Sound of Josefstadt

„Vienna Calling“ rief Falco inmitten der 1980er-Jahre mit einem seiner prägnantesten Hits in die weite Welt. Der gute Ruf der Musikstadt Wien erfährt nicht erst seither in Wellen, aber beständig immer wieder wertschätzende grenzüberschreitende, gar globale Beachtung. Die klingende Millionenstadt selbst tanzt ebenso regelmäßig leidenschaftlich und ausdauernd Walzer mit ihrer geliebten „Wiener Musik“. Deren beeindruckende Bandbreite reicht von Klassik, Oper und Operette über den Boom der elektronischen Downtempo-Musik der 1990er bis zur jüngsten Pop- und Dialekt-Renaissance, Jazz und Weltmusik ganz gewiss nicht zu vergessen. Der Klang dieser Stadt ist definitiv Vielfalt und 1080 Wien historisch und aktuell – gerade in diesen sehr speziellen Zeiten – eine überaus gute Wohnadresse genau dieses kulturellen Reichtums. Eine assoziative Bezirksrundschau durch den sommerlich klingenden Achten zum weiterführenden Nachspüren und Anhören. Hören Sie mit!

Text: Rainer Krispel

„Dein ist mein ganzes Herz! Wo du nicht bist, kann ich nicht sein. So, wie die Blume welkt, wenn sie nicht küsst der Sonnenschein!“, schrieb der in der Josefstadt wohnhafte Librettist Fritz Löhner- Beda für die Operette „Das Land des Lächelns“. Ein Gefühl, das die Musikschaffenden – während der Corona-Krise getrennt von ihrem Publikum – nur allzu gut nachvollziehen können.

„Sicher kann ich Ihnen gar nichts sagen“ lässt uns Barbara Sawka wissen. Bei ihr laufen die organisatorischen Fäden der „8. Weltreise der Musik“ zusammen, die 2020 mit einer Vielzahl von Auftritten in verschiedenen (Geschäfts-)Lokalen des Bezirks Anfang Juni nicht stattfindet. Der „Gürtel Nightwalk“, mit Open-Air Bühnen bei Chelsea, rhiz, B72 und Loop (allesamt mit 1080 im Briefkopf) ist vom letzten August-Samstag auf den 11. September gewandert. Sollte er nicht stattfinden, liegt es bestimmt nicht an der Datumsgleichheit mit jenem Ereignis, das 2001 die Welt so nachhaltig im Griff hatte und veränderte wie das Virus 2020.

Wir haben das Wienerlied!

Konzerttermine und Erscheinungstermine von Tonträgern spielen im Musiker*innen-Leben eine zentrale Rolle. Mit Proben und Aufnahmen die wichtigsten Kalender-Einträge, das Vokabular wandelt sich dabei zu Absage, Verschieben und Planungsunmöglichkeit. Ohne jetzt den Blues oder den Fado zu bemühen – wir haben das Wienerlied! –, ist es aber eine ursächliche Qualität von Musik, dass sie aus Unerträglichem schöpft, in ihr aus ungünstigen Umständen Schönheit erwächst. Es ist kein Klischee, dass Musiker*innen selbst in schweren Zeiten Wege finden, zu spielen, zu sin- gen und gehört zu werden. (Was an der Notwendigkeit konkreter politischer und gesellschaftlicher Unterstützung für Musiker*innen nichts ändert.) Womöglich sind Sängerin Sandra Pires und Gitarrist Jonas Skielboe bei der Anreise zum im Mai gespielten Veloconcert im Garten der Senioren Residenz Josefstadt (ein Lastenrad ermöglicht Konzerte im öffentlichen Raum, www.veloconcerts.com) am Café Hummel vorbeigefahren und haben dabei Christina Hummel, Besitzerin des Traditionscafés, singen gehört – sie übte vielleicht ihre Version des Marlene-Dietrich-Klassikers „Sag mir, wo die Blumen sind“, später aufgenommen als Hinweis auf die Initiative „Rettet die Gastronomie, sonst stirbt das Herz unserer Kultur“.

Jelena Poprzanist, Gottfried Gfrerer

Jelena Popržan und Gottfried David Gfrerer

Verfügbarmachen von Konzerten im Netz

Musik zu hören, sich mit ihr auseinanderzusetzen, nicht zuletzt mit der eigenen oder dem Instrument, ist für viele Musiker*innen eine positive Option des Lockdowns. Dabei teilen viele Gesprächspartner*innen die Skepsis oder Ambivalenz bezüglich des Ausweichens ins Streaming oder anderes Verfügbarmachen von Konzerten im Netz. „Nicht das, was es sein könnte“, meint Marco Kleebauer, als Produzent von Bilderbuch und Oehl in der Top-Liga des aktuellen Pop-Geschehens unterwegs, der als eine Hälfte des Duos Leyya 2017 und 2018 mit einem Amadeus Award ausgezeichnet wurde. Er bezieht sich auf Sound- und Bildqualität, die so unterschiedlichen technischen Gegebenheiten von Sender*innen und Empfänger*innen. Wenn, dann würde er mit einem durchkomponierten, voraufgezeichneten und bearbeiteten Live-Set das Format Internetkonzert nutzen wollen. Vor sieben Jahren aus Eferding/OÖ in den Bezirk gezogen, lebt er sehr gerne hier, weiß die Ruhe zu schätzen, die den für seine Arbeit so wichtigen Ohren guttut.

