Tatort Josefstadt

2020 ist das große Austro-„Tatort“-Jubiläumsjahr – 50 Jahre „Tatort“, 50 Fälle Moritz Eisner und 10 Jahre Bibi Fellner. Seit Ausbruch der Corona-Krise steht die heimische Filmbranche still, auch der „Tatort Wien“ ist davon betroffen. Mitte März mussten die „Tatort“- Dreharbeiten zur Folge „Unten“ unterbrochen werden. Man hatte in der Josefstadt gerade drei Tage lang im und um das legendäre Café „Anno“ gedreht. Damals schien noch der leichte Regen der größte Feind von Fellner und Eisner zu sein – eine Woche später hieß er Corona.

Für Harald Krassnitzer steht der 50. Fall als Moritz Eisner auf dem Drehplan und für Adele Neuhauser ist „Unten“ der 25. ORF-„Tatort“ in ihrem zehnten Drehjahr als Bibi Fellner.

Auf Spurensuche im TV geht das Wiener Ermittlerduo heuer in den beiden Krimis „Pumpen“ und „Krank“. „der Achte“ hat sich ebenfalls auf Zeugenbefragung begeben – natürlich in der Josefstadt.

Coronafrei verliefen 2019 die Dreharbeiten zu „Pumpen“, dem „Tatort“-Drehbuchdebüt von Robert Buchschwenter und Karin Lomot. Auch hier gab der achte Bezirk als Location sein Bestes.

Ein Wiener Krimi ohne Würstelstand ist wie ein Mord ohne Leiche – und so wurde der Würstelstand in der Pfeilgasse groß in Szene gesetzt. Dieser wurde heuer überdies zu einem der drei belieb- testen Würstelstandln der Stadt gekürt.

„der Achte“ traf – coronazeitgemäß mit gebührendem Abstand und open air – bei besagtem Würstelstand zwei „Tatort“-Drebuchautoren zu einer kurzen Einvernahme, die beide eine ganz besondere Beziehung zur Josefstadt hegen: Robert Buchschwenter, der für die Wiener Folge „Pumpen“ verantwortlich zeichnet, und Lorenz Langenegger, der in Zürich nach Mördern suchen lässt.

Die Pfeilgasse ist Buchschwenter sehr vertraut – er fährt auf der Josefstädter Hauptradroute täglich mit dem Fahrrad. „Natürlich hat man die Drehorte schon beim Schreiben im Kopf, und wie der Wiener Würstelstand poppen Locations auf, die man gut kennt. Die Josefstadt ist mir nicht nur deshalb sehr vertraut, weil ich sie täglich (mehrmals) durchquere, sondern auch, weil hier ein ganze Menge Freunde von mir wohnen“, so der gebürtige Südtiroler.

Lorenz Langenegger ist mit seiner Partnerin vor über zehn Jahren aus der Schweiz nach Wien gekommen: „Wir hatten in der Stolzenthalergasse unsere erste Wohnung.“ Heute hat der Schweizer „Tatort“-Schreiber seine „Arbeitswohnung“ in der Josefstadt. Für einen „Tatort“-Autor standesgemäß – in der Pfeilgasse.

Zwei Herren mit Bierflasche in der Hand vor einem Würstelstand

Ein Wiener Krimi ohne Würstelstand ist wie ein Mord ohne Leiche: Robert Buchschwenter und Lorenz Langenegger

Im Studentenheim in der Pfeilgasse 3a gegenüber dem Würstelstand wurde mit der Folge „Her mit der Marie“ ab dem Jahr 2017 in der alten Mensa das Kommissariat eingerichtet. Doch damit ist es nun vorbei, denn das über 50 Jahre alte Pfeilheim wird generalsaniert. Eingeprägt haben sich die Szenen mit Polizeichef Ernstl Rauter alias Hubsi Kramar, der am Dach des Kommissariats (Studentenheims) Bibi und Moritz die Leviten liest. Komparse im „Tatort“ fällt in diesem Fall wohl unter Studenten-Traumjob.

Ein Traum ist für Langenegger der Achte: „Ich liebe diesen Bezirk – diese Mischung aus bürgerlich und jung, urban.“ Wer hätte gedacht, dass mitten in der Josefstadt Schweizer „Tatorte“ entstehen? Langenegger hat gemeinsam mit Stefan Brunner, der auch lange in der Josefstadt lebte und an der Wiener Filmakademie studierte, bereits drei Luzern-„Tatorte“ geschrieben.

