Porträt: Kubanische Sonne in der Josefstadt

„Grüß Gott“, „Hallo“, „Servus, wie geht es?“… Wenn man mit Yudeisy Escobar die Josefstädter Straße entlanggeht, könnte man glauben, in Begleitung eines Superstars zu sein.

Yudeisy Escobar hat eine riesige Fanschar im Bezirk. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sie plötzlich Autogrammkarten zücken würde – aber so weit ist es noch nicht. Die wenigsten Josefstädter und Josefstädterinnen wissen, dass die gebürtige Kubanerin eine tolle Musikerin ist, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hat. Sie kennen sie aus einem ganz anderen Metier.

Mit acht Jahren begann Yudi, wie ihre Freunde sie nennen, in Kuba Klavier zu lernen. Bereits damals war ihr Talent unüberhörbar. Zur Oboe – einem Instrument, das in Kuba von kaum jemandem gespielt wird – kam sie durch Zufall. „Ich kann mir mein Leben ohne Oboe nicht vorstellen“, meint sie heute. Yudi studierte in der kubanischen Hauptstadt Musik und spielte unter anderem an der Oper Havanna.

Mit ihrer Mutter und Schwester ging sie für ihr weiteres Musikstudium nach Barcelona. Nach mehreren musikalischen Zwischenstationen in ganz Europa kam Yudi 2013 nach Österreich. „In Wien hat ein Dozent eine neue Atemtechnik für Oboe unterrichtet, und die wollte ich unbedingt erlernen“, erzählt die ehrgeizige Musikerin. Und so ergab das eine das andere. Um sich über Wasser zu halten, begann sie beim Spar in der Josefstädter Straße 64 zu arbeiten. Bis heute ist sie dort der Sonnenschein für die Kunden. Dank ihrer Lebensfreude hat sie immer einen Schmäh und ein freundliches Wort parat, selbst in stressigen Situationen an der Kassa – Grund auch für ihre Auszeichnung als Josefstädterin des Jahres!

„der Achte“ will die Kulturschaffenden der Josefstadt vor den Vorhang holen und die vielen Initiativen vor Ort sichtbar machen. Die BewohnerInnen unseres Bezirks sollen genauso profitieren wie die KünstlerInnen, Geschäftsleute und Gäste.

Kurz vor Drucklegung – nachdem Premieren verschoben, Vernissagen gecancelt und Hochzeiten abgesagt wurden – stellten wir uns die Frage: „Machen wir weiter?“ Ja, wir machen weiter und liefern Ihnen hiermit frei Haus Lesestoff aus dem Achten in den Achten – mit dem Hinweis: Nix is fix!

Doch an ihrem Ziel ist die sympathische Wahlwienerin noch nicht angelangt. Derzeit ist sie mit dem Iberoamerikanischen Orchester Wien zu hören und unterrichtet rhythmische Früherziehung im WUK. Eines Tages will sie vom Unterrichten und Oboe-Spielen leben können. Und auch ihr ganz großer Traum soll irgendwann in Erfüllung gehen. Nein, sie will kein Superstar werden – sie will lernen, wie man Oboen baut. „Ich will mit diesem Wissen helfen und es eines Tages auf Kuba weitergeben. Keiner beherrscht dort das Handwerk. Es ist oft schon geholfen, wenn man ein Instrument restaurieren oder reparieren kann. Sich selber ein Mundstück, sprich Oboenrohr, bauen zu können, ist für jeden, der dieses Blasinstrument spielt, von großem Wert“, erklärt Yudi leidenschaftlich – denn ein Orchester ohne Oboe ist wie Kuba ohne Sonne …

▶ Die Auszeichnung „Josefstädterin des Jahres“ wird alle zwei Jahre von der Bezirksvertretung Josefstadt vergeben. www.diejosefstaedterin.at