Ein Funkeln in der Dunkelheit

Goldene Luster, rauschende Feste: Egal wie antiquiert die Wiener Ballsaison auf manche wirken mag, aus dem gesellschaftlichen Leben der Stadt ist sie nach wie vor nicht wegzudenken.

Nach rund zwei Jahren pandemiebedingtem Dornröschenschlaf sind nun alle Hoffnungen auf den kommenden Winter gerichtet. Doch große Abende beginnen meist schon Monate vorher: eine Spurensuche durch die Josefstadt.

Selbst wer noch nie in Wien war, kennt wahrscheinlich die glänzenden Bilder des legendären Opernballs. Ob junge Debütierende oder Richard Lugners wechselnde Begleitungen – jedes Jahr das gleiche Spektakel und trotzdem wird es nie langweilig. Die konzentrierte mediale Aufmerksamkeit sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch anderswo gefeiert wird und man nicht nur in der Staatsoper oder der Hofburg munter das Tanzbein schwingen kann. Die Josefstadt kann hier an vorderster Front mitmischen: So wird das geschichtsträchtige Palais Auersperg diese Saison wieder seine Pforten öffnen. Fast täglich musiziert hier das Residenzorchester und Stefan Paunzen von der Eventplanung hat eigentlich alle Hände voll zu tun, findet aber trotzdem Zeit, um durch die herrschaftlichen Räumlichkeiten zu führen.

Schon seit Anfangdes 18. Jahrhunderts prägt das Palais das Stadtbild und obwohl man in dem prunkvollen Ambiente sofort den Hauch der langjährigen Geschichte verspürt, bleiben die Zeugnisse der historischen Ereignisse, die das Haus einst mit Leben füllten, dem Auge des Besuchers zunächst verborgen. In der Zeit des Wiener Kongresses pflegte sich die Gesellschaft hier den Abend zu vertreiben – heimlich bespitzelt von Vasallen des Fürsten Metternich, die sich in einem falschen Kamin im Maria-Theresien-Saal versteckten. Eine ganz andere Art von Diskretion findet man nur einen Raum weiter: Die sagenumwobene Affäre zwischen Erzherzogin Sophie und dem schwedischen Prinzen von Wasa, einem langjährigen Bewohner des Hauses, wäre ohne die Geheimtür im Boudoir vielleicht nicht möglich gewesen.

collage: zwei herren und zwei damen die sich gegenüberstehen, rechts tanzendes paar in schöner ballgardarobe

Vorbereitung zum Tanz

Doch zurück in die Gegenwart. Das Palais ist gut durch die zwei Jahre Pandemie gekommen und Paunzen blickt zuversichtlich auf die kommenden Monate. In die Ballsaison startet man mit einer großen Silvestergala, bei der im altehrwürdigen Ambiente in das neue Jahr getanzt werden kann. Doch ein Ticket allein reicht noch nicht: Wer das Ballvergnügen richtig genießen will, sollte auch ein paar Grundschritte beherrschen. Flugs aus dem Palais hinausgetreten und am Café Eiles vorbei, wird man nach nur wenigen Minuten Fußweg von Yvonne Rueff in ihrer Tanzschule Rueff empfangen. Auch hier wird wieder deutlich, wie häufig in Wien Vergangenheit und Gegenwart nah beieinanderliegen – die Tanzsäle befinden sich in der ehemaligen Gemäldegalerie des Grafen Czernin. Nichtdestotrotz ist die Schule im 21. Jahrhundert angekommen, selbst Pandemien müssen auf der Schwelle kehrtmachen: Die meisten Türen öffnen kontaktlos und das mit einem automatischen Schiebefenster ausgestattete Flachdach über den Räumlichkeiten funktioniert besser als jede künstliche Lüftungsanlage. Schon seit 1966 wird am Friedrich-Schmidt-Platz 4 fleißig geprobt, nach dem frühen Tod des Vaters übernahm Yvonne Rueff das Unternehmen. Aufgewachsen in der Josefstadt hat sie dort zwischen Walzer und Salsa laufen gelernt – und sich trotz Jus-Studiums für die Leitung der Schule entschieden.

älterer herr umgeben von models mit schönen ballkleidern

Maurizio Giambras Ballroben – made in Josefstadt

Ob junge Debütant:innen oder neugierige Tourist:innen – im Repertoire des Hauses ist für alle etwas zu finden. Ein besonderes Angebot ist die „Hop On Waltz!“-Stunde, bei der man einfach vorbeischauen und reinschnuppern kann. Internationale Gäste haben so die Gelegenheit, sich die Stadt nicht nur passiv anzuschauen, sondern sie aktiv mitzuerleben. Als gebürtige:r Wiener:in hat man zwar in der Jugend wohl schon den einen oder anderen Tanzkurs besucht, doch wer angesichts steif gewordener Schritte seine Kenntnisse aufpolieren möchte, ist herzlich willkommen.

