Glückliche Kindheit

Erich Lessing schrieb mit seinen Fotoreportagen Zeitgeschichte. Das Bild von der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags am 15. Mai 1955 ging um die Welt.

von Elisabeth Hundstorfer

Ein sehr beliebtes Fotomotiv in der Josefstadt ist der Ludo-Hartmann-Hof. Im schönsten Gemeindebau Wiens ist auch der Doyen der österreichischen Fotografie, Erich Lessing, aufgewachsen. Meine Neugier auf Erich Lessing wurde geweckt, als mir meine Büronachbarin, Theaterproduzentin Kornelia Kilga, von ihren Recherchen zum Projekt „Moby Dick – The Quest for the Austrian Whale“ der Theatergruppe toxic dreams erzählte, bei dem sie auf Lessing gestoßen war. Dieser hatte 1956 die Dreharbeiten zu John Houstons „Moby Dick“ (mit Gregory Peck als Kapitän Ahab) do- kumentiert. Ich stellte meine eigenen Recherchen an und getreu unserem Motto „Bleib in der Josefstadt“ führten mich diese rasch in den Achten – dieses Mal sogar punktgenau in das Haus, in dem ich diese Zeilen schreibe.

Erich Lessing kam am 13. Juli 1923 als Sohn einer Konzertpianistin und eines Zahnarzts auf die Welt. Er wuchs im Ludo-Hartmann- Hof auf; hier, wo wir vor über einem Jahr unsere Redaktions- räumlichkeiten bezogen haben. In einem Interview meinte er: „Im Ludo-Hartmann-Hof verbrachte ich eine glückliche Kindheit!“ Er betonte immer wieder, als Gemeindebaukind aufgewachsen zu sein. Der kleine Erich besuchte die Volksschule in der Albertgasse 23, in der er sich sehr wohl fühlte: Die „Freie Schule“ war eine Reformschule, zu deren Gründern auch der spätere Stadtschulrats- präsident Otto Glöckel zählte. Heute befinden sich im ehemaligen Schulgebäude die Wiener Kinderfreunde.

Erich Lessing schenkte der Nationalbibliothek 2013 sein fotografisches Lebenswerk, das unter anderem die Unterzeichnung des Staatsvertrags und das Wien der Nachkriegszeit dokumentiert.

Danach kam Lessing gegenüber in der Albertgasse ins Realgymnasium – überschattet war dieser Schulwechsel vom Tod seines Vaters im selben Jahr. Viele Kinder aus dem Ludo-Hartmann-Hof gingen und gehen gegenüber in die Schule. Heute ist es ein sehr beliebtes Gymnasium in Wien – auch meine Kinder haben hier maturiert.

Erich Lessing genoss kaum eine religiöse Erziehung, ging jedoch von Zeit zu Zeit in den Kinder-Gottesdienst in der Synagoge in der Neudeggergasse. Diese war die Vereinssynagoge des Tempelvereins Josefstadt und wurde 1938 während der Novemberpogrome völlig zerstört. Zur Bar Mitzwa, die zum 13. Geburtstag gefeiert wird, wünschte Lessing sich eine Kamera.

„Die Ereignisse im Gemeindebau sind schon ein bisschen wichtig. Armut, Arbeitslosigkeit … Bei uns stand neben dem Eingang in die Wohnung eine kleine Schüssel mit Ein-Groschen-Stückerln für die ständig wachsende Anzahl von Bettlern, die an die Türe klopften. Im

Februar 34, mitten in der Nacht, wurde ich aufgeweckt…

Eigentlich hat sich in der Schule im RG8 nicht viel geändert. Der Direktor, Hofrat Klieber, ein enger Freund von Dollfuß, war aber eigentlich ein sehr liberaler Mann, der in der Schule sehr viel gewähren ließ, der genau wusste, wo die Roten Falken Fußball gespielt haben, in welchem Turnsaal. Und eigentlich war das noch eine ganz angenehme Zeit. 1938 ist dann unsere einfache Welt zusammengebrochen. Aber schon 36 war es ganz klar: Hier wird auf die Dauer keine Bleibe sein. Die Idee natürlich für ein Wiener Kind, überhaupt auszuwandern, Wien zu verlassen, war eine Unmöglichkeit, an die man gar nicht gedacht hat. Aber einer zionistischen Jugendbewegung beizutreten, ja, das war noch vereinbar mit dem Spielen und mit den Freunden am Hamerlingpark und in der Schule“, so Erich Lessing in einem Video- Interview 2013 gegenüber der Stadt Wien.

Der Stiefvater eines Schulkollegen brachte ihm das Fotografieren bei. 1938 entpuppte er sich plötzlich als illegaler Sturmbannführer – trotzdem unterrichtete er das „Judenkind“ weiter.

Mit der Emigration nach Palästina – Ankunft in Haifa am 31. Dezember 1939 – endeten die glücklichen Jugendjahre im Gemeindebau. Les- sing studierte in Haifa Radiotechnik und arbei- tete als Karpfenzüchter in einem Kibbuz. Seine Mutter blieb in Wien, wurde deportiert und in Auschwitz ermordet.

