Plädoyer für den Neuanfang

Plädoyer für den Neuanfang. Ohne geht es nicht. Er findet statt, jeden Tag, im Kleinen und im Großen. Wenig ist so facettenreich wie der Neuanfang.

von Natalie Kroll

Schlussstrich? – Schön und gut, aber haben wir immer die Wahl? Sicher nicht. Viele wollen den Neuanfang, andere hingegen werden durch äußere Umstände in diese Situation gezwungen. Nicht selten kommt dann jemand daher und erzählt einem etwas von Türen, die sich schließen, und anderen, die sich öffnen. Danke, aber nicht immer ist das eine Hilfe.

Wir erleben den Neuanfang in vielen Bereichen unseres Lebens. Die Geburt eines Kindes, der Verlust der Eltern, die Kündigung im Job, das Scheitern einer Ehe. Überall versteckt er sich. Wir können nicht leben, ohne uns verändern und neu anfangen zu müssen. Manchmal ist er nur ein Klischee: die Frau, die sich nach einer Trennung beim Friseur einen neuen Look verpassen lässt. Manchmal ist er das beherrschende Thema einer Gesellschaft: die digitale Evolution, die ausnahmslos alle dazu zwingt, sich in einer
neuen, digitalisierten Welt zurechtzufinden.

Neuanfänge prägen unsere Biografie und machen uns zu dem, was wir heute sind. Job, Freundschaften, Hobbys – alles geht darauf zurück, dass wir in der Vergangenheit etwas Neues gewagt haben. Trotz dieser Allgegenwärtigkeit messen wir dem Neuanfang eine besondere Bedeutung zu. Warum ist das so?

Ich möchte behaupten, dass es Ihnen dabei nicht anders geht. Dass auch Sie Menschen kennen, vielleicht sogar bewundern, die sich den Traum von einem anderen Leben erfüllen und den Neuanfang als bewusste – in manchen Fällen radikale – Entscheidung treffen. Die Dimension ist relativ. Für den einen ist der lang gescheute Anschluss an die Yoga-Gruppe der Beginn von etwas Neuem. Für den anderen beginnt ein
nennenswerter Neustart erst mit der Auswanderung nach Bali. Alle haben gemeinsam, dass ihr Tun
von einem besonderen Gefühl begleitet wird. Vielleicht der vielfach zitierte „Zauber“ Hermann Hesses? Wer weiß. Denn Fakt ist: Der Neuanfang macht etwas mit uns. Er macht uns lebendig. Wir  herrschen über das Leben und nicht umgekehrt.

In diesem Sinne: Lassen Sie Neues zu! Keiner muss sich kopflos in das nächste Abenteuer  stürzen oder einen harten Schnitt machen. Ganz im Gegenteil. Der Zauber eines Neuanfangs kann auch darin liegen, dass Vergangenes weiterhin eine Rolle spielen darf. Dass ich meine Fähigkeiten und Kompetenzen auch nach einer beruflichen Neuorientierung weiterhin einbringe. Dass ich trotz einer Trennung das Band zum Vater meines Kindes aufrechterhalte.

Der Neuanfang ist immer ein Wagnis – das macht ihn besonders. Für einen kurzen Moment heißt es: alles auf eine Karte! Es gibt Menschen, die wagen den für sich ganz großen Schritt. Euch gehört mein Herz! Ich bin voller Bewunderung und Respekt vor den Mutigen. Ihr habt nicht nur geträumt, nicht nur
geredet. Ihr habt gemacht. Wissend, dass Neuanfang und Scheitern sehr nah beieinanderliegen.


In jedem Fall ist er uns ein treuer Begleiter, dieser Neuanfang. Er setzt die Dinge auf null, gibt uns eine
Chance, lässt uns von vorne anfangen. Gibt es etwas vergleichbar Schönes, liebe Leserin, lieber Leser?

 


Ausgabe 04/2021

 


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