Endspiel in der Trautsongasse

Die Lebensspur Oskar Werners kreuzte den Wiener achten Bezirk sowohl zu den Höhe- als auch zu den Tiefpunkten seiner exzentrischen Karriere. Zum 100. Geburtstag des Weltstars und Grenzgängers haben wir uns auf Spurensuche begeben.

Von Wolfgang Sorgo

„Lassen Sie mich in Ruhe, Sie verwechseln mich wohl wieder mit meinem Zwillingsbruder!“ Solch eine Abfuhr konnte einem Gast, der den Film- und Theaterstar Oskar Werner erkannt hatte und ihn um ein Autogramm bat, leicht zuteilwerden, etwa im Café Eiles, im Café Hummel, im Gasthaus „Zur goldenen Schale“ (heute „Fromme Helene“) oder in sonst einem der von ihm bevorzugten Etablissements im Achten – je nachdem, in welcher Stimmung der sensible Schauspieler sich gerade befand.

Ein Freigeist

Den achten Bezirk jedenfalls kreuzte die Lebensspur des charismatischen „Stimmspielers“ zu den Höhe- wie auch zu den Tiefpunkten seiner außergewöhnlichen Karriere. Werner war seit dem Beginn in den 1940er-Jahren „ein Entdecker, ein Suchender, grundsätzlich selten zufrieden, ein Freigeist“, so Raimund Fritz, der Kurator der Oskar-Werner-Ausstellung im Metro Kino (das ausführliche Gespräch mit ihm sowie Oskar-Werner-Wortspenden können Sie in unserem aktuellen Podcast nachhören).

Kein Kosmopolit

Oskar Werner – als Oskar Josef Bschließmayer 1922 in der Marchettigasse im 6. Bezirk geboren und aufgewachsen – näherte sich der Josefstadt nur allmählich an: Denn nach Wohnsitzen im 7. und im 1. Bezirk richtete er sich seit 1951/52 als Zentrum und Rückzugsort ein Haus im liechtensteinischen Triesen ein. Er war also nicht unbedingt ein Kosmopolit, abgesehen von kurz- oder mittelfristigen (berufsbedingten) Niederlassungen in Los Angeles, Paris oder eben Wien, dann zumeist im „Hotel am Parkring“. Eine Wohnung im Achten hat Oskar Werner erst um 1980 bezogen, in der Trautsongasse 3, zu Beginn der tragischen Abenddämmerung seiner künstlerischen Karriere und damit verwoben überhaupt seines Lebens.

Triumph in der Josefstadt

Vorerst aber zu den Highlights der künstlerischen Josefstadt-Beziehung Oskar Werners: natürlich die wohlbeachteten Abstecher vom „hassgeliebten“ Burgtheater ins Theater in der Josefstadt, in der Frühzeit seiner Theater- (und Film-)Karriere 1949/50. Und dann der große Triumph: grenzgenial in seiner Lebensrolle „Hamlet“ – im Rahmen seiner ersten Wien-Heimkehr aus Deutschland 1955/56. Zuvor und danach Tourneetheater in Deutschland, Burgtheater und – nicht zu vergessen – der Aufstieg zum internationalen (Hollywood-)Star: „Jules et Jim“ (François Truffaut, 1961), „Das Narrenschiff “ (Stanley Kramer, 1964; Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller), „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (Martin Ritt, 1965; Golden Globe) und nicht zuletzt „Fahrenheit 451“ (François Truffaut, 1966).

© Filmarchiv Austria / Oskar Werner Sammlung

„Aus der Zeit gefallen“

Mit seiner strengen Künstlerethik („Dem Schauspieler und keinem anderen gehört das Theater“) unterminierte Oskar Werner allerdings sukzessive seine Karriere, war sie doch gegenläufig zum damals aufkommenden Regietheater und der Sex- und Gewaltwelle in der Filmproduktion. Unzählige abgelehnte und geplatzte Theater- und Filmrollen und Projekte pflasterten seinen Weg in die zunehmende Isolation. „Aus der Zeit gefallen“ war er, wie er es selbst bezeichnete. Auch ein Heimkehrversuch in das Theater in der Josefstadt scheiterte: Das „Faust“-Projekt (1978/79) mit Werner als Mephisto und Regisseur crashte bereits in der Planungsphase und endet als Spesenstreit vor Gericht, ebenso Burg- und ORF- Projekte Anfang der 80er-Jahre.

Einkehr in der Trautsongasse

Isolation also, gemildert durch eine kleine Fan-Gemeinde – auch in der Trautsongasse 3, Werners Wiener Hauptquartier ab 1980. Bernhard Fritz: „Eine Verehrerin, Ärztin, stellte ihm die recht kleine Wohnung zur Verfügung. Deshalb ist es dort manchmal ganz schön eng geworden.“ Denn Werner veranstaltete höchst private Ess-, Trink-, Musik- und Filmabende, bei denen er in Küche und Wohnzimmer uneingeschränkt Regie führen konnte. Gelegentlicher Höhepunkt: Wienerlied-Vorträge. Zeigte er einen seiner Filme mittels eines 16-mm-Projektors, waren Platzwechsel und sogar Klobesuche unerwünscht.

