Endlich wieder Theater?

Endlich wieder Theater! Kulturhungrige Menschen kennen das Gefühl, das sich regelmäßig im Herbst einstellt. Wenn heuer am 17. September das Theater in der Josefstadt diesen Hunger an Thomas Bernhards „Der deutsche Mittagstisch“ stillen will, ist es allerdings nicht nur die Eröffnungspremiere nach der Sommerpause.

Es ist eine Premiere, die eigentlich am 4. Juni als Höhepunkt der letzten Saison über die Bühne gegangen wäre. Und es wird fast genau ein halbes Jahr vergangen sein, dass in Österreich der Lockdown ausgerufen wurde und die letzten Besucher das Parkett verließen. 

Wie also wird das sein? Mit all den Präventionsauflagen, die Covid-19-Infektionen verhindern sollen? Ganz genau weiß das niemand. Aber es gibt einen Spielplan, und es gibt ein Konzept zur Durchführung, das die Wiener Theater gemeinsam mit Experten entwickelt haben. Ob und wie sich die Corona-Ampel-Farben zusätzlich auf den Spielbetrieb auswirken könnten, war zu Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht klar. Zuletzt sprach Staatssekretärin Andrea Mayer von „Feinabstimmungen“.

Der allgemeine Vorverkauf für die Spielzeit 2020/21 startet coronabedingt voraussichtlich erst am 4. September. Die Karten werden nur personalisiert vergeben, Garderoben und somit der Weg in den Zuschauerraum zugewiesen. Überschwängliche Begrüßungsrituale mit Umarmungen und vielen Bussis im Foyer und in den Sträußelsälen müssen aufgrund der Maskenpflicht bis zum Sitzplatz entfallen. 

Und während der künstlerische Direktor Herbert Föttinger Anfang Sommer noch gehofft hatte, dass alle Stühle besetzt werden dürfen, wird die Abstandsregel eine schachbrettartige Platzierung von BesucherInnen bzw. Gruppen erfordern. Das bedeutet auch, dass Abonnent*innen möglicherweise mit anderen als ihren Stammplätzen vorliebnehmen müssen.   

Apropos Abonnent*innen: Föttinger zeigte sich via Facebook überglücklich, dass sich am Stand des Abo-Verkaufs im Vergleich zu den Vorjahrszahlen nichts geändert hat. „Es ist toll, wie Sie zum Theater in der Josefstadt stehen. Sie sind ein tolles Publikum. Danke schön!“ Worauf eine Abonnentin trocken meinte: „Wenn man einmal ein Josefstadt-Abo ergattert hat, gibt man es freiwillig nicht mehr her.“ Das Motto der Spielzeit – „Jetzt müssen wir zusammenstehen. Mit möglichst viel Abstand“ – scheint also zu funktionieren.

 

Wie nun sieht es hinter den Kulissen aus, bei den seit 1. August laufenden Proben und Vorbereitungen? Eröffnungsregisseur Claus Peymann, der sein Spät-Debüt in der von ihm selbst einst als „Schlaf- und Schnarchtheater Wiens“ bezeichneten Josefstadt gibt, erfreut sich wieder guter Gesundheit. Der 83-jährige ehemalige Burgtheaterchef (1986–1999) war im Frühjahr 2019 während der Proben von Ionescos „Die Stühle“ im Akademietheater Wien zusammengebrochen und monatelang schwer krank. Er zeigt sich kampfeslustig: „Wir Theaterverrückten dieser Welt müssen mehr denn je zusammenhalten.“ 

Nicht nur Peymann, auch der um drei Jahre ältere Bühnenbildner Achim Freyer gehört zur Corona-Risikogruppe. Beide wurden auf das Virus getestet, so auch das gesamte Team und Ensemble. Apropos Ensemble: Dafür, dass „Der deutsche Mittagstisch“ von Thomas Bernhard aus einer Sammlung von Kürzest-Dramen besteht, ist das Josefstadt-Aufgebot auf der Bühne gewaltig. Zehn SchauspielerInnen werden die Kurzauftritte in Mehrfachrollen bestreiten, darunter Sandra Cervik, Traute Hoess, Andre Pohl und Raphael von Bargen. 

