Kaffeehaus mit Pep

Seit 85 Jahren ist das Café Hummel nicht nur Treffpunkt à la Dorfgasthaus, sondern fungiert gleichzeitig als geheimes Rathaus. Im „Hummel“ treffen sich alle, die im Achten etwas zu sagen haben oder haben möchten: Politiker*innen, Künstler*innen, Journalist*innen oder Geschäftsleute, aber auch das gemeine Fußvolk. Hier arbeitet noch der sagenumwobene „Schani“, der den Garten rausträgt, als Kellner immer Contenance bewahrt und dem Stammgast den Wunsch von den Augen abliest. 

Christina Hummel führt das legendäre Café-Restaurant Hummel im Herzen der Josefstadt in dritter Generation. Das Lokal feiert heuer sein 85-jähriges Bestehen. Anlass für uns, mit der Kaffeehausbesitzerin, die auch Klubobfrau der Wiener Kaffeesieder ist, über Tradition, Corona und die Zukunft zu sprechen.

Seit rund zehn Jahren ist das Wiener Kaffeehaus UNESCO-Kulturerbe. Wie ist es um seine Tradition bestellt?
Gott sei Dank hat das Kaffeehaus immer Saison! Die Beständigkeit hat in Zeiten von Corona umso mehr Bedeutung, auch für die jüngere Generation, wie ich jetzt beobachten konnte. Auch international hat die Wiener Kaffeehauskultur einen sehr hohen Stellenwert. Es hat sich gezeigt, dass sämtliche Franchise-Unternehmen es nicht geschafft haben, die traditionellen Wiener Kaffeehäuser vom Markt zu drängen. Natürlich ist es wichtig, mit der Zeit zu gehen und eine Melange aus Tradition, der Zukunft und den bestehenden Trends zu schaffen. So sind alle unsere Barmitarbeiter ausgebildete Barista Coffee Master und bringen die Latte Art sozusagen in die Tasse. Unser Interieur-Mix kommt dem Zeitgeist entgegen. Die Luster spiegeln die Tradition wider, gleichzeitig haben wir ausreichend Steckdosen für Handys und Laptops.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?
An der ersten Stelle stehen unsere Gäste, ganz speziell unsere Stammgäste, die wir hegen und pflegen. Unsere Mitarbeiter – besonders im Service – werden nach Kriterien der Beständigkeit ausgesucht. Die Wiedererkennbarkeit muss gegeben sein, damit die Gäste ihrem Ober des Vertrauens regelmäßig begegnen können. Die dritte Säule des Erfolgs ist das Familienunternehmen und das sogenannte Hummel-Gastgeber-Gen, das in unseren Adern fließt.

Es gibt Speisen, die sogenannte Hummel-Klassiker sind.
Ja, da würde ich das Beef Tatar hervorheben. Ich werde aber auch heute noch nach ,Retrogerichten‘ gefragt, die wir schon seit Jahrzehnten nicht mehr auf der Karte haben, zum Beispiel den Bühnen-Türl-Toast. Darum werden wir ihn jetzt zum 85. Jubiläum wieder auf die Klassiker-Karte setzen. 

Sie sind sehr kreativ, das haben Sie ­während des Lockdowns bewiesen.
Kreativ war ich schon immer. Ich singe und male gerne, während dieser Zeit konnte ich einiges umsetzen. Im Moment arbeite ich mit meinem Team an einem Imagefilm zum 85. Jubiläum. Ich habe das große Glück, sehr kreative Mitarbeiter zu haben, die auch über das entsprechende Know-how und Equipment verfügen. Federführend war ein Ober, Kambis Mahdavian (Cumbus), der auch das Video „Sag mir, wo die Gäste sind“ produziert hat. (Ist auf YouTube abrufbar, Anm.)

Welchen Stellenwert hat die Kunst für Sie und Ihr Geschäft?
Kunst und Kaffee sind eine Symbiose, bei uns im Speziellen lebt diese an den Wänden, das Konzept stammt von einer Stammkundin, einer Josefstädterin. Die Wände leben und können Geschichten erzählen. Diese Bildergalerie wächst stetig.

Sie haben eine illustre Gästeschar – wie ­würden Sie Ihr Publikum beschreiben?
Wir sind dafür bekannt, dass wir nie eine Zielgruppe definiert haben. Wir sehen uns als Boulevardcafé für jedermann und jederfrau. Wir haben das Glück, dass immer wieder prominente Gäste zu uns kommen. Die lassen wir aber wirklich in Ruhe, um ihnen das Gefühl zu geben, ein ganz normales Dasein im Kaffeehaus verleben zu dürfen. Wir bemühen uns um den VIP wie um den normalen Gast gleichermaßen.

 

Café Hummel in den 70er Jahren

Gibt es eine Anekdote über einen Gast, die Sie nie vergessen werden?
Eine Geschichte, die mir mein Vater erzählt hat. Da gab es einen Herrn Baron in den 60ern oder 70ern. Er schickte einen Fiaker vom ersten Bezirk mit nur einem Gehstock los, um diesen im Café Hummel abzugeben. Dann beauftragte er erneut einen Fiaker, seinen Mantel zu bringen, und einen dritten mit dem Hut. Erst in der vierten Kutsche saß der Baron selbst, um sich ins „Hummel“ kutschieren zu lassen – wahrscheinlich um einen „Einspänner“ zu trinken … 

Sie wurden kürzlich sowohl von Finanzstadtrat ­Peter Hanke als auch von Finanzminister Gernot Blümel ­besucht. Was konnten Sie mit ihnen besprechen?
Ich habe schon während des Lockdowns mit den beiden Herren Kontakt aufgenommen, um ihnen die Anliegen unserer Branche mitzuteilen. Dem Finanzminister habe ich bei seinem Besuch einen kleinen Masterplan in die Hand gedrückt.

Lassen sich bei Ihrem Sohn schon Ambitionen ausmachen, das Hummel in vierter Generation weiterzuführen?
Meine Eltern hätten sich für mich eine andere Branche gewünscht. Ich war ein Dickschädel und habe die Hotelfachschule gemacht, um das Kaffeehaus zu übernehmen. Mir geht es als Mutter ähnlich, mein Sohn ist jetzt fünfeinhalb und wenn er auch so ein Sturschädel ist und das Hummel-Gen in sich trägt, wird er sich sowieso durchsetzen. Aber ich hoffe trotzdem, dass er eine andere Branche wählt. Überhaupt nach dem Lockdown, wo man als Unternehmerin vor dem Existenz-Aus steht – diese Ängste wünsche ich meinem Kind nicht.

Was wünschen Sie sich für das 100-Jahr-Jubiläum des Hummel?
Das ist im Jahr 2035. Ich möchte mit Stolz auf meine 30-jährige Karriere und das, was ich und meine Familie geleistet haben, zurückblicken. Dann kann ich mich langsam mit meinem jetzigen Personal vorbereiten, in Pension zu gehen … und es wird natürlich eine bombastische Fete geben. Da wird Corona hoffentlich Geschichte sein und wir dürfen wieder richtig feiern!

Vielen Dank für das Gespräch und herzliche Gratulation zum 85. Jubiläum!

▶ Café Hummel. Josefstädter Straße 66. Mo–Fr 7–23h, Sa–So 8–23h. www.cafehummel.at, +43 1 405 5314