Privat eine geschenkte Zeit

„der Achte“ hat Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, während des dritten Lockdowns zum Gespräch gebeten. Sabine Haag lebt mit ihrer Familie seit vielen Jahren in der Josefstadt.

von Elisabeth Hundstorfer

Was hat Sie in den Achten geführt?
Ich bin als Studentin 1983 nach Wien gekommen und habe mich spontan in den Bezirk verliebt. Ich habe abwechselnd im 7. und 8. Bezirk gewohnt, bis ich 2003 mit meiner Familie in die Wohnung, in der wir bis heute leben, gezogen bin. Seitdem bin ich leidenschaftliche Josefstädterin.

Was schätzen Sie besonders an der Josefstadt?
Das Kleine, Gemütliche, die Sicherheit, die Geschäfte und die Infrastruktur. Hier gibt es alles, was man braucht. Auch die gute Verkehrslage hat sich bewährt: Als Mutter von drei Buben konnte ich mobil sein und als die Kinder älter wurden, konnten sie sich sehr rasch selbstständig und unabhängig bewegen.

Sie wohnen jetzt knapp 20 Jahre auf der ­Lerchenfelder Straße – was wünschen Sie sich für diese Straße?
Wir haben bereits eine positive Veränderung bemerkt. Sie ist jünger geworden. Besonders die Gastronomie ist sehr vielfältig, es gibt zum Beispiel tolle Fischlokale. Viele kleine Geschäfte, Pop-up-Stores wie der „Käseliebe“-Laden beleben die Straße. Es ist auch am Abend viel mehr los als früher. Ich hoffe, dass das trotz Corona weiter Bestand hat und sich der Mix von unterschiedlichen Geschäften etablieren kann.

Und wie haben Sie privat die Lockdowns empfunden?

Um ehrlich zu sein, war es für mich privat eine geschenkte Zeit. Ich habe meinen Mann noch nie so viel gesehen. Es sind die Abendtermine weggefallen und wir hatten mehr Zeit füreinander. Wir machen täglich einen ausgedehnten Spaziergang, das wollen wir auch nach der Krise beibehalten. Mein jüngster Sohn ist mit seiner Freundin aus der Schweiz, wo er gerade studiert, bis nach der Krise wieder bei uns eingezogen – auch das genieße ich sehr.

Beim Abendspaziergang durch den Bezirk sind mir die Lichtinstallationen von Victoria Coeln bei der Altlerchenfelder Kirche und im Tigerpark aufgefallen. Ich finde es großartig, dass es solche Initiativen gibt. Das hebt die Lebensqualität und man kann aus seiner Corona-Routine ausbrechen. Gerade jetzt tut Kunst so gut und zaubert ein Lächeln ins Gesicht.

Dr. Sabine Haag ist als Generaldirektorin des KHM-Museumsverbands, dem sie seit dem 1. Jänner 2009 vorsteht, bis Ende 2024 bestellt. ©KHM


Sie sind eine der wenigen Frauen, die es an die Spitze einer auch international sehr wichtigen Kultureinrichtung geschafft haben. Sehen Sie sich als Vorbild für junge Frauen?

Es war keine Lebensplanung von mir. Meine Kinder sind noch in die Volksschule gegangen, als ich bestellt wurde. Aber es war kein Zufall, dass mich eine Frau, die damalige Kulturministerin Claudia Schmied, gefördert hat. Mein Mann hat mich auch bestärkt, diese Chance zu ergreifen. Vieles war natürlich neu für mich, wie die Verantwortung für über 700 Mitarbeiter*innen.

Als Generaldirektorin habe ich viele Rückmeldungen bekommen, dass ich Vorbild für junge Frauen sei. Dadurch ist mir erst bewusst geworden, wie wichtig es ist, anderen Frauen Mut zu machen, sich etwas zuzutrauen und selbstbewusst aufzutreten.

In den acht Standorten des KHM-Museumsverbands versuche ich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Man muss natürlich auch die Väter mit in die Pflicht nehmen und so haben wir unter anderem einen Papamonat eingeführt.

