Fußgänger Paradies Josefstadt?

Maximal 15 Minuten in den Supermarkt, zu Schule, Arzt und Apotheke? Nur wenige Schritte in den Park, ins Café oder Restaurant?

Von Markus Walden

Kurz: sämtliche relevante Infrastruktur quasi zum Umfallen in Reichweite – und das alles in Gehweite, ohne die Notwendigkeit motorisierten Individualverkehrs?

Was für viele Bewohner:innen des 8. Bezirks mittlerweile zur liebgewonnenen Selbstverständlichkeit geworden ist, ist wienweit immer noch mehr die Ausnahme denn die Regel. Das Auto als naheliegendste Form der Fortbewegung und nicht die eigenen zwei Beine: ein Paradigma, für dessen Wandel ein 62-jähriger Josefstädter seit 25 Jahren mit seinem Verein Walk-Space ankämpft – und das österreichweit, mit viel Herzblut, Engagement und ständig wachsendem Erfolg.

Doch wer ist dieser Kämpfer für die gute und nachhaltige Sache des sinnstiftenden Gehens und genussvollen Flanierens? Wir treffen Diplomingenieur Dieter Schwab im sommerlich-lauschigen Gastgarten des Café Hummel zum schrittweisen Austausch.

Vom Spaziergänger zum Vereinsgründer – wie kam das?

Als studierter Stadtplaner war mir das Entdecken und Durchstreifen des urbanen Raums auf den eigenen zwei Beinen von jeher ein Herzensanliegen. Ob in Wien oder auch in Berlin, wo ich einige Zeit gelebt habe: Ich habe sehr früh entdeckt, dass sich allein aus der Perspektive des Schritttempos die Stadt in ihrem sinnhaften Ganzen erschließen lässt.

4er Collage: Menschen die auf der Straße gehen, ein Zebrastreifen mit Fussgängern, Menschen bei einer Konferenz, DI Dieter Schwab im Vordergrund

Fußgänger

Was war die Initialzündung für Walk-Space?

Bei einer internationalen Fußgänger:innen-Konferenz in Zürich wurde ich vor vielen Jahren mit der Frage konfrontiert, warum sich noch keine offiziellen Stellen, Vereine oder Initiativen der Anliegen von Zu-Fuß-Gehenden annehmen würden. Das war mein Aha-Moment, denn ich erkannte, dass es hoch an der Zeit war, diesbezüglich aktiv zu werden. Und so habe ich, nachdem mich das Thema nicht mehr losgelassen hat und ich im Folgejahr nochmals darauf angesprochen wurde, im Jahr 2007 schließlich Walk-Space, den Verein für Fußgänger:innen, gegründet.

Was will Walk-Space erreichen?

Den öffentlichen Raum im menschlichen Maßstab gestalten im Hinblick auf die konkreten Bedürfnisse der Fußgänger:innen vor Ort. Dazu braucht es Bewusstseinsbildung, das Erkennen von Schwachstellen und Potenzialen, aber auch Verbesserungsvorschläge und gezielte Informationsvermittlung.

Nicht zuletzt ist es aber auch eine Frage der Ressourcen. Sowohl die personellen als auch die finanziellen Aufwände müssen gering gehalten und de facto umsetzbare Maßnahmen priorisiert werden, um schnelle und auch nachhaltige Resultate zu erreichen.

Wie sieht es dahingehend in der Josefstadt aus?

Im Vergleich zu anderen Bezirken sicherlich gut, aber um sehr gut zu werden – und das sollte doch jedenfalls der Anspruch sein –, bedarf es eines Masterplans auf Basis eines Fußgänger:innen-Checks. Dabei sollen im Sinne einer Qualitätssicherung die Schwachstellen des Fußwegnetzes aufgespürt und im Rahmen der Umsetzungsmöglichkeiten erste Maßnahmen vorgeschlagen werden.

Was könnte das konkret bedeuten?

Aus meiner Sicht bieten sich hier mehrere Möglichkeiten: die Florianigasse als Flanier- und Begegnungszone beispielsweise – nicht zuletzt im Hinblick auf die geplante Umgestaltung am Josef-Matthias-Hauer-Platz – oder die Hitzeinsel Schönborngasse, begrünt und ohne Schrägparkplätze.

Aber die Lerchenfelder Straße ist – auch als eventuell bezirksübergreifendes Projekt – aus meiner Sicht deutlich relevanter als die Josefstädter Straße.

Gibt es dazu schon Gespräche mit der Bezirksvertretung?

Leider bislang nichts wirklich Greifbares – aber als Walk-Space stehen wir für einen konkreten Austausch zu Ideenfindung und Umsetzung sprichwörtlich jederzeit Gewehr bei Fuß! (lacht)

Wie sieht Ihre ideale Josefstadt aus?

Ich sehe unseren schönen Bezirk als Fußgänger:innenparadies, einen lebenswerten, klimafitten Ort der Begegnung für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen, ohne Privat-Pkws, lediglich Access für Mobilitätseingeschränkte und Zulieferverkehr. Ein Blick nach Oslo zeigt: Es ist möglich – und funktioniert!

Vielen Dank für das Gespräch!

walk-space.at – der Österreichische Verein für FußgängerInnen. 8., Bennogasse 10

 

Walk-Space: Die Ziele

Wichtige Ziele von Walk-Space sind verbesserte Rahmenbedingungen für den Geh-Verkehr sowie die Gestaltung des öffentlichen Raums. Die Umsetzung der Charta für das Gehen ist eine Herzensangelegenheit der engagierten Mitarbeiter:innen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Förderung und Erhaltung von Fußwegenetzen sowie der Planung von Fußgängeranlagen.

Fußgänger:innen-check

Auf Basis einer gemeinsamen Begehung sollen Stärken, Schwächen und Potenziale des Fußwegenetzes erkannt und Verbesserungen angeregt werden. Den zuständigen Behörden wird so das lokale Wissen der Fußgänger:innen zugänglich, was eine unkomplizierte Lösungsfindung erleichtert. Ziel sind konkrete, kostengünstige und schnell umsetzbare Maßnahmen, die rasch Resultate zeigen.

Fachkonferenz 2022

Eine Fachkonferenz für Fußgänger:innen unter dem Motto „Gut zu Fuß in Stadt und Land“ findet am 6. und 7. Oktober 2022 im Stadtsaal Korneuburg statt. Es geht unter anderem um die Mobilität der Zukunft sowie um Begegnungszonen und Barrierefreiheit. Ein weiteres Anliegen ist Kinder- und Jugendmobilität.

Zur Person

DI Dieter Schwab ist aus Berufung Stadtplaner und überzeugter Fußgänger. Zu seinen Leidenschaften gehört Spazierengehen in seinem Wohnbezirk Josefstadt, gefolgt von einem guten Essen, zum Beispiel am Piaristenplatz. Lärm ist für ihn sehr negativ besetzt. Seine Vision: alle Infrastruktur in 15 Minuten fußläufig, Städte ohne Autos, Entsiegelung, mehr Grün im Grau.


Gefördert durch die Wirtschaftsagentur Wien – ein Fonds der Stadt Wien. Realisiert in redaktioneller Unabhängigkeit.

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