Die Figuren Isabelle Grandjean und Tessa Ott, das Konzept für den neuen „Tatort“ aus Zürich sowie die Drehbücher zu den ersten beiden Fällen wurden von den beiden Josefstadt-affinen Autoren entwickelt. Die ersten beiden Folgen wurden bereits im Vorjahr abgedreht und harren ihrer Ausstrahlung im Herbst 2020 bzw. Frühling 2021.

Auch Robert Buchschwenters und Karin Lomots Tatort „Pumpen“ soll voraussichtlich im Herbst gezeigt werden, wobei anfänglich ein Ausstrahlungstermin im Juni angesetzt war. Wir mutmaßen, dass es um den 10. September so weit sein wird – da feiert Harald Krassnitzer seinen 60. Geburtstag.

Interessante Insider-Gespräche ergaben sich zwischen den beiden Autoren, die sich bis zu unserem Treffen nicht persönlich kannten. Buchschwenter bekam als gefragter Dramaturg Einblicke in die neuen Züricher Ermittlerinnen- Figuren. Denn diese müssen für anschließende Folgen weiterentwickelt werden – sprich Familiengeschichten müssen weitergesponnen und die Charaktere der beiden Protagonistinnen geschärft werden. So landeten die Drehbücher der noch nicht abgedrehten Schweizer „Tatorte“ auf dem Schreibtisch des Wiener Filmemachers.

Die Redaktion von „der Achte“ findet, eine grenzüberschreitende „Tatort“-Folge, inspiriert von der Josefstadt, läge auf der Hand. Vielleicht ein Anstoß für die „Tatort“-Redaktionen in Wien und Zürich? Es wäre nicht das erste Mal, dass unterschiedliche Ermittlerteams aufeinandertreffen. Egal ob Frankfurter oder Wienerli – ein Würstelessen in der Pfeilgasse wäre dabei nicht Kür, sondern Pflicht!

Interview mit Adele Neuhauser

Für Adele Neuhauser alias Bibi Fellner ist so mancher „Tatort“-Dreh ein Heimspiel, wohnt sie doch seit über 15 Jahren in der Josefstadt.

Genießt die beliebte „Tatort“-Kommissarin die Nähe zum Arbeitsplatz?

„Für mich war es toll, wenn wir in unserem Kommissariat im Studentenheim in der Pfeilgasse gedreht haben. Ich konnte zu Fuß ins ,Büro‘ gehen, das war herrlich. Und bei längeren Pausen konnte ich zu Hause warten.“

2015 wurde Adele Neuhauser auch zur Josefstädterin des Jahres gewählt.

„Die Auszeichnung ehrt mich und hat mich auch sehr gefreut. Die Josefstadt ist ein herzlicher und entspannter Bezirk. Die Menschen sind sehr aufmerksam und freundlich. Es gibt viele wunderbare Lokale. Am Bennoplatz sitzt man herrlich unter Kastanien und am Piaristenplatz fühlt man sich fast wie in Italien.“

Wie sehr ist die Rolle der Bibi Fellner ihr persönlich ähnlich?

„Ich bin Schauspielerin und nähre mich und meine Figuren natürlich aus meinen Erfahrungen und meinem Charakter. Aber im Humor und in Bibis Empathie sind wir uns schon sehr ähnlich.“ Von Buchschwenters „Tatort“ zeigt sich Neuhauser begeistert: „Ich mochte die Folge ,Pumpen‘ – nicht nur, weil Bibi einen Freund hatte. Eine sehr spannende und auch körperlich sehr herausfordernde Folge. Bibi wird hart attackiert.“

Beim Ausbruch der Corona-Krise im März wurde in der Josefstadt gerade Bibi Fellners 25. ORF-„Tatort“ gedreht.
„Ja, wir haben bis zum 13. März drehen können und mussten dann wegen des Virus die Dreharbeiten leider unterbrechen. Ich hoffe, wir können bald unsere Folge ,Unten‘ zu Ende drehen. Einen Tag vor dem Abbruch haben wir in dem urigen ,Anno‘ gedreht, das ich vorher noch nicht kannte. Das Lokal hat wirklich ein tolles Ambiente.