Was würden Sie jungen Frauen raten?
Es ist wichtig, dass Frauen ihre Ausbildung abschließen, um ein eigenständiges Leben führen zu können. Es gibt auch ein Leben nach den Kindern. Alles unter einen Hut zu bringen, muss man wollen. Zuerst schaut man, dass alles in der Familie und im Beruf gut klappt – die eigenen Bedürfnisse muss man dabei leider zurückstecken.

In unserem Museumsverband gibt es eine gleichwertige Bezahlung. Das Verhältnis von Frauen und Männern in Führungspositionen wechselt, einmal sind es mehr Frauen dann wieder mehr Männer. Am wichtigsten ist mir die Qualifikation – die oder der Beste soll den Posten bekommen. Ich arbeite am liebsten mit gemischten Teams.

Was halten Sie von einer Frauenquote?

Ich halte eine Quote noch immer für wichtig. Niemand will eine Quotenfrau sein, aber wir werden eine Quote noch länger brauchen, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, wo niemand mehr darüber nachdenkt. Leider sind ­Frauen noch immer nicht so selbstbewusst wie Männer und trauen sich letzten Endes oft die Aufgabe nicht zu.

Wie geht es einem Museum in Zeiten von Corona?
Wir haben sofort die notwendigen Gesundheitsmaßnahmen umgesetzt, um unsere Mitarbeiter*innnen und Besucher*innen zu schützen. Ich traue mich zu behaupten, dass die Museen gesundheitsmäßig die sichersten Orte sind.
Die zunehmende Passivität lässt das Gehirn austrocknen und lähmt die Menschen. Die Kunst erzählt vom Menschen. Sie zeigt, dass es diese Probleme, mit denen wir jetzt verstärkt konfrontiert sind – wie Naturkatastrophen, Pandemien, Klimawandel –, immer schon gegeben hat. Alles, was uns jetzt so beschäftigt, zeigt uns die Kunst seit Anbeginn.

Wie wird sich die Museumszukunft gestalten?

Für die Zeit nach der Pandemie haben wir Konzepte ausgearbeitet, um startbereit zu sein und keine Zeit zu verlieren. Wichtige Infrastrukturprojekte wie der barrierefreie Eingang und vieles mehr sind Investitionen in die Zukunft.
Wir haben unser digitales Angebot massiv ausgebaut, neue interaktive Formate aufgesetzt und den Social-Media-Auftritt ausgebaut. Wir wollen vermehrt auch die junge Generation ansprechen. Digital hat den Vorteil, dass man sich weltweit eine Community aufbauen kann, gleichzeitig ist es aber auch eine Frage der Ressourcen.

Wir haben den Anspruch, ein „Museum für alle“ zu sein. Deshalb lassen wir uns immer etwas Neues einfallen, wie die Eventreihe „Kunstschatzi“. Diese kommt sensationell gut an. Die jungen Menschen können bei einem Drink und DJ-Klängen die Gemälde genießen. Sie kommen normalerweise nicht aus Gewohnheit ins Museum, sondern werden durch dieses Angebot animiert, neue Wege zu gehen.
Sie sehen, dass es guttut, Kunst zu erleben, dass es emotional Positives bewirkt und einfach Freude bereitet.

Womit sollen die Menschen die Ära Haag in Verbindung bringen?
Dass in dieser Zeit das Museum weit geöffnet wurde, als Ort der Kunst, der Gesellschaft, des gemeinsamen Erlebens und positiven Austauschs. Das Museum bereichert unser Leben, wir können darauf stolz sein, die ganze Welt beneidet uns darum – es gehört uns allen!

Zur Person: Dr. Sabine Haag ist als Generaldirektorin des KHM-Museumsverbands, dem sie seit dem 1. Jänner 2009 vorsteht, bis Ende 2024 bestellt. Die gebürtige Bregenzerin studierte Anglistik, Amerikanistik und Kunstgeschichte in Innsbruck und Wien. 1990 begann sie ihre Tätigkeit als Kuratorin in der Kunstkammer des KHM in Wien. 2007 wurde sie zur Direktorin der Kunstkammer sowie der Weltlichen und Alten Geistlichen Schatzkammer berufen.

