Entweder sieht man es oder nicht

„Ich sehe noch einmal hin, nun genauer. Ja, kein Zweifel, das ist das Parlament am Ring. Aber woher kommt der Mauerrest, der links im Bild schräg nach oben strebt und sich im Himmelsblau verliert?“(Hellmut Butterweck)

Crisfor reflektiert in ihrer Kunst unsere Welt und eröffnet neue Blickwinkel auf manch bekannte „Ansicht“. 

Ihre erste Ausstellung hatte die studierte Malerin in der Secession. Seit der Jahrtausendwende hat sie sich der Fotografie verschrieben. Ihr im September erscheinendes Buch bezeichnet sie selbst als „Filmbuch“. Die Aufnahmen, die zwischen 2007 und 2017 entstanden sind, formieren sich zu einem fesselnden Bildroman, der den/die Betrachter*in unweigerlich in den Kosmos einer schönen, aber ganz und gar nicht perfekten Welt zieht. Zugleich ist das Werk ein Zeitdokument mit dem Untertitel „She was European“. Der eigentliche Titel, „Capricci“, verweist auf die Tradition der Druckgrafik, die sich dem verspielt Grotesken verschrieben hat. Durch die analoge Doppelbelichtung des Filmmaterials verleiht Crisfor den Bildkonstellationen wechselseitige Bedeutung. „Es geht um Licht und Schatten“, erklärt sie. „Meine Bilder sind nicht inszeniert – die Inszenierung findet erst durch die Überlagerung statt!“

Denn, so die Künstlerin: „Ein Bild braucht keinen Titel – entweder sieht man es oder nicht.“ Ihr Buch spricht eine sehr deutliche Bild-Sprache. Auf der Reise nach Paris oder Berlin führt es uns immer wieder zurück in „unsere“ Stadt, ob zum Parlament, zum Volksgarten oder nach Alterlaa – nicht ohne uns so manche Landflucht schmackhaft zu machen. 

 

Crisfor

Die Bilder haben handschriftliche Untertitel, die nicht unbedingt zum Verständnis beitragen – aber um es mit Crisfors Worten zu sagen: „Man sieht es oder nicht.“

Ergänzt wird das Buch durch besondere Texte von ebensolchen Autoren sowie ein Gespräch, das die Herausgeberin Angela Stief mit der Künstlerin als Einführung in das Werk geführt hat. Stief ist Kunsthistorikerin, Kunstpublizistin und ist seit Kurzem Chefkuratorin der Albertina Modern. Das Gespräch zeichnet sich durch eine Tiefe aus, die die Intention der Künstlerin Crisfor – das Verbinden mit der Welt – verdeutlicht.

Ein ebenfalls sehr intimer Text des Publizisten und Autors Hellmut Butterweck, dessen Stück „Das Wunder von Wien“ im Theater in der Josefstadt uraufgeführt wurde, rundet das Buch ab.

Crisfor studierte Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Ihre malerischen wie auch ihre fotografischen Arbeiten wurden mit dem Theodor-Körner-Preis ausgezeichnet. Ihre Werke sind Teil namhafter Ausstellungen und Sammlungen.

▶ Crisfor. „Capricci – She was European“. Herausgeberin: Angela Stief. Texte von Hellmut Butterweck, Robert Pfaller, Andreas Spiegl, Angela Stief. Erschienen im Hatje Cantz Verlag Berlin, September 2020. Deutsch, Englisch