Nur wenige Sekunden

„Ich habe mit einem Herrn gesprochen, der 132 der 460 gespielten Vorstellungen von ,Cats‘ gesehen hat,“ erzählt Nicole Panagl beeindruckt. Die Josefstädterin leitet seit 2011 die Kostümabteilung Musical der Vereinigten Bühnen Wien. „derAchte“ hat sie zu einem Gespräch über ihre Arbeit mit Katzen, Künstler:innen und Kostümen getroffen.

Von Elisabeth Hundstorfer

In kaum einer anderen Stadt gibt es so viele eingefleischte Musical-Fans wie in Wien. Hits wie „Memory“ aus Cats kann jedes Kind mitsingen. Vor knapp 40 Jahren brachte Peter Weck als Intendant das Erfolgsmusical von Andrew Lloyd Webber am Theater an der Wien zur deutschsprachigen Erstaufführung. Am 24. September 1983 fegten die geschmeidig tanzenden Katzen erstmals über die Bühne, um mit 2.080 Aufführungen sieben Jahre lang durchgespielt zu werden – DER Meilenstein für Wien als Musicalstadt. Von September 2019 bis Ende Juni 2022 holte der jetzige VBW-Musical-Intendant Christian Struppeck das Kultmusical wieder nach Wien. Und der Enthusiasmus der „Cats“-Fans ist nach wie vor ungebrochen.

Auch auf Nicole Panagl ist das Katzenvirus übergesprungen. „Als ich die Kostüme der Produktion sah, war ich skeptisch. Doch als die Darsteller:innen sie anhatten, war ich fasziniert. Jeder Strich und Stich an der richtigen Stelle – eine wunderbare Ausstattung.“ Die Lizenzgeber wachen streng darüber, dass die Show so bleibt, wie man sie kennt. „Es ist immer spannend und das liebe ich an meinem Job“, so Panagl weiter, „man lernt aber auch immer etwas dazu – auch von Fremdwerkstätten kann man sich einiges abschauen, wie bei Disneys ,Der Glöckner von Notre Dame’, der ab Oktober im Ronacher zu sehen ist.“

Nicht nur ein gutes Stück und hervorragende Darsteller:innen tragen wesentlich zum Erfolg eines Musicals bei, sondern auch ein großartiges Kostümbild. „Leider wird das gar nicht so bewusst wahrgenommen. Bei einer Produktion sind in der Regel 500 bis 600 Kostüme zu sehen. Bei ganz großen Inszenierungen bis zu 1.000. In Zeitungskritiken kommt das Kostümbild so gut wie nie vor“, bedauert Panagl.

Wie muss man sich Ihre Aufgaben als Leiterin der Kostümabteilung vorstellen?

„Man steht jeden Tag vor unterschiedlichen Herausforderungen. Ich betreue die neuen Produktionen vom Anfang bis zum Ende – ich bin Mittelsfrau zwischen Kostümbildner:in und Werkstätten. Am Anfang stehen die große Planung des Gesamtkonzepts – vom Bühnenbild bis zum Kostümbild –, das Erstellen des Zeitplans und das Organisieren von Anproben“, erklärt die Leiterin der Kostümabteilung. „Es gibt in der Regel zwei Kostümproben mit den einzelnen Darsteller:innen und eine gemeinsame. Alles auf einmal aus dem Zuschauerraum auf der Bühne zu sehen, ist das Faszinierendste. Wir gehen sehr respektvoll miteinander um, die Musicaldarsteller:innen können sehr viel – sie tanzen, singen und müssen sich bis zu 20-mal umkleiden. Oft sind nur wenige Sekunden Zeit, um in das nächste Outfit zu schlüpfen. Manchmal werden zwei Kostüme übereinander getragen. Das ist auch für uns eine Herausforderung. Wir müssen wahnsinnig kreativ und flexibel sein. Häufig ändern sich die Situationen und wir müssen die Anforderungen neu denken. Ich liebe zum Beispiel große Druckknöpfe oder Magnete, aber auch Klettverschlüsse können gute Dienste leisten. Mieder sind oft für die Sänger:innen sehr beengend und sie bekommen zu wenig Luft – auch hier muss man Lösungen finden.“

Junge Frau, im Hintergrund ein Mann, stehen vor einer beleuchteten Treppe

Musical Rebecca © Stage_Entertainment_Ralf_Brinkoff_Birgit_Mogenburg_Stuttgart_2011

 

Woran wird aktuell gearbeitet?