Thomas Bernhard hat „Der deutsche Mittagstisch“ 1978 verfasst, die anderen Dramolette, darunter „A Doda“ und „Alles oder nichts“, entstanden in den Folgejahren.

Es ist natürlich nicht die erste Auseinandersetzung Peymanns mit den bitterbösen, grotesken Petitessen aus der Feder seines langjährigen Wegbegleiters. Während seiner Burgtheater-Intendanz wurden die Dramolette 1987 im kleinen Rahmen am Lusterboden aufgeführt. Die Rolle des Herrn Bernhard bekleidete damals übrigens Frank Hoffmann, Frau Bernhard wurde von Annemarie Düringer gegeben. Auf Peymanns heutige Sicht auf die „Suppe, bei der lauter Nazis zum Vorschein kommen, wenn man sie auslöffelt“ darf man auf alle Fälle gespannt sein. Eines ist jetzt schon klar: Als Süßspeise wird er die Dramolette, die sich Föttinger so sehr von ihm gewünscht hat, nicht servieren. 

Am Theater in der Josefstadt herrscht auch sonst ein neuer Ton. Und damit sind nicht die kämpferischen Ansagen des künstlerischen Direktors – der das Haus seit 2005 leitet und soeben bis 2026 verlängert wurde – in Richtung Kulturpolitik oder andere, ungewohnte künstlerische Handschriften gemeint. Donnerbleche, die vor 200 Jahren von Bühnenarbeitern am Schnürboden gerüttelt wurden, um das Publikum erschauern zu lassen, waren im altehrwürdigen Haus zwar nicht mehr im Einsatz, doch ließ das in vielerlei Hinsicht überholte System der Tontechnik-Anlage zu wünschen übrig. Der Entschluss zur Erneuerung fiel schon vor vier Jahren. Nachdem Gelder bei Bund und Stadt dafür lukriert wurden, konnte der Sommer zur Neuausstattung und Programmierung für den herbstlichen Premieren-Reigen genutzt werden.

Denn auf den „Mittagstisch“ folgen die Premieren, zumindest laut derzeitiger Planung, in raschem Tempo und mit hohem Nachholbedarf: Die ursprünglich für 12. März angesetzte und dann auf 9. April verschobene Premiere von „Geheimnis einer Unbekannten“ soll nun am 1. Oktober stattfinden. Es spielen Martina Ebm und Michael Dangl, Christopher Hampton wird die Adaption der Stefan-Zweig-Novelle („Brief einer Unbekannten“) inszenieren. Und Janusz Kicas Inszenierung von Hermann Bahrs Lustspiel „Das Konzert“ (ursprünglicher Termin: 3. April) ist nun für 15. Oktober geplant. In den Hauptrollen: Hausherr Herbert Föttinger als Pianist Gustav Heink und seine Frau Sandra Cervik als Marie. 

Erstmals in der Geschichte des Theaters steht in dieser Saison auch ein Stück von Elfriede Jelinek auf dem Spielplan: „Rechnitz (Der Würgeengel)“. Mit der fulminanten Uraufführung dieser wütenden, rollenlosen Endlos-Suada der österreichischen Nobelpreisträgerin über den Rechnitzer Massenmord an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern im Jahr 1945 gelang Regisseur Jossi Wieler und dem Ensemble der Münchner Kammerspiele 2008 ein Riesenerfolg. Es folgten mehr oder weniger geglückte, auch skandalisierte Aufführungen im deutschsprachigen Raum. Die Latte für das Team rund um Regisseurin Anna Bergmann in der Josefstadt liegt jedenfalls hoch. Geplante Premiere: 8. Jänner 2021.