Opinion: Prof. Dr. Emmerich Tálos

Eine Pandemie mit beträchtlichen Auswirkungen. Gegen Ende 1918 und in den folgenden Nachkriegsjahren verbreitete sich weltweit und auch in Österreich eine Influenza-Pandemie. Sie wurde unter dem Namen Spanische Grippe bekannt und kostete mehr Menschen das Leben als der Erste Weltkrieg. Vor allem gab es einen beträchtlichen Mangel an Medikamenten, Ärzten und Pflegepersonal. 

Das ist ein wesentlicher Unterschied zur aktuellen Pandemie: Diese findet – jedenfalls hierzulande – Verbreitung unter den Bedingungen eines breit ausgebauten sozialen Sicherungssystems, vor allem eines Gesundheitssystems mit einer gut ausgebauten Spitalsinfrastruktur.

Die Pandemie hat Probleme und damit zusammenhängende Herausforderungen zugespitzt: Die Krise wirkt in die verschiedenen Lebensbereiche hinein, so etwa Erwerbstätigkeit, Gesundheit, Bildung oder Geschlechterverhältnisse. Sie verschärft die Bruchlinien und Spaltung in unserer Gesellschaft. 

Am Beispiel des Arbeitsmarkts aufgezeigt: Durch die verordnete Schließung vieler Betriebe erreichte die Arbeitslosigkeit das bisher höchste Niveau in der Zweiten Republik: Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 stieg die Arbeitslosigkeit auf über 570.000, nach einem kurzfristigen Rückgang erfolgte in den ersten Monaten von 2021 dann wieder ein Anstieg auf über 500.000. Im April 2021 waren immer noch rund 460.000 Menschen ohne Arbeit. Einen enormen Anstieg verzeichnet auch die Langzeitarbeitslosigkeit: Die Zahl der länger als zwölf Monate arbeitslos gemeldeten Personen verdoppelte sich und lag im März 2021 bei 190.000. Auch die Armutsgefährdung ist beträchtlich gestiegen.

Der Umgang mit der Corona-Krise und den daraus resultierenden Problemen wird eine Nagelprobe dafür sein, wie es in Zukunft um unsere Gesellschaft und den Sozialstaat Österreich bestellt sein wird.

 

Prof. Dr. Emmerich Tálos
zur Person: Geb. 1944 in St. Margarethen (Bgld.); Bundesgymnasium in Mattersburg. Studium der katholischen Theologie in Wien und Tübingen, Doktorat 1969; Studium der Politikwissenschaft am Institut für Höhere Studien in Wien. Assistent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. 1980 Habilitation und Lehrbefugnis für Politikwissenschaft. Seit 1983 Universitätsprofessor am Institut für Staats- und Politikwissenschaft in Wien. Lehrbeauftragter an der Wirtschaftsuniversität Wien und an der Donau-Universität in Krems. Seit 1.10.2009 formell im Ruhestand.