„In der Lerchenfelder Straße wohnen wir ja in der Bronx der Josefstadt“, kokettiert Sänger und Gitarrist Martin Spengler pointiert– eine Qualität, die auch seine Texte auszeichnet – mit dem Ruf der allzu ruhigen oder dörflichen Josefstadt. Gleichzeitig genießt er die kompakte Umgebung mit überschaubaren Wegen und ist sich des Privilegs bewusst, als Lehrer über ein zweites existenzsicherndes Standbein zu verfügen. Oder in der Lage zu sein, ein Team der ORF-Kultur für einen Beitrag über das von Martin Spengler & die foischn Wiener veröffentlichte dritte Album „Es könnt oba a ois gaunz aundas sein“ (Präsentationskonzerte: abgesagt!) in den Innenhof-Garten einzuladen. „Ich spiele viel Gitarre, schau mir alte Sachen an … das kommt, das Solo-Album!“ Spengler strahlt ansteckende Gelassenheit aus. Die teilt er mit dem unweit lebenden Gottfried Gfrerer, der Ende 2018 sein künstlerisch zwingend gelungenes viertes Album „Polychrome“ veröffentlichte und – von Gelassenheit war die Rede – ohne Druck an neuen Liedern arbeitet: „Ich singe einfach so vor mich hin.“ Gfrerer und Spengler spielen gelegentlich gemeinsam, ein Konzert in der musikaffinen Buchhandlung Lerchenfeld etwa, für Insider*innen die inoffizielle Bob–Dylan-Dependance Wiens. Oder einen nicht minder erinnerungsträchtigen Auftritt im Vogelkeller der Frommen Helene bei Friedl Preisls Musikalischem Adventkalender. Der 8.12. wäre 2020 wieder Gfrerers Termin in seinem Bezirk. So Corona will.

Schuberts Winterreise

Er bringt Kollegen Andreas Fasching ins Spiel, der sich aus Niederösterreich stammend an ein Konzert Ende der 90er Jahre mit der Folkband Graymalkin im Tunnel erinnert. Seit gut zwei Jahrzehnten ist er begeisterter Josefstädter. Über die vermeintliche Novität von Musik im Netz,  Streaming oder gemeinsames Spielen via Konferenzschaltungen schmunzelt Fasching, ist mit dem Thema als Musik- Lehrender befasst. „Da ist schon eher Künstliche Intelligenz, ihre Auswirkungen auf Musik ein Thema“ sagt er. Die eigene als „Kuchlradio“ hat er zurückgefahren, dafür gibt es über www.kuchlradio.at handgenähte Gesichtsmasken. Kreativ arbeitet Fasching an der Adaption von Schuberts Winterreise mit Dialekttexten. Schubert gehört auch zum Repertoire der Cellistin und Singer/Songwriterin Marie Spaeman, seit 1 ½ Jahren wieder im Bezirk ansässig. „Gap“ ist ihr eindrucksvolles Solo-Debüt, dessen zweite Auflage sie dieser Tage geliefert bekam. Trotz 25 (!) abgesagter Konzerte schätzt sie sich glücklich in den Web Live-Foren von Konzerthaus, Porgy & Bess und Rabenhof gespielt zu haben, die Wiener Festwochen drehten einen Trailer für das abgesagte Eröffnungskonzert. Sie besteht dabei darauf, dass die Technik von den Häusern kommt. Im Bewusstsein der unguten Implikationen der Krise sind Marie diese Tage dennoch Gelegenheit, „in meinem Leben anzukommen, inspiriert zu werden, ich habe auch so viel Zeit, dass sich alles ausgeht“. Zeit ist immer ein Faktor für Jelena Popržan, wie Spaemann begnadete Vielspielerin, mit Bratsche und Stimme als Solokünstlerin, Band- und Theatermusikerin mitunter hyperaktiv, selbst jetzt. Sodass ihre Wohnung im Achten mehr Rückzugs- und Aufbruchsort ist als alles andere. Mit „La Folia“ legte sie im Februar ein substanzielles Album vor, die formelle und inhaltliche Vielfalt fasziniert. Ein Konzert fürs Netz im leeren Porgy & Bess genoss sie vom Spielen her sehr, ungewohnt die Nicht-Kommunikation mit dem abwesenden Publikum. Die politische Musikerin treiben beim Reflektieren Gedanken über das Versammeln der Menschen um.

Konzertant mit Abstand

Peter Edelmann, Intendant der Seefestpiele Mörbisch und Professor an der Musikuniversität hat sich die Hofkonzerte in der Josefstadt einfallen lassen. Er gibt so jungen klassischen Musiker*innen, während des lahmgelegten Kulturbetriebs aufgrund von Corona, die Chance mit Abstand in einem der wunderschönen Innenhöfe live aufzutreten und dabei auch Geld zu verdienen. Die Gage setzt sich aus einer Förderung des Bezirks, der Otto Edelmann Society und Spenden des Publikums zusammen. Das Publikum genießt das Konzert an den umliegenden Fenstern und Balkonen oder im jeweiligen Hof. Manchmal dringt eine Arie, ein Libretto sogar bis auf die Straße.

