„Ich werde die Welt nicht retten“ …

… sagt uns Deborah Sengl beim Gespräch in der „derAchte“-Redaktion. Damit mag sie wohl recht haben, aber mit ihrer Kunst trägt sie dazu bei, unsere Welt etwas besser zu machen – denn sie öffnet uns die Augen.

Von Elisabeth Hundstorfer

Deborah Sengl ist eine der erfolgreichsten Künstlerinnen Österreichs. Als „waschechte“ Josefstädterin, wie sie selbst betont, ist sie mit dem Bezirk sehr verbunden. Ihre Kunst ist immer gesellschaftskritisch und oft entdeckt man sich selbst in einem ihrer Werke.

Sie sind in der Josefstadt aufgewachsen. Sind Sie auch hier zur Schule gegangen?

Nein, ich habe meine ganze Schulkarriere im Lycée verbracht. Diese Jahre haben mich sehr geprägt, was sich in einigen meiner Arbeiten auch widerspiegelt. Aber ich habe immer in der Josefstadt gewohnt. Ich bin nur einmal von der Laudongasse (Ecke Blindengasse) in die Schmidgasse gezogen – sozusagen von der oberen in die untere Josefstadt.

Ich lebe im gleichen Haus wie meine Eltern. Das Haus ist ein Familiengemeinschaftshaus und wir schauen alle sehr darauf – besonders meiner Mutter liegt auch das Ambiente rundherum, sprich die Gasse, sehr am Herzen. Den U-Bahnbau spüren wir derzeit natürlich schon.

Was schätzen Sie besonders an der Josefstadt?

Dass sich die Josefstadt auf ihre konservative, aber sympathische Art nicht wesentlich verändert und so ihren Charakter bewahrt. Die Josefstadt ist sehr gastronomisch und das schätze ich, weil ich gerne gut esse. Im Hold auf der Josefstädter Straße trifft man immer jemanden zum Plaudern. In gemütlichen Lokalen wie dem Kommod, Rosnovsky oder Heidenkummer einen Abend verbringen zu können, gehört zum Charme der Josefstadt.

Die Kleinstrukturiertheit der Geschäfte liebe ich sehr. Hier kann ich mir Schuhe kaufen, die nicht jeder hat, abseits des Massenkonsumwahns. Ich weiß, wo ich einen Knopf bekomme, und die schönen Aufschriften, wie zum Beispiel bei der „Plissé-Ajour-Endl-Werkstätte“ in der Piaristengasse, tragen dazu bei, dass man die Josefstadt nicht verlassen möchte.

Und was fehlt Ihnen in der Josefstadt?

Ein Kino und auf jeden Fall ein Schwimmbad. Ich schwimme sehr gerne – und wenn ich zwischen Kino und Schwimmbad wählen müsste, würde ich mich wahrscheinlich fürs Schwimmbad entscheiden.

Sie und auch Ihre Eltern legen sehr viel Wert auf Ihr Outfit.

Mode ist mir prinzipiell egal. Ich und auch meine Eltern sind Individualisten. Jeder hat seinen eigenen Stil – eine gewisse verwandtschaftliche Erscheinungsform ist dennoch nicht zu übersehen. Man wird dadurch unverkennbar. Auch in der Kunst ist eine eigene Handschrift wichtig. Im Lycée wurde sehr viel Wert auf Marken gelegt. Anfangs habe ich da noch mitgespielt, aber schon sehr früh habe ich meinen eigenen burschikosen Stil entwickelt. Ich fühle mich in der Masse nicht wohl. Die Menschen wollen in der Regel immer wo dazugehören.

Da sind wir schon beim zentralen Thema Ihrer Kunst.

Ja – das Tarnen und Täuschen. Jeder versucht immer eine Rolle zu spielen.

Ich liebe Tiere …

Den Josefstädter:innen ist vor allem Ihre ZebraTigerin an der Hauswand im Tigerpark als Installation von Victoria Coelns „Wiener Lichtblicke“ in Erinnerung.

Dass ich im Tigerpark meine ZebraTigerin nehme, war ein wenig aufgelegt. Sie verkörpert Opfer und Täter in einem und hat deshalb auch zur Thematik „Menschenrechte“ sehr gut gepasst.

Aufnahme des Tigerzebras, daneben die Künstlern Debroah Sengl - eine Frau mit kurzen Haaren in schwarz gekleidet

© office@oehner.net

Durch die Kollaboration mit Victoria Coeln ist Ihre Kunst in Ihrem Heimatbezirk angekommen.