Erst mal war ja nicht klar, wie lange wir unterbrechen müssen. Anfänglich fand ich es auch richtig und beruhigend, zum Schutz aller die Dreharbeiten abzubrechen. Aber es war und ist natürlich furchtbar für alle Beteiligten, für die ganze Branche. Aber es leiden ja nicht nur die Künstler, obwohl viele in dramatische Situationen geraten sind. So ergeht ja leider sehr, sehr vielen Menschen. Ich hoffe, dass wir alle bald wieder aus dieser Misere herauskommen und manche guten Aspekte des Lockdowns nicht vergessen. Die Umwelt hat tief aufgeatmet und es wäre gut und wichtig, wenn wir darauf in Zukunft achten.“

Und wie ist Adele Neuhauser durch die Corona-Krise gekommen?

„Die ersten zwei Wochen empfand ich noch als geschenkte und wohltuende Zeit, aber dann wurde es immer mühsamer. Ich bin froh, wenn es hoffentlich bald wieder losgeht!“

Und wir sind insbesondere auf die Szenen mit Bibi und Moritz in der Josefstadt gespannt.

Zusatzinfos:

„Ich war mein größter Feind“

Adele Neuhausers Autobiografie „Ich war mein größter Feind“ wurde vom Hauptverband des österreichischen Buchhandels mit dem Siegel „Goldenes Buch“ ausgezeichnet. Neuhauser ist ein Kind zweier Welten. Als ihr griechischer Vater und ihre österreichische Mutter sich trennen, beschließt die erst Neunjährige, beim Vater zu leben – eine Entscheidung, die Gefühle von Schuld und Zerrissenheit auslöst. Sie unternimmt sechs Selbstmordversuche. Seit sie im „Tatort“ einem Millionenpublikum die verletzliche und verletzte Figur der Bibi Fellner in die Herzen spielt, wird sie im gesamten deutschsprachigen Raum geschätzt und geliebt. Neuhauser blickt mit großer Offenheit zurück – und mit unbändiger Lust auf Neuanfänge blickt sie nach vorne: eine Haltung, die uns allen Mut machen kann!

ISBN978-3-7106-0090-6, Brandstätter Verlag. www.brandstaetterverlag.com

Pfeilheime des Vereins Akademikerhilfe

1918: Durch die Schaffung einer Fürsorgeabteilung der Katholischen Studentenvereinigungen sollten billige Quartiere bereitgestellt werden.

1920 wurde vom Piaristenorden das Heim in der Piaristengasse 45 gemietet. Weitere Studentenhäuser kamen dazu.

So wurde 1932 der Studentenheim-Neubau nach den Plänen von Professor Dr. Clemens Holzmeister in der Pfeilgasse 6 fertiggestellt. 1939–1945 wurden die Häuser in der Pfeilgasse 4 und 6 zu Lazaretten der Wehrmacht. 1945 folgten die russische, dann die amerikanische Besatzungsmacht. 1952 wurde das Haus Pfeilgasse 6 frei- gegeben und 1957 das Haus Pfeilgasse 4 übernommen.

1962 folgte der Ankauf der Liegenschaft Pfeilgasse 3a und 1965 der Kauf des Baugrundes für das Heim Pfeilgasse 1a.

1965–1967 wurde das Heim Pfeilgasse 3a etappenweise in Betrieb genommen. Seit 1967 ist die Akademikerhilfe auch Grundeigentümer der Pfeilgasse 4–6.

Ein Jahr später wurde das Studentenheim Pfeilgasse 1a eröffnet und die Großküche in der Pfeilgasse 3a errichtet, die 1969 den Mensabetrieb aufnahm. Derzeit wird saniert – es ist geplant, im Innenhof und in der ehemaligen Mensa mit einem Zubau bis 2023 neue Zimmer zu schaffen.

www.akademikerhilfe.at

Orte der Tat

Die Vienna Film Commission unterstützt nationale und internationale Filmproduktionen bei Dreharbeiten in Wien. Das Service steht für Filmprojekte jeder Art und Größe kostenlos zur Verfügung. Laut Film Commission wurde in den letzten fünf Jahren im Achten an folgenden Schauplätzen für den „Tatort“ gedreht:

2015: Uhlplatz bei der U-Bahntrasse; 2016: Schlösselgasse 11, Piaristengasse ggü. 44; 2017: Pfeilgasse 1–3a; 2018: Pfeilgasse 1a–7, 4–14, Josefstädter Straße 52–54, 56–60, Lerchengasse 25–27, 36, Kupkagasse 1–3; 2019: Pfeilgasse 1–3a; 2020: Lerchenfelder Straße/Stolzenthalergasse

www.viennafilmcommission.at