In der Welt zu Hause, in der Josefstadt daheim

Ungefähr 25.000 Menschen, das entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Bregenz, leben in der Josefstadt, verteilt auf einer Fläche halb so groß wie Monaco. Familien in ihrer ganzen Bandbreite schätzen die gute Lebensqualität in dem Wohnbezirk, in dem es gutbürgerlich-ruhig und gleichwohl weltoffen zugeht.

Von Türkan Köksal

Letzterem liegt auch zugrunde, dass 38,5 % (Stand 2021) der Bevölkerung im achten Bezirk einen Migrationshintergrund haben. Aber nicht nur die multikulturelle Ader prägt das Erscheinungsbild der Josefstadt. Zwischen den Gassen und Höfen rund um die Hauptstraßen entlang der Alser, Josefstädter und Lerchenfelder Straße sind auch die unterschiedlichsten Familienkonstellationen anzutreffen.

Das Modell, das viele seit dem „Vater-Mutter-Kind“-Rollenspiel aus den eigenen Kindergartentagen kennen, ist nur eines von vielen Elementen im Familienkosmos. Heutzutage ist der Begriff Familie nicht mehr so eng gefasst wie in ihrer universellen Ursprungsdefinition, die eine Lebensgemeinschaft bestehend aus einem heterosexuellen Elternpaar und mindestens einem Kind beschreibt.

Ehepaare mit Kindern stellen zwar nach wie vor die häufigste Familienform dar, sogenannte nicht traditionelle Familienformen, wie Regenbogenfamilien, soziale Elternschaften und auf Neudeutsch Co-Parenting, gewinnen aber immer mehr an Bedeutung.

An den jüngsten Bewohner:innen der Josefstadt sieht man, wie sehr der Bezirk am Puls der Zeit ist. Manche Kinder haben eine finnische Mutter oder einen ägyptischen Vater, um mal augenscheinliche Diversitäten zu erwähnen. Oft wachsen Kinder bei der alleinerziehenden Mutter auf oder leben im Patchwork-Modell. Es gibt aber auch Kids, die in ihrem Leben von zwei Vätern begleitet werden oder in der Obhut von Pflegeeltern groß werden.

„derAchte“ hat die Chance ergriffen, drei Familien, die zur Diversität der Josefstadt beitragen, eine Stimme zu geben. Wir bedanken uns für ihre Offenheit und Kooperation.

Bild 1: eine junge Mutter mit zwei Kindern, Bild 2: ein Elternbaar mit ihren zwei Kindern auf einem Fahrrad

Sharon aus Montreal (li.), Ursula aus Linz und Lukas aus Gutenbrunn (re.) jeweils mit ihren beiden Kindern © Gabriele Lux

Familienkonstellationen

Sharon aus Montreal, alleinerziehend, zwei Kinder
Die Josefstadt ist familienfreundlich, weil…

„Meine Kinder haben einen österreichischen Vater und ich bin in Kanada geboren. Unsere Kinder wachsen dreisprachig (D, E, F) auf. Wenn wir auf den Spielplatz gehen, hören wir die unterschiedlichsten Sprachen und treffen verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen. Es herrscht ein ‚toleranter Vibe‘ unter den Leuten.“

Das fehlt der Josefstadt …

„Es ist ja kein Geheimnis: mehr Grün! Um dieser Sehnsucht nachzukommen, können wir nicht einfach mal über das Wochenende nach Kanada fliegen. Aber ein Ausflug in den Wienerwald ist ein perfekter Ausgleich zum Stadtleben.“

Ursula aus Linz und Lukas aus Gutenbrunn, verheiratet, zwei Pflegekinder
Wie definiert ihr die Familienfreundlichkeit eines Wohngebiets? Was wünscht ihr euch für die Josefstadt?

„Die gute Mischung macht es. Wir haben hier im achten Bezirk alles an ordentlich funktionierender Nahversorgung in fußläufiger Entfernung. Das Stadtflair durch die vielen Geschäfte und die kulturellen Angebote ist deutlich spürbar, obwohl der Alltag mit den Kindern sich fast nur im Grätzel abspielt. Das hat schon was von einem modernen Dorf. Klar wäre es noch schöner, wenn wir vor der Tür das Meer oder die Berge hätten. Aber vielleicht starten wir mit den erfüllbaren Wünschen: Tempo 30 km/h bezirksweit wäre schon mal ein Anfang.“

Wie reagieren die Menschen darauf, wenn sie euch als Familie erleben?

„Positiv. Alles andere würden wir auch wegfiltern. Wir erleben die Josefstadt als vielfältige Miniatur der Welt und solange die Kinder noch jung sind, gibt es für Eltern auch viele Wege, ihnen diese Vielfalt näherzubringen.“

Vania aus Treviso und Nicola aus Taranto, verheiratet, zwei Kinder
Gibt es einen Ort in der Josefstadt, der euch das Gefühl vermittelt: Hier sind wir genau richtig?

„Ja, schon seit Jahren. Wir waren auf Wohnungssuche. Mit dickem Bauch hatte ich mich hochschwanger auf einer Bank im Schönbornpark ausgeruht und die Szene beobachtet: fröhliche Kinder, sympathische Eltern, eine angenehme Atmosphäre. Ein Kind und ein Umzug mehr kamen später noch dazu. Dennoch ist der Schönbornpark weiterhin ein schöner Ort für uns geblieben, durch den wir so viel Anschluss an das Leben in der Josefstadt bekommen haben.“

Was ist eure Familiensprache und wie oft fällt das Wort „basta“ beim Abendessen mit den Kindern?

„Italienisch! Dank unserer schulpflichtigen Kinder bzw. Homeschooling haben unsere Deutschkenntnisse einen Sprung nach vorne gemacht. Wenn die Mädels beim Essen von ihren Erlebnissen erzählen und so richtig in Fahrt kommen, dann fällt eher das Wort ,piano‘. Über den Werkunterricht lernen wir ständig neue Wörter, mit denen wir im Alltag sonst kaum in Berührung kommen: Schleifschwamm, Rundraspel etc. Im kleinen Einmaleins von Holzkunde sind wir jetzt alle fit.“


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