Ja, meine TaubenRatte und RattenTaube sind nicht nur im Hamerling Park herumgeflogen, sondern sogar in meiner Gasse, wo ich wohne – auf der Fassade des Bezirksmuseums.

Und was haben diese Tiere mit dem Motto „Zivilcourage“ der jüngsten „Wiener Lichtblicke“ zu tun?

Eine Taube kann man als Friedenstaube verstehen. Und das zweite Tier meiner „Hybridwesen“, die Ratte, symbolisiert für die Menschen meist Krankheiten und Dreck. Ratten sind aber sehr schlaue und faszinierende Tiere. Von ihrer bedeutenden Rolle für den humanmedizinischen Fortschritt mal ganz abgesehen …

Sie haben sich mit Ratten bereits sehr intensiv in Ihrem aufsehenerregenden Werk „Die letzten Tage der Menschheit“ auseinandergesetzt. Für das Essl Museum inszenierten Sie das Karl-Kraus-Stück mit 200 präparierten weißen Ratten.

Das ist sicher eine meiner wichtigsten Arbeiten. Ich habe zwei Jahre daran gearbeitet. Ich hatte Angst, dass mich die Karl-Kraus-Kenner steinigen werden, aber das Gegenteil war der Fall. „Die letzten Tage der Menschheit“ wanderte weiter – unter anderem nach Albanien, Bratislava und zur Buch Wien.

Haben Sie keine Probleme mit Tierschützern?

In der Regel nicht. Ich beziehe meine Präparate aus guten Quellen, wo ich ein reines Gewissen haben kann. Ich liebe Tiere. Ich lebe seit über 17 Jahren mit meinem wunderbaren Kater Fernet. Ich hatte nur einmal wirklich arge Probleme mit der katholischen Piusbruderschaft. Das ging sogar so weit, dass sie Morddrohungen gegen mich ausgesprochen haben – wegen eines Werks aus der Serie „Via Dolorosa“, das Tierleid in der Nahrungsproduktion mit einem gekreuzigten Huhn thematisiert. Was auch eindeutig zu erkennen ist, denn auf der Inschrift steht nicht INRI, sondern KFC der US-Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken.

Ich nehme gerne Tiere für meine Arbeiten, weil sie lebendig waren – das bleibt drinnen, da wird die Geschichte anders erzählt. Kunst kann vieles erzählen, was man sich sonst nicht traut. Ich versuche das niederschwellig zu tun. Ich halte nichts von der Überintellektualisierung der Kunst. Kunst kann Themen nahbar machen.

War Ihre Intervention „Escape!“ zum Thema Flucht ein Angebot, das für ein breiteres Publikum gedacht war?

Ja. Es sind zwar nicht die Massen gekommen, von denen man sich erhofft hätte, dass man sie vielleicht zum Umdenken anregen könnte. Ich werde die Welt nicht retten. Man muss ehrlich sagen, man bewegt sich in seiner Blase. Es sind vor allem Menschen gekommen, die sich mit diesem Thema ohnedies schon auseinandergesetzt haben. Mich hat die damals herrschende Empathielosigkeit den Flüchtlingen gegenüber sehr beschäftigt. Ich war in rund 50 unterschiedlichen Escape-Rooms und habe dieses sehr beliebte interaktive Spiel für das Thema Flucht aufbereitet. Dabei hat mir die Zusammenarbeit mit dem Escape-Room-Betreiber Michael Ginner von Time Busters und der Organisation „Fremde werden Freunde“ sehr geholfen. Ich habe sie bewusst dazu eingeladen mitzumachen und ich habe sehr viel durch diese Zusammenarbeit gelernt. Die Vermittlung des Themas „Flucht“ über die Methode des Spiels ist uns sehr gut gelungen.

4 Bilder Collage: die Künstlerin Deborah Sengl zeigt ihre Lichtinstallation Tigerzebra vor einer Kirche, eine Vogelratte als Lichtobjekt an der Fassade der Volkshochschule, eine Frau mit Katzenmaske vor geometrischen Säulen, Cartoonzeichnung von Hunden in Menschenkleidung auf einer Straße, rechts eine Hundemutter mit ihrem Kind - in Cartoon

© office@oehner.net

Ich finde, dass Überrespekt vor Künstler:innen und zu viel Ehrfurcht vor der Kunst oft hinderlich sind, um ein Thema an die Frau, den Mann zu bringen.

Meine Arbeit „SenCity“ ist im Audioversum Innsbruck als Sonderausstellung das ganze Jahr 2022 für Groß und Klein zu erleben. Diese Indoor-City in 3D ist permanent beschallt mit den Geräuschen einer Stadt wie Vögel, Verkehr, Kirchenglocken … Es geht um Lärmverschmutzung, ein akustischer Städtetrip – transportiert via klangbasierter Augmented Reality.

