„Mit den Füßen voran“

Miguel Herz-Kestranek kennt man aus unzähligen Film- und Theaterrollen. In der Josefstadt trifft man ihn regelmäßig „auf der Gasse“ – mit und ohne Hund. „derAchte“ hat mit dem Schauspieler und Autor ein Sonntagsgespräch geführt.

Von Elisabeth Hundstorfer

Miguel Herz-Kestranek könnte man als Lokalmatador der Josefstadt bezeichnen. Kaum jemand, der ihn nicht kennt. Viele erzählen von einem Pläuschchen mit ihm am Gehsteig. Die einen diskutieren mit ihm über sein neues Buch, die anderen über die Politik und die dritten über das „Hundeleben“ im Achten.

Auch in der „Josefstadt-Hymne“ von Dominik Nostitz wurde er verewigt, und das zu Recht – denn Miguel Herz-Kestranek ist schon seit vielen Jahrzehnten ein leidenschaftlicher Josefstädter. Nach der Trennung von Schauspielerin Dorothea Parton, der Mutter seiner Tochter Theresa, zog er 1976 in eine kleine Wohnung auf der Lerchenfelder Straße. „Auf der 8.-Bezirk-Seite“, wie er bei unserem Gespräch betont. Durch einen Glücksfall habe er dann die Wohnung in der Piaristengasse gefunden, in der er heute mit seiner Frau Miriam und der kleinen Tibet-Spaniel-Dame Mina wohnt. „Ich habe in der Nähe bei der damaligen Aral-Tankstelle ums Eck meine Reifen wechseln lassen und einen Parkplatz gesucht. Zufälligerweise ist mein Blick über das Haus geschweift und ich erblickte im 3. Stock Fenster mit Schmutzspritzern. Ich dachte: Oh, da wird eine Wohnung renoviert. Ich bin rein und habe mir die Baustelle angesehen. Nachdem ich die Hausverwaltung ausfindig gemacht habe, bin ich gleich zur Telefonzelle und habe angerufen. Aber die Wohnung hatte schon einen Interessenten. Die Fügung des Schicksals wollte es jedoch, dass ich die Wohnung bekomme, in der ich jetzt seit 1990 wohne! Von hier kann man mich nur mit den Füßen voran raustragen.“

Die Wohnung im Jahrhundertwendehaus hat aus den Fenstern des 3. Stocks einen atemberaubenden Blick auf die wunderschöne Fassade der Piaristenkirche mit ihren beiden Glockentürmen, die während unseres Gesprächs hell in der Sonntagssonne strahlen.

Herz-Kestranek hat kürzlich sein 15. Buch herausgebracht, eine Sammlung von Aphorismen unter dem Titel „Gedankenflügge“. „In wenigen Wochen, zwischen November und Februar, war das Buch fertig. Es ist in mir einfach aufgepoppt und es sind mir die Sätze nur so zugeflogen. Ich habe auch die Gestaltung des Buches selbst gemacht“, so der vielseitige Künstler. Und welcher Spruch daraus ist sein Favorit? Der findet sich auf Seite 8 des Büchleins:

„Wer den Talmud liest, versteht Religion.
Wer Buddha liest, versteht Jesus.
Wer die Bergpredigt liest, versteht Sozialismus.
Wer den Koran liest, versteht die Aufklärung.“

„Der letzte Nobelpreis, der vergeben werden sollte, ist der der Versöhnung der Religionen – dann braucht man nix mehr!“, meint der laut Eigendefinition „jüdische Buddhchrist“ mit Blick auf die Kirche gegenüber.

Als hochpolitischer Mensch, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt, ist er ist auch ein gefragter Redner zu Europa- und NS-Themen. Herz-Kestranek entstammt einer Industriellen- und Künstlerfamilie aus dem ehemaligen jüdischen Wiener Großbürgertum. Seine Eltern und Großeltern mussten 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen – ein Thema, das ihn nicht loslässt. Sein Vorname Miguel verdankt sich der Zeit seiner Eltern im lateinamerikanischen Exil. Seine Beschäftigung damit ist nicht verbittert und kennt keine Tabus. Die sogenannte Political Correctness empfindet er auch in diesem Zusammenhang oft als heuchlerisch und darum kontraproduktiv.