Wann und wo ein Konzert stattfindet ist auf www.facebook.com/Hofkonzerte ersichtlich.

Doch Psst!, aus Richtung Hummel klingt etwas herüber … das Saxophon des kubanischen Saxophonisten Eldis La Rosa?! Der Sound Of Josefstadt ist nicht zu überhören …. „Dein ist mein ganzes Herz! Wo du nicht bist, kann ich nicht sein.“

 

CD-Empfehlungen

Gottfried David Gfrerer: „Polychrome“
Das (auch) Innehalten in der derzeitigen Krise hilft vielleicht mit dem verbreiteten Irrtum aufzuräumen, dass Musik wie ein verderbliches Gut um jeden Preis frisch zu konsumieren wäre oder gar ein Ablaufdatum habe. Ende 2018 erschienen ist dieses Album eine immer neue Entdeckung mit zwölf Liedern. Eine unprätentiöse und klare Musik, aus Folk- und Roots-Einflüssen formuliert, mit der Ausnahme-(Resonator-)Gitarrist Gfrerer als Sänger seine ganz eigene Form des Geschichtenerzählens findet – die von der eröffnenden Erkenntnis „It’s All Water Under The Bridge Now“ bis zur abschließenden, tatsächlichen Lebenshilfe „Don’t You Die Until You’re Dead“ nachhaltig zu berühren und intelligent zu unterhalten versteht und dabei auf ihre ganz eigene Art „swingt“ (nicht im Sinne des Genres).
www.gottfriedgfrerer.at (Lili Records)

Martin Spengler & die foischn Wiener: „Es könnt oba a ois gaunz aundas sein“ 
Es ist eine der Errungenschaften von Wien und des Achten, dass so viele ausländisch und inländisch hierher aufgebrochene Menschen Bild, Leben und Klang dieser Stadt mitprägen. Wie der in Oberösterreich in die Welt gekommene Martin Spengler, der mit seinem Quartett seit dem Debüt „die liebe, da dod und die aundan gfrasta“ (2012) substanzielle Beiträge zur Wiener Musik liefert. Das dritte Album „ „Es könnt oba a ois gaunz aundas sein“ ist eine weitere Sternstunde! Die Musik klingt und fließt mit großer Souveränität, präzise, zärtliche und aufrichtige (Alltags-)Poesie kommt einem ganz nahe. Dass beim meister- lichen Besingen von Romantik, Liebe und privatem Glück das Bewusstsein durchklingt, dass es „ohne Biedermeier keinen Vormärz gegeben hätte“, macht diese Musik noch stimmiger. Das Cover stammt auch dieses Mal wieder vom Josefstädter Multitalent Helmut Pokornig.
www.martinspengler.at

Leyya: „Sauna“
Sauna“, das 2018 veröffentlichte zweite Album von Sophie Lindinger und Marco Kleebauer als Leyya, lohnt auch 2020 den Besuch. Avancierte Pop- musik mit elektronischen Mitteln, bei der die große Lust an Sounds und Beats – von den Beats per Minute her meist eher langsam, dabei aber durchaus tanzbar – und Soundscapes nie die einzelnen Stücke überfrach- tet. Lindigers Stimme und Lyrics nehmen einen mit durch schlicht „geile“ Songs wie „Zoo“ oder „The Heat“. Kein Wunder, dass Leyya zweimal mit dem Amadeus Award geehrt wurden und als Live-Act bei internationa- len Festivals reüssier(t)en. Weiters empfehlenswert: Lindingers Gitarren- Supergroup My Ugly Clementine mit dem Album „Vitamin C“ (Ink Music), Leyya-Partner Kleebauer war beim Aufnehmen der Drums beteiligt.
www.leyya-music.com (Las Vegas Records)

Marie Spaemann: „Gap“
Spaemann, versierte Cellistin, Sängerin und Songwriterin, hat ihr erstes Solo-Albums sehr genau konstruiert. Dabei ist es eine der Leistungen von „Gap“, wie die Musikerin mit ihren reduzierten Mitteln – zusätzlich kommen Loops zum Einsatz, der Sound ist maximal „unmittelbar“, vermeintlich spar- sam produziert – einen Sog entwickelt, der einen in Songs wie „Fire“ oder „Lovesong“ geradezu hineinzieht. Jede Phrasierung, jede Note wiegt und erzählt. Eine Perle aus fremder Feder ist „Prelude“ von Gaspar Cassadó, einem spanischen Komponisten und Cellisten – erstaunlich, wie es die gelernte „Klassikerin“ Marie Spaemann dazu versteht, zwei Stücke von Bach in den Kontext von „Gap“ einzubauen, ohne dass diese Fremdkörper werden. Advanced Pop der Extraklasse!
www.mariespaemann.com (Anthropoet)