Als Nächstes werde ich mit der Volkshilfe in Anlehnung an meine Arbeit zum Thema Flucht das Thema Kinderarmut im Museumsquartier Wien umsetzen – wiederum als Escape-Room in Kooperation mit Michael Ginner von Time Busters.

Das Ganze wird mit Mai eröffnet. Ich wusste nicht, dass jedes fünfte Kind in Österreich von Armut bedroht ist. Man muss bewusst machen, wie krank unsere Gesellschaft ist und was noch zu tun ist. Interdisziplinäre, spartenübergreifende Zusammenarbeit halte ich für ein sehr geeignetes Mittel, um ein so wichtiges Thema zu transportieren. Ich gehe immer mehr in diese Richtung.

Interdisziplinär ist das Stichwort. Ich habe auf Social Media entdeckt, dass Sie mit Barbara Kaufmann gedreht haben?

Das neue Projekt von Barbara Kaufmann ist ein Dokumentarfilm. Sie erzählt die Geschichten der Frauen ihrer Familie durch andere Frauen, eine davon bin ich. Mich fasziniert auch Literatur, Theater oder Film. Man muss sich trauen, ins Bewegte zu gehen – reale Bilder, nicht fiktional. Das finde ich sehr spannend und wird in Zukunft in meinen Arbeiten vermehrt eine Rolle spielen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Deborah Sengl

Deborah Sengl (geb. 1974 in Wien) studiert ab 1992 an der Universität für angewandte Kunst Wien (Meisterklasse Mario Terzic, Abteilung für visuelle Mediengestaltung) und absolviert 1995 ein Gastsemester an der Kunsthochschule Berlin/Weißensee (Modeabteilung). 1997 macht sie ihren Diplomabschluss (Meisterklasse C.L. Attersee, Abteilung Bildende Kunst). Seither zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. Jüngste Werkserien: Shades of Gray und Coro(h)na. Deborah Sengl lebt in der Josefstadt und arbeitet in Neubau.

deborahsengl.com

„ESCAPE!“

„ESCAPE!“, das aufsehenerregende Kunstprojekt von Deborah Sengl zum Thema Flucht, dokumentiert in einem reich bebilderten Band, der nicht nur die Atmosphäre der Escape Rooms im Museumsquartier Wien einfängt, sondern anhand vieler Details zeigt und in pointierten Kurz-Essays beschreibt, was Flucht bedeutet. „,ESCAPE!‘ soll und kann keine reale Fluchtgeschichte nacherzählen. Vielmehr möchte ich einen Eindruck der emotionalen Ausnahmesituationen geben, die den Geflüchteten widerfahren. Über diesen Weg erhoffe ich mir, das Unnachvollziehbare nahbarer zu machen und somit den Blick, den Verstand und zuletzt das Herz denen gegenüber zu öffnen, deren Schicksale vielen so fremd erscheinen mögen“, erläutert Deborah Sengl.

▶ ISBN/EAN978-3-7011-8168-1, Verlag: Leykam, 2020, 152 Seiten

Sen(gl)-City

Die Audioversum-Besucher:innen werden geradezu hineingezogen in das Stadtlabyrinth der Künstlerin Deborah Sengl. Im Original auf Büttenpapier gezeichnet und gemalt, wurde es in Menschengröße zu einer 3D-Welt nachgebaut, die Orient und Okzident, alte und neue Welt vereint. Das Besondere an der „SenCity“ ist, dass die Besucher:innen via Kopfhörer in eine erweiterte Audio-Welt eintauchen und sich auf klangbasierte Augmented Reality (AR) konzentrieren können. Sie werden wahlweise in ein Rätselspiel versetzt oder von verschiedenen Klängen eingehüllt.

▶ AUDIOVERSUM Science Center.
Wilhelm-Greil-Straße 23, 6020 Innsbruck. Di–So 10–17h.
www.audioversum.at

Wichtige Ausstellungen 2022 in Wien

Ab Mai 2022: „POVERTY ESCAPE“ Ein Projekt gegen Kinderarmut in Zusammenarbeit mit Time Busters und der Volkshilfe Wien.

▶ Museumsquartier Wien. 7, Museumsplatz 1. www.mqw.at

Ab Herbst 2022: „SHADES OF GRAY“ Zurückblicken in den Alltag von gestern …

▶ Galerie Reinthaler. 6., Gumpendorfer Straße 53. www.agnesreinthaler.com