Collage von Herz-Kestranek: links, portrait, rechts auf couch sitzend

© Günther Egger

Angesprochen auf die jüngste Kunstintervention im Josefstädter Hamerlingpark, die mittels QR-Codes zu Interviews führt, die auf die problematische Einstellung des Dichters Robert Hamerling zum Judentum und zu Frauen in seinem Werk verweisen, meint Herz-Kestranek: „Um ehrlich zu sein, reicht die Zusatztafel mit dem Text ‚Robert Hamerling – ein Wegbereiter des Antisemitismus‘. Ich halte nichts von einer Umbenennung, die ja auch immer wieder diskutiert wird. Das ist ,Cancel Culture‘ und die heutigen Menschen sind leider Geschichtsahnungslose – es hört nicht auf, blöd zu sein. Wenn er jemanden umgebracht oder Täter unterstützt hätte, wäre das etwas anderes.“

Und was schätzt er besonders an der Josefstadt? „Besonders schätze ich die Geschäfte hier und hoffe, dass sie in ihrem charmanten Mix noch lange weiterbestehen. Ich habe hier alles, was ich brauche: Arzt, Bank, Theater, Buchladen, Handygeschäft oder Kaffeehaus. Hier muss ich nachdrücklich anmerken: Ich will mein Café Maria Treu zurück. Leider hat es seit der Neuübernahme nur mehr bis 15.30 Uhr offen und an den Wochenenden überhaupt geschlossen. Ein weiterer Wermutstropfen ist, dass man keinen Parkplatz findet – ich fahre in der Stadt alles mit dem Fahrrad, aber mit dem Hund schon mal mit dem Auto raus aus Wien. Die Parkplatzmisere ist auch den vielen Baustellen geschuldet. Seit ich hier wohne, gibt es durchgehend in jeder unmittelbaren Nähe irgendeine Baustelle. Das bedeutet auch Lärm und Schmutz.“ Auch über Hundewürstel kann sich der Josefstadt-Fan maßlos ärgern. „Das ist nicht notwendig. Wir haben immer unser Sackerl dabei. Ehrlich gesagt ist es hundefeindlich, einen Hund in der Stadt zu haben. Hier bekommt das Tier einfach zu wenig Auslauf. Darum bin ich sehr froh, dass ich mit meinem kleinen Hund – sie wiegt 4,5 Kilo – viel Zeit am Wolfgangsee verbringen kann.“

Und was sind die Zukunftspläne von Miguel Herz-Kestranek? „Ich werde mich jetzt einmal zurückziehen und mich auf das Schreiben und Reisen konzentrieren.“
Aber bevor er der Bühne fürs Erste Adieu sagt, gibt es am 19. Dezember im Tunnel ein Josefstädter Heimspiel. Was kann man sich von der Lesung erwarten? Eine kabarettistische Adventlesung mit nicht nur heiteren und satirischen, sondern auch ernsteren Texten aus der eigenen Feder.

Mittlerweile liegt die Maria-Treu-Kirche im Schatten … Herzlichen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Geboren 1948 in St. Gallen. Volksschule in St. Gilgen am Wolfgangsee, in Bonn und in Salzburg. Im Gymnasium wechselte er nach Ried im Innkreis und schloss 1968 mit der Matura ab. Der Publikumsliebling mit Diplom vom Max-Reinhardt-Seminar war Mitglied des Theaters in der Josefstadt und seit 1971 auf renommierten Bühnen im deutschen Sprachraum und später in rund 200 internationalen Fernsehproduktionen (unter anderem war er einer der frühen „Tatort“-Kommissare Österreichs) und Filmen zu sehen. Zwischen 2000 und 2010 war er Vizepräsident des Österreichischen P.E.N.-Clubs. Seine unverwechselbare Stimme ist fixer Bestandteil österreichischer Bühnen-, Radio- und Fernsehkultur. Darüber hinaus ist er als Buchautor erfolgreich. Miguel Herz-Kestranek lebt in der Josefstadt und in St. Gilgen.

Collage: links Miguel Herz-Kestranek auf Stuhl sitzend, rechts der Umschlag seines neuen Buches

„Gedankenflügge“ – das bereits 15. Buch des Theaterlieblings Herz-Kestranek © Günther Egger

Gedankenflüge

Das 15. Buch von Miguel Herz-Kestranek trägt den Titel „Gedankenflügge“. Der kurzweilige Aphorismenband ist 2021 erschienen. Als kritischer Geist mit Scharfblick, Witz und Tiefgang, immer eng verbunden der Sprache, seinen jüdischen Wurzeln und den geistigen Traditionen Mitteleuropas, hält „Vielseitigkeitskünstler Herz-Kestranek“ (so die Kulturzeitschrift „morgen“) furchtlos und unbestechlich – und im weiten Sinn politisch – sich und anderen mit seinen Aphorismen zu Themen wie Heuchelei und Sitte, Moral und Wahrheit, Macht und Religion, Recht und Politik, Liebe und Tod den Spiegel vor.

▶ Gedankenflügge. Aphorismen, Autor: Miguel Herz-Kestranek Verlag Iberia, ISBN: 9783850524117, € 20,–

Ausgabe 04/2022