Das vielfälltige Angebot des KHM-Museumsverbands garantiert ein breits Publikum ©KHM

Höhere Mächte und Tizians Frauen

Das KHM feiert heuer seinen 130. Geburtstag. Ab 18. Mai ist die Schau „Höhere Mächte – von Menschen, Göttern und Naturgewalten“ zu sehen. Die Frühjahrsausstellung 2021 erzählt anhand der einzigartigen Bestände des Kunsthistorischen Museums, des Weltmuseums Wien und des Theatermuseums von der Hinwendung zu höheren Mächten in den verschiedensten Kulturen und Epochen.
Ab 5. Oktober folgt die mit Spannung erwartete Geburtstagsausstellung „Tizians Frauenbild. Schönheit – Liebe – Poesie“ im KHM. Im Rahmen der Altmeister-Serie im Herbst konzentriert sich die Ausstellung anhand von rund 60 Gemälden aus internationalen Sammlungen auf die Darstellung der Frau im Oeuvre Tizians (um 1488–1576) und seiner Zeitgenossen Jacopo Tintoretto, Paolo Veronese, Paris Bordone und Lorenzo Lotto.

Familienkarte

Der KHM-Museumsverband hat sein Familienangebot verstärkt. Mit der neuen Familien-Jahreskarte erhalten zwei Erwachsene mit ihren Kindern unter 19 Jahren um 79 Euro 365 Tage unbeschränkten Zutritt zu allen Museen und Standorten des KHM-Museumsverbands. Dazu gibt es eine Museumswundertüte mit tollen Überraschungen.
Geburtstagsspecial für alle: Aus Anlass des 130. Geburtstags lädt das KHM alle ein zu feiern und schenkt jedem/jeder Besucher*in an seinem/ihrem Geburtstag 2021 freien Eintritt. Ausweis erforderlich.
www.khm.at

KHM-Museumsverband

Das Kunsthistorische Museum wurde einst für die umfangreichen Sammlungen des Kaiserhauses Habsburg erbaut. Seit seiner Eröffnung 1891 zählt es zu den bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt.
Der KHM-Museumsverband als Österreichs größte Museumsgruppe wurde 1999 in die Vollrechtsfähigkeit ausgegliedert und untersteht der Aufsicht des Bundeskanzlers der Republik: Kunsthistorisches Museum, Kaiserliche Schatzkammer Wien, Kaiserliche Wagenburg Wien, Hofjagd- und Rüstkammer, Sammlung alter Musikinstrumente, Schloss Ambras Innsbruck, Ephesos Museum, Weltmuseum Wien, Theatermuseum Wien, Theseustempel Wien.
www.khm.at

After the End and Before the Beginning

Das Theatermuseum und die Gemäldegalerie präsentieren gemeinsam bis 31. Mai die Videoinstallation „­After the End and Before the Beginning“ der Theatergruppe toxic dreams. Schauspieler*innen sind im Taxi auf Miniaturbühnen zwischen Gemälden wie von Hieronymus Bosch unterwegs. Im Gespräch mit dem Chauffeur entstehen auf der Fahrt durch Wien fiktionale Vorgeschichten oder Fortschreibungen von neun ikonenhaften Figuren der Theaterliteratur wie Hamlet und Lady Macbeth. Die virenfreie Präsentation ist in Zeiten von geschlossenen Bühnen ein künstlerisches Highlight für das Museum, die Theatermacher*innen und natürlich das Publikum. Produzentin Kornelia Kilga ist die wunderbare Büronachbarin von „der Achte“ im Ludo-Hartmann-Hof. Für Text und Regie zeichnet ihr Mann Yosi Wanunu verantwortlich.
www.theatermuseum.at, toxicdreams.at


Ausgabe 01/2021