Wenn Walzer, Foxtrott oder Rumba wieder sitzen und die Polonaise von den Debütant:innen einstudiert ist, fehlt nur noch der letzte Schliff, dann ist es zum Ballabend nicht mehr weit. Die Suche nach der passenden Bekleidung gestaltet sich anfangs jedoch schwieriger als erwartet. Das fast zweijährige Auf und Ab und die langen Veranstaltungspausen sind spürbar – mehrere Ballmodengeschäfte in der Josefstadt mussten ihre Pforten schließen. Einer der wenigen, die sich gehalten haben, ist Maurizio Giambra. Nach einer langen Karriere als Kostümbildner in der Filmbranche erfüllte sich der gebürtige Italiener vor 13 Jahren seinen Traum und eröffnete eine Boutique in der Lange Gasse 38. Nun kann er – anstatt die Entwürfe anderer Designer:innen zu kaufen – endlich seine eigene Vision von Eleganz und Mode in die Tat umsetzen. Neben Business-und Alltagsmode liegt ein besonderer Fokus auf Hochzeits- und Ballkleidern. Letztere werden, wie ein Blick auf die Homepage verrät, auch gerne von Wiener Prominenz wie Schauspielerin Adele Neuhauser oder Sängerin Dorretta Carter ausgeführt. Giambras Kreationen sind alle selbst entworfen sowie handgemacht. In der Boutique in der Lange Gasse versteckt sich hinter einem dünnen Vorhang das Atelier: Design, Produktion und Verkauf, alles „made in Josefstadt“. Nicht mehr lange hängen die Ballkleider sorgsam verpackt an der Stange, spätestens mit Beginn der Ballsaison klopfen die Kundinnen wieder an, umzu schauen, was Giambra für sie so vorbereitet hat.

Nach beendeter Spurensuche in der Josefstadt steht immer noch die Frage im Raum, was genau eigentlich die Faszination von Bällen ausmacht. Warum hängen die Wiener:innen so sehr an dieser Tradition, die etwas aus der Zeit gefallen scheint? Wenden wir uns noch einmal an unsere drei Gesprächspartner:innen. Stefan Paunzen selbst ist privat nicht so der Ballgänger, er veranstaltet sie nur (aber das sehr gern), deshalb gehen wir direkt weiter zu Yvonne Rueff. Sie empfindet das Walzertanzen und all das, was dazugehört, als Wiens Tor zur Welt. Hunderte von Besucher:innen kämen jedes Jahr, um die Pracht des ehemaligen Kaiserreichs einmal miterleben zu dürfen. Warum etwas aufgeben, das die Heimatstadt so einmalig mache? Die schönste Erklärung hat aber Mauricio Giambra parat. Im trüben und grauen Winter taucht die Ballsaison für ihn das Leben wieder in glanzvolles Licht. Die funkelnden Räume, der Champagner, das Wetteifern um das schönste Kleid – gebe es einen besseren Grund, um sich bei Eiseskälte vor die Tür zu wagen?

So bleibt von dem Spaziergang der Eindruck, dass Traditionen nicht per se rückwärtsgewandt sein müssen, sondern auch eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft darstellen können. Und selbst wer Glanz und Glamour gar nichts abgewinnen kann: Gerade in Zeiten wie diesen, wo lang gepflegte Weltbilder kontinuierlich einreißen, tut es gut zu wissen, dass es immer noch Orte gibt, wo die Zeit stehen geblieben ist. Man muss nur nach dem Funkeln suchen.

Tanzendes paar in einem Säulengang

In der Tanzschule von Yvonne Rueff lernt man, sicher über das Parkett zu gleiten.

Diamanten für alle

von Irmtraut Karlsson

Ballkleider mit Glitzersteinen am Ausschnitt oder den Ärmeln und funkelnder Haarschmuck: kein Problem. Aber wer hat die Steinchen erfunden und wo – gar in der Josefstadt?

Es war Joseph Straßer, ein Juwelier aus der Lerchenfelder Straße 16. Er stellte hier um 1750 aus einer Mischung aus grünem Kiesel, Eisenoxyd, Tonerde, Natron und Kalk ein Material her, das nach dem Schleifen und Polieren wie Diamanten glitzerte. Der Strass war erfunden. Mit diesen neuen „Diamanten“ made in Josefstadt geschmückt gingen seine Frau und Töchter mit ihm auf einen Ball in die „Mehlgrube“ am Neuen Markt. Dort wurde Straßer prompt verhaftet. Die Polizei nahm an, dass der Schmuck gestohlen war. Das berichtete Constantin von Wurzbach in seinem „Biographischen Lexikon des Kaiserthums Österreich“ aus dem Jahr 1856, Band 37.

Die glasartigen Steine glitzern nicht nur in der Ballsaison – sie sind bis heute die Diamanten für alle. Kaiser Franz Stephan interessierte sich sehr für Straßers Steine. Kaiserin Maria Theresia, seine Frau, fand jedoch einen Erlass aus dem Jahr 1732, der dem „gemeinen Volk“ das Tragen von Juwelen verbot. Straßer musste Wien verlassen und ging nach Paris ins Zentrum des Luxuslebens. Dort hatte seine Erfindung, die er „Pierres de Strass“ nannte, großen Erfolg. Die Franzosen leugnen das natürlich – erfunden hat’s ein Strass aus Strasbourg – und setzten sich überall, auch auf Wikipedia, durch.

Daneben gibt es noch eine Geschichte: Während Straßers Haft verhandelte ein Engländer mit dessen Frau und Töchtern. Eine Straßer-Tochter heiratete der Fremde. Es war angeblich der berühmte englische Optiker John Dollond (1706–1761), der im Jahre 1757 die achromatische Fernröhre erfand, eine der folgenreichsten Entdeckungen auf dem Gebiet der optischen Instrumente. Diese Geschichte erzählt die Encyclopedia Britannica ganz anders: von Wien und Straßer keine Spur. Und es wär net Wien, wenn Joseph Straßer nicht in einer Operette ein Denkmal gesetzt worden wäre: „Brillanten aus Wien“ mit dem bekannten Lied: „Ich kenn ein kleines Wegerl im Helenental“, uraufgeführt 1940, Musik Alexander Steinbrecher, Text „Curt von Lessen“ – ein Pseudonym für Rudolf Österreicher? Aber das ist eine andere Geschichte.

collage: weiße handschuhe halten einen kleinen strauß rote roßen

Das Palais Auersperg öffnet diese Saison wieder seine Pforten @www.paunzen.com


Ausgabe 04/2022