„Wir bereiten gerade die Premiere von ,Rebecca‘ vor.“ 2006 erlebte „Rebecca“ im Raimund Theater seine Uraufführung, ab September ist das Erfolgsmusical nun endlich wieder in Wien zu erleben. Birgit Hutter zeichnete damals wie heute für die Kostüme verantwortlich. „Jetzt darf ich mit ihr zusammenarbeiten, das macht mir große Freude. Kennengelernt haben wir uns damals im ‚Theater Der Kreis‘ von George Tabori,“ so Panagl. Für das Theaterpublikum im Achten ist Birgit Hutter keine Unbekannte: Sie ist seit heuer Ehrenmitglied des Theaters in der Josefstadt.

„Für ,Rebecca‘ arbeiten wir mit bestehenden Kostümen und ganz neuen Entwürfen. Derzeit ist es übrigens sehr schwierig, erforderliches Material zu bekommen, etwa große Druckknöpfe – das muss man sich einmal vorstellen“, erzählt Panagl kopfschüttelnd. „Vieles, was man in der Vergangenheit mit Selbstverständlichkeit im Internet bestellt hat, ist nicht lieferbar. Wir kaufen mittlerweile auf Flohmärkten und laufen ein Geschäft nach dem anderen – meist alteingesessene Shops – ab, um Restbestände zu ergattern. Die Arbeitsmethoden haben sich seit der Pandemie grundlegend geändert – wir sind gut darin, aus wenig viel zu machen. Die Kreativität ist derzeit doppelt gefordert, aber das macht auch großen Spaß.“

Wie war der Werdegang der Leiterin der Kostümabteilung?

„Nach dem Gymnasium bin ich in die Modeschule Herbststraße gegangen und habe daneben aber schon Ankleide gemacht, dann als Kostümassistenz gearbeitet und selbst kleine Kostümbilder entworfen. Ich habe viele Jahre als Freischaffende für Fernsehen, Theater und Werbung gearbeitet. Um sein Handwerk gut zu beherrschen, macht die Ausbildung an der Modeschule schon Sinn. Man kann sich aber auch viel selbst beibringen. Man darf nur keine Angst vor Nähe haben – mit den Darsteller:innen zu arbeiten, bedingt Intimität. Und man darf auch keine Änderungen scheuen – diese gehören zum täglichen Brot. Mit einem Wort, man braucht das richtige Gespür, besonders für Menschen.“

Was führte Sie in die Josefstadt?

„Ich bin zwar keine geborene, aber eine getaufte Josefstädterin“, erzählt Panagl augenzwinkernd. „Ich wurde in der Piaristenkirche getauft und gefirmt. Meine Urgroßeltern hatten in der Strozzigasse eine Fleischhauerei. Und ich bin mit meiner Schwester in der Florianigasse aufgewachsen. Meine Großeltern wohnten in der Fuhrmanngasse. Mein Opa hat als Student im Pfeilheim gewohnt. Meine Großmutter half im elterlichen Betrieb und gab dem ,armen Studenten‘ aus Südtirol immer ein paar Deka mehr Wurst …

Ich bin erst vor Kurzem aus Neubau in die Josefstadt gezogen. Ich bin vor dem U-Bahnbau geflüchtet. Es war wie ein Nachhausekommen. Auch meine Tochter wohnt seit dem Frühling im Achten, das hat sich gut ergeben. Ich bin mit ganzem Herzen Josefstädterin. Ich bekomme ein Lächeln, wenn ich nach der Arbeit aus dem Sechsten über den Siebten in die Josefstadt komme. Es ist hier einfach entschleunigter und das schätze ich sehr, besonders nach einem fordernden Arbeitstag.“

Und was wünscht Sie sich für Ihre Josefstadt?

