Schillernde Klangfarben

Seit 2013 lebt die taiwanesische Musikerin Chiao-Hua Chang im achten Bezirk. Mit Eldis La Rosa & Colores hat sie jüngst das Album „Tiptoe Walking“ veröffentlicht.

Von Rainer Krispel

Zum Titel dieses schönen Stücks Musik – „Zehenspitzen-Gehen“ – mit 16 Kompositionen des aus Kuba stammenden, leidenschaftlichen Josefstädters Eldis La Rosa passt eine der Qualitäten, die Chiao-Hua Chang ihrer unmittelbaren Wahlheimat zuschreibt: die Ruhe. Gepaart mit gleichzeitiger Lebendigkeit und kultureller Vielfalt hat sich ihr diese schon bald beim Spazierengehen in der neuen Nachbarschaft – vorbei an der Kirche Maria Treu, am Theater in der Josefstadt und weiter – erschlossen. Mit ihrem Mann, einem Komponisten, ist sie nach anfänglicher Fernbeziehung längst gut hier angekommen. Unser Telefonat fand rund um das chinesische Neujahr statt, dem Übertritt ins Jahr des Büffels. Was die Erhu-Virtuosin und Lehrerin – ihr gern als „chinesische Geige“ bezeichnetes Instrument ist, wie sie anmerkt, eigentlich mongolischen Ursprungs – unter anderen Umständen mit einem kleinen Fest mit Freunden und Freundinnen gefeiert hätte.
Auch „Tiptoe Walking“ von Eldis La Rosa (Saxofon, Flöte, Perkussion, Stimme), Igor Gross (Vibrafon, Stimme), Victoria Kirilova (Kontrabass, Stimme) und Chiao-Hua (neben der Erhu greift sie zur Pferdekopfgeige und lässt ihre Stimme erklingen) hätte um den Erscheinungstermin dieser Ausgabe herum unter reger, „echter“ Publikumsbeteiligung im Porgy & Bess präsentiert und gefeiert werden sollen. Das alternative Live-Streamingkonzert am 4. März tut gewiss der Qualität und Faszination der Musik keinen Abbruch, aber, wie die Künstlerin mit Bestimmtheit formuliert: „Der Sinn eines Konzerts liegt im Hier und Jetzt, right now and right here.“ Davon konnte man sich Ende Februar auch im „Kulturmontag“ überzeugen.

Glücklicher als der verhinderten Konzertverliebten und unser aller Qual durch das Virus war der Weg hin zu ihrem Instrument. Die Musikerin hatte in Taiwan eigentlich Chemie studiert, bevor „viele schöne Fügungen“ und „eine unsichtbare Linie“ zu ihrer intensiven Beziehung mit der (Zwei-)Saiten-Röhrenspießlaute führten. Fügungen und eine Linie, die sich im Achten durch das Spielen mit Hans Tschiritsch fortsetzen – diesem so vielfältigen Musik-Champion, dessen Kunstverein Klangwerk sich in der Laudongasse entfaltet und der auch in der Biografie des vor über zwei Jahrzehnten glücklich hier gelandeten und stets im Bezirk an seiner Musik arbeitenden Eldis La Rosa eine wichtige Rolle spielt.

Dieser formiert nicht nur als Kubaner mit seiner jüngsten Formation einen Kärntner (Igor Gross), eine Bulgarin (Victoria Kirilova) und eben Chiao-Hua Chang zu einem Klasse-Quartett, sondern findet dabei auch zu einem warmen, klaren Sound, in dem die vertrauten und erforschten Klangkulturen, die instrumentalen Eigenheiten und Fähigkeiten aller Beteiligten Raum haben und gleichzeitig auch eine subtile kompositorische Handschrift zu hören ist. Die Möglichkeiten von Jazz und Weltmusik und die Haltung offenen Interesses an anderen Kulturen verstehen im Wortsinn zu verzaubern und machen „Tiptoe Walking“ ohne prätentiösen Exotismus zu einem fließenden Klang-Genuss der tatsächlichen Weltstadt Wien.

▶ Eldis La Rosa & Colores: „Tiptoe Walking“, Jazzbarn Recordings, distributed by Preiser Records. www.eldislarosa.com


Ausgabe 01/2021