Spiel mit dem Feuer

Gajus Stappen brennt für seine Musik. Der Mann mit der auffälligen Frisur ist ein echtes Josefstädter Urgestein.

Von Norbert Aschenbrenner

Hineingeboren in bürgerliche Verhältnisse Anfang der 1960er-Jahre, wuchs er im Blumengeschäft seiner Familie auf und hat den Achten nur kurz in seinen Sturm- und Drangjahren verlassen. Den Blumenladen in der oberen Josefstädter Straße – heute befindet sich dort eine Papierhandlung – hatte dereinst schon seine Großmutter mit ihrer Witwenrente nach dem im Krieg gefallenen Großvater, einem k. u. k. Offizier, erstanden.

Als Kind durchlief er die grätzelüblichen klassischen Stufen mit Piaristenkindergarten, Piaristenvolksschule und als Ministrant in Maria Treu. Dass er dann ins Schottengymnasium wechselte, weil das Piaristengymnasium zu wenig katholisch war, kann man als erste Zäsur in seinem Leben werten. Immerhin hat er dann in Religion maturiert. Im Schottengymnasium, einer katholischen Privatschule, die eigentlich auf irische Mönche zurückgeht, bekam er seinen Spitznamen Gajus und merkte auch bald, dass er womöglich einen weniger bürgerlichen Lebensweg einschlagen würde, denn während alle Mitschüler Lodenmäntel trugen, griff er zur Nato-Jacke.

Die Eltern hatten längst auch zwei Wohnungen im Hoftrakt hinter dem Geschäft. Eine davon bewohnt er heute noch und vielleicht liegen auch noch Glenn Miller und Richard Wagner, die sein Vater gerne hörte, in der Luft. Musikalisch sozialisiert hat ihn hingegen der große Bruder, der ihm die Platten von Jimi Hendrix und Ten Years After vorspielte. Von diesem Moment an wusste er, dass die Stromgitarre sein Leben bestimmen würde.

Früh begann er in vielen Bands mitzuspielen, einige gründete er selbst. Kein Zufall war, dass seine erste WG in der Nähe des Lokals Roter Engel im 1. Bezirk lag. Damals in den frühen Achtzigern bestand das „Bermudadreieck“, Anziehungspunkt für Heerscharen hoffnungsfroher Jugendlicher, lediglich aus den beiden Institutionen Krah Krah und Roter Engel. Während die einen im Krah Krah daran arbeiteten, herauszufinden, welches Bier das beste war, taten die anderen im vis-à-vis gelegenen Roten Engel genau dasselbe, allerdings mit Wein und Livemusik. Ebendort begann auch Gajus’ Karriere.

Da spielte er unter anderem mit Werner Eichhorns Käpt’n Echo und der Formation Macho Blue, die sich aufgrund der phonetischen Nähe zur Mojo Blues Band Ärger mit deren Frontmann Erik Trauner – ebenfalls ein Josefstädter Urgestein – einhandelte. Macho Blue spielte auch im Papas Tapas sowie, naheliegend, im ehemaligen G-Punkt in der Stolzenthalergasse. Einige Zeit verbrachte er auch in der Formation von Erwin Bros. Daneben arbeitete Gajus, der mit bürgerlichem Namen Heinrich Herbert Stappen heißt, auch als Tontechniker. Das hilft natürlich im Bandalltag. Seinen niederländischen Nachnamen verdankt er übrigens seinem Großvater, den es einst von Flandern nach Gloggnitz verschlug.

Es gab Projekte mit Jazz Gitti und Andi Lee Lang sowie Videodrehs mit Boris Bukowski. Trotzdem war er ständig auf der Suche nach seinem persönlichen Musikstil. Fündig wurde er mit Hilfe einer dudelsackspielenden Freundin. Er kombinierte das Klangerlebnis der Great Highland Bagpipe mit Trommeln und seiner E-Gitarre. Das Ergebnis sprach für sich, war sofort erfolgreich und wurde über die Jahre verfeinert.

Unter dem Namen Celtica bereiste er ab 2009 beinahe die ganze Welt und stieß überall auf begeistertes Publikum. Celtica spielte große Tourneen in den USA und Deutschland. Konzerte auf Hawaii und beim Metalfest in Wacken speisen schöne Erinnerungen. Nach zehn intensiven Jahren verblieb ein Teil der Band in Amerika, wo sie auch weiterhin auftritt. Gajus hingegen saß nicht untätig in seiner Josefstädter Wohnung, sondern entwickelte das europäische Original weiter. Man nehme zwei Dudelsackgrößen aus Schottland und Mexiko sowie einen Kärntner Schlagzeuger, füge einen Gitarrenrocker hinzu – und fertig ist „Celtica – Pipes Rock!“.

der Sänger Gajus Stappen lächelt bei einer Tasse Kaffee in die Kamera, das zweite Bild zeigt ihn und einen Kollegen auf der Bühne mit brennenden Dudelsäcken

Gajus Stappen (re.) © Mario Lang

Kaum gegründet, spielten sie auch schon in Indien und halb Europa war durchgeplant – als ihnen die Pandemie gnadenlos die Hände in die (Rock-)Schöße legte. Liveauftritte mit den damit verbundenen CD-Verkäufen vor Ort sind die Haupteinnahmequellen aller Musiker ohne festes Engagement. Von gut 40 Auftritten pro Jahr vor der Krise schrumpften sie auf 8 in den letzten zweieinhalb Jahren. Man kann also erahnen, wie schwer es Gajus und die Seinen trifft. Zur Illustration ein paar Zahlen: Aus 40 Videos auf YouTube mit 12 Millionen Views in zwölf Jahren lukrierte seine Band bislang 600 Dollar. Inklusive Werbung! Davon kann man sich nichts kaufen.

Auch wenn der Friedenszins von Gajus’ Wohnung die ärgste Not lindert, rechnet er damit, wegen Corona mindestens drei Jahre länger für seine Pensionierung arbeiten zu müssen. Die Pension wird er dann aber selbstverständlich in seiner geliebten Josefstadt verbringen, wo seine Karriere bereits im Schulchor und bei den Sternsingern begann und wo er im Geschäft der Großmutter Radfahren lernte. Mit dem Rad fährt er immer noch so oft wie möglich, so auch zu unserem Gespräch im Café Eiles. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sein eigentliches Stammlokal das Hummel ist. Ins Theater zieht es ihn hingegen nicht so sehr, obwohl er mit Prinzipal Föttinger in der Matura-Klasse saß.

Wegweisend war für ihn auch die Tüftelei an pyrotechnischen Effekten für die Bühnenshow von Celtica. Da brennen schon mal die Bordunpfeifen der Dudelsäcke und die Sticks der großen Trommeln. Damit die dadurch nicht in Flammen aufgehen, hat er auch mit Kevlar-Trommelfellen experimentiert und die Hitze über den Trommeln ließ gelegentlich auch die Feuermelder anschlagen – während des Konzerts.

Seinen schönsten Abgang von der Bühne verdankt Gajus auch der Pyrotechnik: als nämlich der Schlauch der Gasflasche auf seinem Rücken platzte und explodierte und er sich plötzlich im Publikum auf dem Boden wiederfand. Stage-Diving Marke Stappen!

▶ Neugierig? Na dann, ansehen! Laufend aktualisierte Tourdaten auf: www.celticarocks.com