„Dass mehr für Jugendliche getan wird. Es wurde in Zeiten der Pandemie augenscheinlich, dass die jungen Leute mehr Raum brauchen, aber auch mehr Verständnis. Und mehr Grün – prinzipiell geht das ganz einfach. Ein Buchhändler auf der Lerchenfelder Straße hat vor seiner Tür eine riesengroße Birke in einem dafür verhältnismäßig sehr kleinen Topf – also links und rechts von jedem Geschäftseingang ein Baum – und wir haben mehr Schatten und Lebensqualität.“

In diesem Sinne herzlichen Dank für das Gespräch!

„Der Glöckner von Notre Dame“ © Johan Persson/Disney

 

Rebecca

Am 22. September 2022 feiert das Erfolgsmusical „Rebecca“ im Raimund Theater große Premiere und eröffnet damit gleichzeitig die neue Spielzeit. Der legendäre Musicalthriller der erfolgreichsten deutschsprachigen Musical-Autoren Michael Kunze und Sylvester Levay wurde weltweit bereits von über zwei Millionen Besucher:innen in zwölf Ländern und in zehn Sprachen gesehen. Die spektakuläre Produktion mit prächtiger Ausstattung, ergreifenden Melodien und verblüffenden Spezialeffekten, fesselnd in Szene gesetzt von US-Star-Regisseurin Francesca Zambello, ist nach vielen internationalen Stationen nun endlich noch einmal in Wien zu erleben.

▶ Raimund Theater. 6., Wallgasse 18–20

 

Der Glöckner

Am 8. Oktober 2022 findet im Ronacher die österreichische Erstaufführung von Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“, dem Musical nach dem weltbekannten Disney-Film, statt. Nach „Mary Poppins“ ist dies eine weitere Disney-Erfolgsproduktion, die die Vereinigten Bühnen Wien nach Wien holen. Die beeindruckende Musical-Adaption der vielfachen Oscar-, Grammy-, Golden-Globe- und Emmy-Preisträger Alan Menken und Stephen Schwartz besticht nicht nur durch eine sehr emotionale Geschichte und die oscarnominierte, opulente Musik mit großen Kirchen-Chören, sondern auch durch die aufwendige und kraftvolle Inszenierung von Scott Schwartz. Das erfolgreiche Stück ist nach vielen internationalen Produktionen, etwa in den USA, Berlin und Tokio, erstmals auch bei uns auf der Musicalbühne zu erleben.

▶ Ronacher. 1., Seilerstätte 9

 

Raimund Theater

Benannt nach dem Dramatiker Ferdinand Raimund, wurde das Theater ab Juni 2019 saniert und am 26. September 2021 wiedereröffnet. 1893 wurde es von einem Verein von 500 Bürgern des Bezirks Mariahilf gegründet und nach Entwürfen des Architekten Franz Roth errichtet. Ende 1893 wurde es mit Raimunds Zauberspiel „Die gefesselte Phantasie“ eröffnet. Unter Rudolf Marik, der das Haus von 1948 bis 1976 leitete, erlebte die Operette unter anderem mit Johannes Heesters, Marika Rökk und Zarah Leander einen Höhepunkt. Am Raimund Theater begannen viele berühmte Karrieren, wie die von Hansi Niese, Paula Wessely oder Attila Hörbiger. Seit 1987 gehört es zu den Vereinigten Bühnen Wien.

 

„We Are Musical“

Zum Saisonauftakt findet im Raimund Theater bei freiem Eintritt ein großes Musicalfest unter dem Titel „We Are Musical“ statt. Und auch die Musical-Stars sind live dabei! Auf der Open-Air-Bühne werden sie die schönsten VBW-Musical-Songs zum Besten geben und für eine unvergessliche Stimmung sorgen. Das Publikum darf sich außerdem auf ein Musical-Dance- & Musical-Sing-Along freuen. Die Moderation übernehmen wieder Robert Steiner und die beliebte Ratte „Rolf Rüdiger“. Zusätzlich zum musikalischen Programm finden Tanzworkshops der Kulturvermittlung VBW JUNGES MUSICAL für Kinder, Jugendliche und Erwachsene statt. Dort gibt es die Möglichkeit, bekannte Musical-Choreografien einzustudieren.

▶ 17/09/2022, 12.30–17h. Raimund Theater. 6., Wallgasse 18–20