade jetzt ist der Wind der Veränderung ziemlich stark.

Der 8. Bezirk hat soeben einen neuen Bezirksvorsteher erhalten. Ich gestehe, dass ich ihn nicht gewählt habe, aber ich wünsche ihm aufrichtig alles Gute.

Und in Wien tritt eine neu zusammengesetzte Stadtregierung (Landesregierung) ihr Amt an, in der zum ersten Mal auch die NEOS vertreten sind. Auch dem Herrn Bürgermeister und seinem Regierungsteam alles Gute.

Aber gibt es da nicht eine Pandemie – Covid-19 –, die alle guten Wünsche zunichtemachen kann? Ja, die gibt es – und wie! Zum Jahreswechsel 2019/2020 haben wir alle die Worte Corona oder Covid-19 noch gar nicht gekannt. Und jetzt ist das weltweit d a s beherrschende Thema, das in unser aller Leben und auch in den 8. Bezirk massiv eingreift.

Ich bin erstaunt, wie beratungsresistent manche Menschen in diesem Zusammenhang sind, und dennoch glaube ich (auch ohne voreiligen und taktischen Optimismus), dass im Laufe des kommenden Jahres eine Wende zum Besseren in Bezug auf die Häufigkeit und Gefährlichkeit dieser Erkrankung möglich sein sollte – auch wenn wir die Folgen dessen, was sich 2020/2021 ereignet hat und möglicherweise noch ereignen wird, noch lange spüren werden.


Ausgabe 04/2020