Uns passiert nichts

Wer an einem sonnigen Tag durch den Schönbornpark schlendert, an den fröhlich spielenden Kindern auf den Spielplätzen vorbei,

denkt wohl kaum daran, dass die Zeiten nicht immer so unbeschwert waren. Daran erinnert der Luftschutzbunker, der 1940 errichtet wurde und sich nicht zufällig in einem Park befindet: Als Mutter-Kind-Bunker bot er der Bevölkerung Schutz vor Bombenangriffen, wie sie von März 1944 bis Kriegsende 53-mal auf Wien niedergingen.

Von Norbert Mersich

Die beiden grau gestrichenen Zugänge sind unauffällig. Es öffnen sich die quietschenden Türen, deren Dichtungen teilweise noch erhalten sind, und man gelangt über eine Gasschleuse in das 750 m2 große Innere des Bunkers, der für 300 Personen ausgelegt war. Im anschließenden Maschinenraum befand sich ein Notstromaggregat und das Lüftungssystem, mit dem man bei Stromausfall händisch für Luftzufuhr sorgen konnte.

Beim „Kuckucksruf“ in den Bunker

Der Gang ins Innere ist gegenüber dem Eingangsbereich etwas versetzt, um eine allfällige Druckwelle abzuschwächen. Fluoreszierende Streifen an den Wänden dienten bei Stromausfall zur Orientierung in den Gängen. Sie wurden zwar zwischenzeitlich übermalt, schimmern aber an einigen Stellen durch. Bei abgeschaltetem Licht erzeugt dies auch heute noch eine gespenstische Stimmung.

Wie wohl ein Kind die damaligen Zeiten empfunden haben mag? Dr. Peter Warta, Zeitzeuge des Jahrgangs 1939, erinnert sich: „Wir haben in der Schönborngasse gewohnt. Das Haus hatte aber keinen geeigneten Keller, deshalb konnten wir dort nicht bleiben. Wenn die Sirenen ertönt sind, der ‚Kuckuck’, ist man in den Bunker im Schönbornpark gelaufen.“

Am Tag des Denkmals im September 2022 konnte Peter Warta (Bild) den Bunker wieder betreten: „Ich bin erstaunt, wie groß die Anlage ist, so hatte ich das nicht in Erinnerung.“

Welches Gefühl er damals gehabt hat? „Wir hatten irgendwie den Eindruck, dass uns nichts passieren wird, und zwar deswegen, weil es den Bunker gegeben hat. Als eine Bombe in einem Nachbarhaus eingeschlagen hat, hat man im Bunker nur ein bisschen was gespürt, aber das Haus war kaputt.“

Bis zu 600 Menschen harrten über Stunden aus

In 44 Räumen, die zu beiden Seiten des Ganges angeordnet sind, befanden sich ursprünglich auch Sitzgelegenheiten und Stockbetten für die Kinder. Später wurde diese Einrichtung entfernt, um Platz für bis zu 600 Personen zu schaffen, die dann – eng aneinandergedrängt – stehend drei bis vier Stunden ausharren mussten, bis Entwarnung gegeben wurde.

In den WC-Räumen sind im Boden noch die Einlassungen für die WC-Muscheln und das Pissoir erkennbar; die früheren Trennwände sind nicht mehr vorhanden. Von den Waschräumen haben sich noch die Armaturen erhalten.

Ein Lüftungssystem führte vom Gang in die einzelnen Kammern und sorgte zwar für Frischluft; dennoch ließ der Atem der zahlreichen Menschen das Wasser von den Wänden rinnen. Im Bunker herrschte Redeverbot, um den Luftverbrauch möglichst gering zuhalten. Auch zum Eigenschutz, denn man wusste nie, wer zuhörte …

Heute wird der Bunker als Depot genutzt

Marcello La Speranza und Lukas Arnold, die schon seit Jahren „lost places“ aufspüren und erforschen, haben am Tag des Denkmals, am 25. September 2022, erstmals durch die Bunkeranlage geführt und damit die interessierte Öffentlichkeit an ihrem reichen Wissen teilhaben lassen.

Heute ist die Stadt Wien Eigentümerin des Bunkers. Er wird vom benachbarten Volkskundemuseum Wien als Depotraum genutzt. Claudia Peschel-Wacha, Gesine Stern und Barbara Varga vom Volkskundemuseum Wien, haben ihr Wissen bei einer Bunkerführung weiter gegeben.

 

▶ Mehr zum Luftschutzbunker im Schönbornpark beim Forscherteam Wiener Unterwelten www.forscherteam-wiener-unterwelten.at/2022/10/19/ein-bunker-im-wandel-der-zeit


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