„Keiner weiß, wohin die Reise geht“

Nachhaltigkeit wird gern mit Ökologie gleichgesetzt, ist aber weitaus mehr. Trotz vollem Terminkalender hat die Soziologin Beate Littig eines Dienstagmorgens Zeit für ein Gespräch über Aspekte, die manch eine:r vielleicht nicht direkt mit unserem Überthema in Verbindung gebracht hätte.

Von Sophia Coper

Einst als Sommerresidenz im noch ländlichen Lerchenfeld erbaut, hat das Palais Strozzi in der Josefstädter Straße 29 mittlerweile eine turbulente Geschichte hinter sich. Nach Etappen als Mädchenpensionat und Finanzamt beherbergt es seit 2015 nun das Institut für Höhere Studien (IHS). Ziel der außeruniversitären Forschungsstätte ist das Zusammendenken von ökonomischen und sozialen Fragestellungen.

Beate Littig ist zwar seit fast zwei Jahren in Pension, dem Institut aber immer noch als Fellow verbunden. Die Soziologin hat 2015 am IHS die Forschungsplattform „Sozial-ökologische Transformation“ mit ins Leben gerufen, das Thema Nachhaltigkeit begleitet sie aber schon seit den Anfängen ihrer Karriere: „Ich hatte häufig einen guten Riecher für relevante Themen.“ Ihre frühen Publikationen lesen sich wie Vorboten dessen, was noch kommen würde. Promoviert hat sie zur Lücke zwischen Umweltbewusstsein und tatsächlichem Verhalten mit Fokus auf die Verkehrsmittelnutzung auf dem Weg zur Arbeit – und dies in einer Zeit, wo viele Klimaschutz nur mit weit entfernten Müllbergen und nicht mit dem eigenen Lebensstil assoziierten.

Nachhaltigkeit hat keine Grenzen und sollte an jeder Ecke mitgedacht werden – das wird schnell klar, wenn Littig anfängt, über ihre Arbeit zu reden. Ausführlich malt sie große Zusammenhänge an die Wand und macht klar, dass es zu kurz greift, das Thema auf einzelne Faktoren zu reduzieren.

Eckpfeiler ihrer wissenschaftlichen Karriere sind drei Kernthemen: Umweltsoziologie, Geschlechterfragen und die Veränderung der Arbeitswelt. Gerade den letzten Punkt betont Littig als elementar: Arbeit sei der Dreh- und Angelpunkt jeder Gesellschaft, bestimme sie doch im Endeffekt die soziale Schichtung der Bevölkerung. Die großen Themen des 21. Jahrhunderts machen auch hier keinen Halt. Zum einen müssten klimaschonend Ressourcen eingespart werden, zum anderen bedeute Digitalisierung nicht nur Homeoffice und Videokonferenzen. Arbeitsplätze werden wegfallen, die so schnell nicht ersetzt werden können. Auswirkungen habe das auf demokratie- sowie geschlechterpolitische Dimensionen. Vorrangig würden von Frauen dominierte Branchen wie der Handel aussterben. Männer hingegen seien überproportional in der aufstrebenden Tech-Industrie vertreten. Eingerahmt sei dies von einer generell zunehmenden Verunsicherung der Bevölkerung, die in so unsteten Zeiten sich immer mehr an Nationalist:innen orientiere – so zitterte Europa erst unlängst vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich, bei der die Chancen für die rechtsextreme Marine Le Pen recht gut standen.

Doch zurück in die Josefstadt: Beate Littig weiß, wovon sie spricht, und macht es gern. Nach einer Stunde Gespräch stehen zwar immer noch einige Fragezeichen im Raum, aber eines ist deutlich geworden: Nachhaltigkeit kann nicht im Biomarkt gekauft werden, sondern ist eine verzwickte Aufgabe ohne Musterlösung. Littig ist zwar nur noch manchmal da – im IHS wird aber weiterhin getüftelt.


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