Kündigungsgrund Nichtarier

Für die Wiener war es ja gar nicht so interessant, ein Teil Deutschlands zu werden. (…) Was sie interessiert hat, war: Sie wollten die Wohnung vom Herrn Kohn haben.“  (Georg Kreisler)

Von Irmtraut Karlsson und Manfred Kerry

Die schon in der Monarchie prekäre Wohnungssituation in Wien verschärfte sich mit Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall der Monarchie. Boden- und Wohnungsspekulation bedingten nicht nur beengte Wohnverhältnisse, sondern auch Bebauungsformen, die vor allem die Wohnungen in den unteren Stockwerken zu dunklen Löchern machten. Die Wiener Sozialdemokratie sah in der Auseinandersetzung mit der Spekulation daher nur eine Möglichkeit, Abhilfe zu schaffen: Die Stadt Wien selbst musste als Bauherrin auftreten. Die finanziellen Mittel konnten dank der Steuerhoheit vor allem durch die Schaffung einer Luxuswohnsteuer aufgebracht werden und somit konnten zwischen 1923 und 1933 rund 60.000 Wohnungen errichtet werden, die in vielen Bereichen neue Maßstäbe setzten.

Wie zutreffend das Zitat von Georg Kreisler ist, das die Gier der Wiener auf den Punkt bringt, zeigte sich anhand der blitzartigen Vertreibung der jüdischen Bewohner:innen aus den Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit. (In den 1930-Jahren verwendeten hochrangige Nazis den jüdischen Familiennamen Kohn häufig als Chiffre, um Stimmung gegen Juden zu machen.)

Schon wenige Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 waren die Wohnungen jüdischer Mieter:innen in den Gemeindebauten eine begehrte Beute. Bereits am 14. Juni 1938 erteilte der Wiener NS-Vizebürgermeister Kozich dem Obersenatsrat Dr. David den Auftrag, die jüdischen Mieter:innen in städtischen Wohnhäusern zu kündigen. Den Mietern:innen sollten Ersatzwohnungen in der Barackensiedlung Hasenleitengasse angeboten werden. Die Kündigungsgründe lauteten: Jude, Volljude, Nichtarier, Gatte Jude usw.

Ungefähr 2.000 Kündigungen mit dem einheitlichen Kündigungstermin 31. Juli 1938 wurden den Bezirksgerichten innerhalb kürzester Zeit zugestellt. Mit einem Schreiben der Magistratsabteilung 21 vom 30. Juni 1938 wurde das Sicherstellungsdepot wegen der „Sicherstellung“ der Möbel der gekündigten Mieter:innen kontaktiert. Das heißt, auch der Raub der Einrichtung der Mieter:innen war durch die Bürokratie des Bösen bereits bis ins Detail geregelt.

Mitte September 1938 waren schon 1.225 Wohnungen „freigemacht“

Dann wurde die Gangart verschärft. Genauere Untersuchungen der „Rassenzugehörigkeit“ der Mieter:innen, Denunziationen und Vernaderungen führten zu weiteren Kündigungen.

Die genannten Zahlen sind erschreckend, bedenkt man den Hintergrund der Besiedelung der Gemeindebauten in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Die Bewohner:innen der Gemeindebauten dieser Zeit galten als besonders treue Sozialdemokraten. Wohnungen bekamen vor allem sozial Benachteiligte, aber auch verdiente Funktionäre der Partei, Intellektuelle und Künstler:innen. Freilich darf nicht vergessen werden, dass es ja vor 1938 vier Jahre der Diktatur und der Verfolgung und Ausschaltung der Arbeiterbewegung durch den austrofaschistischen Ständestaat gegeben hatte – und dass Antisemitismus in Österreich auch schon davor weit verbreitet war.

Zur raschen Abwicklung der Kündigungsverfahren machte sich die NS-Bürokratie eine Lücke im Mieterschutz zunutze, wie Herbert Exenberger 1996 in einer Studie zum Thema erläuterte: „Die Vorgangsweise der Behörden war hier einerseits getragen von dem Bemühen um formale Rechtmäßigkeit, also von der Beachtung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften bei schamloser Ausnutzung der Gesetzeslage vor 1938.“ Andererseits macht er den vorauseilenden Gehorsam der österreichischen Behörden gegenüber dem Naziterror für die schnelle Abwicklung verantwortlich.

