Literatur ist etwas Überlebensnotwendiges

„derAchte“ hat die Literaturkritikerin Katja Gasser zum Gespräch gebeten. Die ORF- Journalistin übernahm vor Kurzem die künstlerische Leitung des Österreich-Schwerpunkts bei der Leipziger Buchmesse 2023.

Von Silke Rabus

Sie leben mitten im Achten. Was hat Sie hierhergezogen?

Die frei gewordene Wohnung einer Arbeitskollegin, also der pure Zufall. Und gleichzeitig nicht ganz der Zufall, weil ich als Studentin immer schon im Umkreis gewohnt habe. Eigentlich zogen wir damals ein, um dann wieder auszuziehen. Aber jetzt sind wir da und ich glaube, wir werden auch bleiben.

Was schätzen Sie an der Josefstadt?

Letztlich wahrscheinlich das Dörfliche. Ich bin ein Dorfkind und komme aus dem zweisprachigen Süden Kärntens. Das Dörfliche heimelt mich an und gleichzeitig ist es natürlich auch das Problem des Achten. Es ist sehr bequem, hier zu wohnen, und man läuft ein bisschen Gefahr, diese Bequemlichkeit für bare Münze zu nehmen.

Was sagen Sie als Literaturkennerin über den achten Bezirk?

Es gibt hier arrivierte und schöne Buchhandlungen, die aus der Wiener Literaturszene gar nicht wegzudenken sind. Auch das Theater in der Josefstadt präsentiert sich immer wieder als Spielstätte für Literatur. Der Achte ist natürlich ein zutiefst bürgerlicher Bezirk und deswegen dem Kulturellen grundsätzlich zugeneigt. Wobei er für das literarische Tun wahrscheinlich nicht sehr produktiv ist, weil es hier zu wenig Reibefläche gibt.

Mit welchen Autorinnen oder Autoren verbinden Sie mit dem Achten?

Der Sprachkünstler H. C. Artmann hat hier gelebt. Ich habe ihn sogar noch besucht in seiner Wohnung, das habe ich sehr eindrücklich in Erinnerung. Ich kann mich an sein Interesse für meine slowenischen Wurzeln erinnern und daran, dass er sehr respektvoll zu mir war. Das hat mich gerührt, weil ich das Interesse an dem Umstand, dass es Zweisprachigkeit in Österreich überhaupt gibt, in Wien damals ganz selten angetroffen habe.

Wie sind Sie selbst zur Literatur gekommen?

Aus der Not. Ich komme letztlich aus privilegierten kleinbürgerlichen Verhältnissen. Aber ich hatte immer schon eine Neigung zum Mich-nicht-behaust-Fühlen. Und die Literatur war für mich von Beginn ein Ort, an dem ich mich gut aufgehoben fühlte. Hier fand ich Entlastung gegenüber der Erwartung der Familie, erfolgreich durchs Leben zu kommen. Insofern stimmt für mich schon wirklich, dass Literatur etwas Überlebensnotwendiges ist. Im Achten leben sehr viele wohlhabende Menschen, die sich Kunst oft wie einen Hund halten. Und das ist ja auch gut so, die Kunst braucht Geld. Vor allem anderen aber ist Kunst für viele Menschen etwas Überlebensnotwendiges. Sonst gäbe es sie nicht.

Wie präsentieren Sie Österreich auf der Leipziger Buchmesse 2023?

Die Frage, wie wir dort in Erinnerung bleiben möchten, ist zentral bei der Planung des Auftritts. Mein Wunsch ist, dass wir als ein progressives Land in Erinnerung bleiben, als ein Land, das selbstkritisch und humorbegabt ist und das an Ideen wie Gerechtigkeit und Solidarität festhält. Auch möchte ich Österreich als multikulturelles, mehrsprachiges Land präsentieren, in dem unterschiedlichste, auch soziale Schichten miteinander existieren und versuchen, ein friedliches Auskommen zu finden. Die Vielfalt des Landes zu zeigen, ist mir sehr wichtig.

Wo steht die österreichische Literatur derzeit?

Mit Marco Dinić, Elias Hirschl, Barbi Marković oder Barbara Zeman tritt eine ganz starke junge Autorengeneration zutage, die oft auch einen migrantischen Hintergrund hat. Offenbar ist die Zugespitztheit der Zeit, in der wir leben, produktiv in künstlerischer oder literarischer Hinsicht. Die österreichische Literatur war, gemessen an der Größe des Landes, immer schon überproportional stark auf dem deutschen Sprachmarkt vertreten. Und im Moment erleben wir wieder einmal eine unglaubliche Qualitätsbeschleunigung.

Welche Neuerscheinung sollte man unbedingt lesen?

„Der Silberfuchs meiner Mutter“ von Alois Hotschnig. Hotschnig ist ein österreichischer Autor, der nach vielen Jahren wieder einen Roman herausgebracht hat, der zu den herausragendsten der letzten Monate zählt. Überhaupt ist Hotschnig einer der relevantesten Autoren unserer Zeit.