Mensch Mama

Vor wenigen Wochen ist sie gestartet: die Sandkistensaison. Von Schönbornpark bis Bennoplatz fluten Kinder von 0 bis 99 Jahren die Spielplätze, buddeln im Sandkasten und schleppen den Dreck in die Josefstädter Wohnungen.

Von Nathalie Kroll

Auch Manuel darf jetzt mitmachen und bekam pünktlich zu Ostern sein Starterset. Eimer, Förmchen, Schaufel: alles, was das Buddelherz begehrt. Da Kleinkinder beizeiten höchst irrationale Wesen sein können, ist der ursprüngliche Versuch gescheitert, dass sich der Kleine das Sandkistenspielzeug einfach bei anderen Kindern ausborgt. Teilen muss gelernt sein. Mit dem Kauf von Plastikschaufel & Co. beging ich also die nächste Umweltsünde als junge Mama. Ja, es gibt umweltfreundliche Alternativen aus recyceltem Kunststoff etc. … für den vierfachen Preis.

Super in Zeiten, wo uns die Inflation immer größere Löcher ins Säckl frisst. Bei aller Liebe, aber auch Kinder sind ein kleines Umweltproblem. Ich möchte mir den Müllberg von Windeln und Feuchttüchern nicht vorstellen, der bereits nach 18 Monaten entstanden ist. Auch wir gehören zu den Eltern, die (leider) nicht auf Stoffwindeln umgestiegen sind. Zu hoch die Investitionskosten und der Wasserverbrauch – vielleicht ein Trugschluss. An anderen Fronten sind wir erfolgreicher bzw. nachhaltiger. Ein Großteil von Manuels Spielsachen ist gute Second-Hand-Ware, er hat eine Handvoll Gewand, das in zwei Schubladen passt. Wir haben tolle gebrauchte Sachen bekommen und nutzen sie gerne.

So werden auch wir ein Paket für Freunde schnüren, damit die Dinge weiterleben können. Unsere Herangehensweise ist der reduzierte Konsum und der Verzicht darauf, jeden Trend mitnehmen zu müssen. Wir sind keine Vorzeigefamilie, wenn es um einen umweltfreundlichen Lifestyle geht. Wir haben ein Auto, wir verreisen (auch mit dem Flugzeug), wir lassen uns gelegentlich in Plastik verpacktes Essen liefern, ebenso wenig sind wir Stammkunden in Zero-Waste-Geschäften.

Ich muss an dieser Stelle in die Phrasen-Kiste greifen: Viele Wege führen nach Rom! Trotzdem haben wir wie alle Eltern die Chance, Kindern ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu vermitteln und eine Generation zu erziehen, die ihr Konsumverhalten ändert und klimafreundlicher lebt. Das richtige Verhalten im Umgang mit Umwelt, Mitmenschen und dem eigenen Leben muss ihnen vorgelebt werden. So weit die moralische Messlatte. Wir sind keine Perfektionisten, aber wir machen mit und werden stetig besser. Unser Augenmerk legen wir auf langlebige Möbel und Kleidung. Bei uns herrscht keine Wegwerf-Mentalität, unser Sohn wird lernen (müssen), dass nicht jedes kurzlebige Modeprodukt und Plastikmüllspielzeug gekauft werden kann – Tobsuchtsanfall inklusive. Ich sehe meine Aufgabe aber auch darin, Manuel das Selbstverständnis zu vermitteln, dass er ebenso ein guter Mensch ist, wenn er nicht als Veganer, Greenpeace-Aktivist oder Biolandwirt durchs Leben geht.

Wir brauchen sie, diese Übermenschen, um uns an ihnen orientieren zu können. Denn auch hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Für mich ist eine Mama, die ihr Kind in alte Second-Hand-Kleidung steckt, um ein Vielfaches glaubwürdiger und nachhaltiger als diejenige, die ihr Kind in teuren Bobo-It-Geschäften mit Bio-Baumwolle einkleidet. Aber jedem das Seine, denn auch das ist eine Facette der Nachhaltigkeit: Respekt.


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