1947 kehrte der junge Mann nach Wien zurück und machte sich auf die Suche nach den Möbeln der Wohnung seiner Kindheit. Die Frau des Hauswarts des Ludo-Hartmann-Hofs konnte ihm sagen, wo sich diese befanden.

Erich Lessing beschloss, sein Hobby aus der Jugendzeit zu seinem Beruf zu machen – doch niemand brauchte zu dieser Zeit einen Fotografen. Nur bei der Associated Press saß eine junge Frau, die zu ihm sagte: „Lassen Sie Ihre Adresse da.“ Ihr verdankte er nicht nur seinen ersten Job bei der As- sociated Press – bald darauf heiratete Erich Lessing seine Traudl und die beiden gingen nach Paris.

 ©Parlamentsdirektion/Bildagentur Zolles KG/Mike Ran

Erich Lessing ist im Gemeindebau aufgewachsen.

Seit 1951 war Erich Lessing Mitglied der weltbekannten Fotografenkooperative Magnum Photos. Bis zum Schluss kehrte er immer wieder zum Magnum-Sitz nach Paris zurück. Mit seinen Fotoreportagen im Europa der Nachkriegszeit für „LIFE“ oder das „Time Magazine“ macht er sich international einen Namen. In Österreich ist wohl sein Foto von Außenminister Leopold Figl, der der jubelnden Menge den unterzeichneten Staatsvertrag präsentiert, das bekannteste. Auch die Fotoreportage von der ungarischen Revolu- tion 1956 ging um die Welt. In Budapest doku- mentierte er beispielsweise, wie einige Aufständische ihre Wut an einem Staatsschutz-Mitarbeiter ausließen oder wie Menschen vor der Druckerei um die erste Nummer der neuen Zeitung „Függetlenség“ kämpften. Diese Aufnahmen des lang- jährigen Leica-Fotografen sind nicht nur unverzichtbare Dokumente der Geschichte, sondern auch der Fotografie und wurden in der ikonischen Ausstellung „Augen auf! 100 Jahre Leica Fotografie“, die weltweit tourte, gezeigt.

1956 war auch das Jahr, in dem Lessing und sei- ne Frau ihre Zelte wieder fix in Wien aufschlugen. Ab 1960 verließ Erich Lessing zunehmend das Tagesgeschehen und widmete sich vor allem Porträts bekannter Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Wissenschaft wie Charles de Gaulle, Golda Meir, Bruno Kreisky, Konrad Adenauer oder Herbert von Karajan.

„Ein gutes Foto muss Emotionen wecken und berühren. Jedes Bild muss etwas aussagen und zum Weiterdenken anregen,“ sagt er im Film „Der Foto- graf vor der Kamera“. Tizza Covi und Rainer Frimmel haben Erich Lessing mit der Kamera begleitet – entstanden ist ein sehr privates Porträt des da- mals 91-Jährigen (verfügbar auf vodclub.online).

2012 eröffnete Erich Lessing im Alter von 89 Jah- ren selbst eine Fotogalerie in Wien, in der Weihburggasse 22 im 1. Bezirk. Im Sommer 2013 schenkte er sein über 60.000 Fotos umfassendes Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Erich Lessing starb am 29. August 2018 im Alter von 95 Jahren in Wien.

Mahir Jahmals Werk „They don’t want us to be successful“ ist höchst erfolgreich.

Rassismus heute

Rassismus und Antisemitismus waren 1939 der Grund für Erich Lessings Emigration nach Palästina. Auch heute erleben wir Rassismus auf höchster Ebene, denken wir nur an die unwürdige Flüchtlingspolitik in Europa. Derzeit läuft im Weltmuseum im Rahmen des Street-Art-Festivals Calle Libre bis 11. Jänner 2022 das Ausstellungsprojekts „Re:Present – Unlearning Racism“.

Eine passendere Umgebung als das Weltmuseum gibt es wohl nicht, um die Frage „Wie (ver)lernen wir Rassismus?“ zu stellen. Der Gruppenausstellung gelingt es, eine Plattform für einen künst- lerischen Diskurs über das kulturelle Erbe von Kolonialismus und dessen noch heute spürbaren Folgen für die ausgebeuteten Länder zu bieten.

Der in der Josefstadt lebende Fotograf und Musiker Mahir Jahmal ist als vielseitiger Künstler bekannt. Mit seiner Serie „They don’t care about us!“ zerstört der Künstler mit sudanesischen Wurzeln bildlich stereotype Erwartungshaltun- gen an die afroamerikanische Kultur innerhalb der westlichen Gesellschaft. Mahir Jahmal arbeitet mit analoger Schwarz-Weiß-Fotografie und zeigt anhand des Mediums die Kontraste einer geteilten Realität. Mit seinen ungewöhnlichen (Dunkelkammer-)Techniken möchte er die Bilder schwarzer Männer dekonstruieren. „Mit der Fotografie versuche ich auszudrücken, was mir als Mensch widerfährt. Und zwar sind das Stereotype, die ich brechen möchte, indem ich zum Beispiel lichtempfindliches Papier zerknülle und dieses dann belichte. Dadurch entsteht eine neue Struktur, die eben nicht dem ,perfekten, unretuschierten Moment‘ vieler Menschen entspricht“, so der Künstler in einem Interview.