Insgesamt konnten 2.064 Kündigungsakten jüdischer Mieter:innen aufgearbeitet werden. Diese Akten betrafen nur die Gemeindebauten, die zwischen 1919 und 1934 errichtet wurden. Nicht berücksichtigt wurden in der Auswertung die sogenannten „Althäuser“ der Gemeinde Wien.

dreier Collage: Bild 1: nostalgisches Foto einer Frau, Bild 2: Fassade des Kronawetter-Gemeindebaus, Bild 3: ein Stolperstein im Asphalt eingesetzt mit 4 Namen von deportierten Hausbewohnenern

In der Josefstadt fielen vier Gemeindebauten in die Auswertung: der Therese-Schlesinger-Hof in der Schlösselgasse 14, der Faberhof (Pfeilgasse 42), der Dr.-Kronawetter-Hof (Pfeilgasse 47–49) und der Ludo-Hartmann-Hof (Albertgasse 13–17).

▶ Gastautorin Irmtraut Karlsson (Psychologin, Schriftstellerin, Frauenpolitikerin) gründete 2007 gemeinsam mit Manfred Kerry (Historiker, Heeresgeschichtliches Museum) den Verein „Steine der Erinnerung“ an die Opfer des NS- Regimes in der Josefstadt.

 

Veranstaltung

Der Verein „Steine der Erinnerung“ organisiert mit der JosefStadtZeitung „derAchte“ ein Projekt der Erinnerungskultur im Ludo-Hartmann-Hof zum Thema „Kündigungsgrund Nichtarier“. Die Historikerin Brigitte Ungar-Klein wird zum Thema Vertreibung jüdischer Mieter:innen aus den Gemeindebauten 1938/39 einen Vortrag halten.

Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus, wird am Beispiel ihrer Familie, die aus dem Ludo-Hartmann-Hof deportiert wurde, unter anderem über die Erinnerungen ihres Vaters, des Starfotografen Erich Lessing, erzählen. Ein Rundgang durch den denkmalgeschützen Ludo-Hartmann-Hof wird den Abend abrunden.

▶ Redaktion „derAchte“. 8., Albertgasse 13–15 (hinter den Palmensäulen). 30/03/2022, 18:30h. https://steine08.wien, www.derachte.at

 

Der erste Gemeindebau

Der Ludo-Hartmann-Hof, Albertgasse 13–17, ist nicht nur der erste Gemeindebau (1924/25 errichtet) der Josefstadt, sondern auch sonst eine bemerkenswertes Gebäude. Die von auffälligen Keramiksäulen getragenen Arkaden, die einen Vorhof zur Straßenseite begrenzen, sind sichtbares Zeichen für einen Gemeindebau der besonderen Art. Der von Cesar Poppovits entworfene Bau sollte aufgrund der Rathausnähe auch höheren Beamten der Stadt Wien als Wohnort dienen. Entsprechend wurden die Wohnungen geplant – manche verfügen sogar über vier Zimmer. Benannt ist der Hof nach Ludo Moritz Hartmann, der unter anderem Universitätsprofessor, Bundesrat und Mitbegründer der Wiener Volkshochschulen war.

▶ Ludo-Hartmann-Hof, 8., Albertgasse 13–17

 

Johanna Alma König

Die Schriftstellerin Alma Johanna König wurde am 18. August 1884 in Prag geboren. Unter dem Pseudonym Johannes Herdan veröffentlichte sie erste Gedichte; 1922 erschien ihr erster Roman „Der heilige Palast“, der aufgrund seines erotischen Inhalts für Aufsehen sorgte. 1925 erhielt sie den Preis der Stadt Wien für das Buch „Die Geschichte von Half, dem Weibe“. 1930 kehrte sie nach einem Auslandsaufenthalt nach Wien zurück und bezog eine Gemeindewohnung in der Pfeilgasse 47–49. Nach 1938 wurde ihr Werk aus „rassischen“ Gründen verboten und sie musste die Wohnung räumen. Nach mehrfachem Wohnungswechsel wurde König 1942 deportiert und in der Vernichtungsstätte Maly Trostinez (Weißrussland) ermordet.

 

Gescheiterter Widerstand

Mit der zugestellten Kündigung standen viele vor dem Nichts und versuchten daher Einsprüche geltend zu machen. Einige wählten den Weg über das Gericht, um die Kündigung rechtsunwirksam zu machen. Militärs, die in der k. u. k Armee gedient hatten, versuchten unter Verweis auf ihre Verdienste eine Aufhebung der Kündigung zu erreichen. Manche machten auch auf ihre soziale Lage aufmerksam. Letztlich war keiner dieser Wege erfolgreich. Einige Verfolgte tauchten unter, wie der im Kronawetterhof wohnhafte Richard Segal. Er wurde am 10. Oktober 1942 von der Gestapo gefasst, nach Auschwitz deportiert und im Februar 1943 ermordet.