Unter den Tisch der Götter getrunken

In den letzten Jahren, bis zu Werners Tod im Oktober 1984 in Deutschland, vollzog sich dann ungebremst der persönliche und künstlerische Absturz. Sein exzessiver Alkoholkonsum zeigte dramatische Folgen: Werners Enkelin erkannte ihn zur Eröffnung des völlig verunglückten Wachau-Festivals 1983 kaum wieder, war er doch „abgemagert und hatte ein völlig verändertes Gesicht“, und über Werners letzten Theaterauftritt im „Prinz von Homburg“ in Krems (1983) schrieb Sigrid Löffler im Profil: „Ein Mythos zerstört sich selbst.“ Erschütternd auch das letzte Interview (vermutlich aufgenommen in der Trautsongasse): „Oskar Werner – Ich habe am Tisch der Götter gesessen“ (3sat, 1984).

© Filmarchiv Austria

100 Jahre Oskar Werner. Mensch Kunst Mythos

Im November jährt sich der Geburtstag von Oskar Werner zum 100. Mal. Das Filmarchiv Austria versucht in einer großen Ausstellung im METRO Kinokulturhaus den außergewöhnlichen Schauspieler in ein neues Licht zu rücken. Zu Werners beeindruckender Hinterlassenschaft an ikonischen Auftritten in Film und Theater, Hörspielen und Lesungen werden Fotografien, Dokumente, Briefe und Notizen präsentiert und tiefe Einblicke in das Leben des österreichischen Weltstars eröffnet. Kuratorenführungen spüren Mensch, Kunst und Mythos auch anhand von bislang nicht gezeigtem Material aus dem Nachlass nach, den das Filmarchiv Austria aufgearbeitet hat. Dazu kommt eine kostenlose Online-Ausstellung.

▶ METRO Kino, Filmarchiv Austria. Bis 29/01/2023. www.filmarchiv.at

Seine Filme

Zwischen 1947 und 1976 trat Oskar Werner in 22 Filmen in Haupt- und Nebenrollen auf. 20 davon sind erhalten und werden mit dieser Retrospektive nach langer Zeit wieder komplett auf die Leinwand gebracht. Neben österreichischen Klassikern wie „Der Engel mit der Posaune“, „Der letzte Akt“ oder „Mozart“ sind auch die Kultfilme „Jules et Jim“ und „Fahrenheit 451“ sowie die berühmten Hollywoodproduktionen „Ship of Fools“, „The Spy Who Came In from the Cold“ und „The Shoes of The Fisherman“ zu sehen. „Mit dem Theater bin ich verheiratet, der Film ist meine Geliebte“, beschrieb Werner einmal sein Verhältnis zum Kino. Eine Liebe, die in seinem Publikum bis heute weiterbrennt.

▶ Bis 22/06/2022. METRO Kinokulturhaus. 1., Johannesgasse 4. www.filmarchiv.at

 

Katalog zur Ausstellung

Der Ausstellungskatalog nähert sich der Person Oskar Werner als Mensch und als Künstler und zeigt, wie stark in dessen Leben persönliche und künstlerische Aspekte ineinandergriffen. Geläufige Vorstellungen und Bilder werden ergänzt um neue Blickwinkel sowie unbekanntes Material (wie hier in seiner Wohnung in der Trautsongasse) aus dem Nachlass, das erstmals in größerem Umfang in einer Publikation erscheint. Mit Beiträgen von Raimund Fritz, Werner-Enkelin Elisabeth Haberler, Christiane Mühlegger-Henhapel, Robert Werba und Martina Zerovnik.

▶ „Oskar Werner – Zum 100. Geburtstag“. Raimund Fritz/Martina Zerovnik (Hg.). Softcover, ca. 380 Seiten mit zahlreichen bisher unveröffentlichten Abbildungen. ISBN 978-3-902781-96-3. EUR 29,90

 

Oskar-Werner-Hof

Der Wohnhauskomplex in der Lenaugasse 19 hat aufgrund der unterschiedlichen Bauperioden keinen einheitlichen Stil, stattdessen existiert ein vielfältiges Nebeneinander. Ursprünglich war es ein 1847 erbautes Biedermeierhaus. Im Straßentrakt befand sich das Wohnhaus Franz Grillparzers und auch Anton Wildgans lebte hier. Heute gehört der Bau zu den untypischen Gemeindebauten und wird von Wiener Wohnen verwaltet. Bei Stiege 4 an der Hausecke Lenaugasse/Tulpengasse erinnert eine Gedenktafel an Oskar Werner. Ihm zu Ehren wurde der einst als „Michaelerhaus“ bzw. „Wallishausersches Wohnhaus“ bekannte Bau 1994 in „Oskar-Werner-Hof“ umbenannt.

▶ 8., Lenaugasse 19