Mahir Jahmal studierte Bildende Kunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Die Arbeiten des 35-Jährigen stammen aus der groß- formatigen analogen Fotografie und untersuchen die Grenzen des Mediums. Indem er in der Dun- kelkammer experimentiert, erforscht er mög- liche Übergänge von der traditionellen Fotogra- fie zu neuen Formen der künstlerischen Praxis. Dabei verschmelzen Elemente der Malerei mit der Fotografie. Das Zerknittern des Papiers fügt skulpturale Formen hinzu, die einen reliefartigen Eindruck hinterlassen.

www.mahirjahmal.com

Pressefotograf

Die Bilder von Matthias Cremer (Bild r.o.) sind keine gewöhnli- chen Pressefotos. Ihm ist es gelungen, übliche innen- politische Termine anders – mit Augenzwinkern – zu zeigen. Er gehört zu den allerbesten seine Zunft. Cremer, der aufgrund seines Wuschelkopfs bei Pressekonferen- zen immer aus der Journalistenschar herausstach, ist als „Standard“-Fotograf Anfang 2021 in den Unruhestand gegangen. Bei einem Seminar bei Erich Lessing lernte der in der Josefstadt lebende Fotograf auch dessen Frau Traudl kennen und fotografierte mit ihr in weiterer Folge Geschichten für das „Time Magazine“. Es entstand eine Freundschaft mit beiden Lessings und man traf sich immer wieder – oft bei Veranstaltungen die Fotografie betreffend. Seit 2005 betreibt Matthias Cremer sehr er- folgreich „Cremers Photoblog“:

www.derstandard.at/inland/serienundblogs/ cremersphotoblog

Fotofestival OFF GRID

Im Rahmenprogramm des Fotofestivals OFF GRID (8. bis 12. September 2021) wird im „Zimmer“ die erste Einzelausstellung der Fotografin Theresa Wey (Bild l.o.)eröffnet: „Beobachtungen zur Behutsamkeit“ ist von 11. Septem- ber bis 31. Oktober zu sehen. Der Titel ist auch gleich- zeitig das Motto ihres fotografischen Langzeitprojekts – Fotograf:innen beim Fotografieren zu fotografieren. In ihren analogen Fotografien strebt Wey, die von 2018 bis 2020 künstlerische Fotografie an der Schule Friedl Kubelka in Wien studierte, nach Unmittelbarkeit und Schlichtheit.

▶ Zimmer: 8., Piaristengasse 6-8 www.zimmer.co.at, www.offgridfoto.at

Magnum-Fotografin

Der großen amerikanischen Magnum-Fotografin Susan Meiselas widmet das KUNST HAUS WIEN in einer Österreichpremiere von 16. September 2021 bis 13. Februar 2022 eine umfangreiche Personale. Seit Mitte der 1970er-Jahre greift Meiselas die Verwerfungen in unserer Gesellschaft auf. In der Serie „Prince Street“ (Bild l.u.) begleitet sie junge Mädchen über 14 Jahre bei ihrer Frauwerdung. Bekannt wurde Meiselas durch ihre Arbeit in den Konfliktzonen Zentralamerikas in den 70er- und 80er-Jahren, besonders mit ihren Fotogra- fien der sandinistischen Revolution in Nicaragua. Eines ihrer Pionierprojekte zur Dokumentation des kulturellen und sozialen Gedächtnisses ist das Archiv Kurdistan zur Geschichte der kurdischen Diaspora.

▶ KUNST HAUS WIEN: 3., Untere Weißgerberstraße 13. www.kunsthauswien.com

Fotoausflug

Da sich der Herbst für eine Stadtflucht in die Wachau anbietet, empfehlen wir einen Abstecher zur Kunstmeile Krems und zur Ausstellung „Margot Pilz. Selbstauslöserin“ (Bild r.u.). In den 1970er-Jahren ist Margot Pilz als Fotografin tätig und engagiert sich in der Frauenbewegung. Ihre Festnahme durch die Polizei beim dritten Frauenfest 1978 in Wien und der entwürdigende Umgang mit ihr ist eine Initialzündung zur Arbeit als Künstlerin.

In den letzten Jahren beschäftigt sich die Medienkünstlerin Pilz mit ihrem Altern, dem schonungslosen Prozess der körperlichen Veränderung und dem eigenen Umgehen damit.

▶ Margot Pilz. Selbstauslöserin 23/10/2021–03/04/2022: Kunsthalle Krems, Museumsplatz 5, 3500 Krems an der Donau. www.kunsthalle.at