Unterschätzt unsere TOLERANZ nicht

Gläubig oder nicht die jüngsten Skandale der katholischen Kirche haben wohl die meisten zumindest am Rande mitbekommen.

Von Sophia Coper

In Deutschland stehen Kardinäle und der emeritierte Papst Benedikt XVI. unter Rechtfertigungsdruck, Missbrauchstäter geschützt und Straftaten vertuscht zu haben. Und als wäre all dies nicht genug, kam Ende Jänner die ARD-Dokumentation „Out in Church“ heraus: LGBTQ-Menschen berichten von der Furcht, ihre Sexualität oder Identität offen zu leben – aus Angst, ihren Job bei einer katholischen Institution zu verlieren.

In der Josefstadt hingegen zeigt sich ein anderes Bild. Als im März 2021 die vatikanische Glaubenskongregation verlauten ließ, dass homosexuelle Paare keinen Segen empfangen sollten, war man in der Breitenfelder Kirche um eine Antwort nicht verlegen: Nach einer Zoom-Konferenz beschloss man kurzerhand, die Regenbogenflagge an der Kirchenaußenwand zu hissen – als erste in ganz Österreich.

„Wir wollten ein Zeichen setzen“, so beschreibt Pfarrer Dr. Gregor Jansen die damalige Aktion. Seit mehr als acht Jahren ist der gebürtige Deutsche Pfarrmoderator in der Florianigasse 70. Rasch spürt man im Gespräch sein Anliegen, das „Wir“ in jedem Prozess zu betonen. Er habe nichts im Alleingang entschieden, sondern spreche für eine offene Gemeinde, die jeden oder jede willkommen heiße. Die größte Herausforderung sei damals nicht ein Widerstand aus den eigenen Reihen gewesen, sondern eine entsprechend große Flagge überhaupt auftreiben zu können. Ausgeholfen habe im Endeffekt das Gymnasium in der Albertgasse.

der Pfarrer, Herr Janssen, macht mit den Händen das Symbol eines Herzens

Reaktionen habe es überwiegend positive gegeben. Jansen erzählt von Standing Ovations nach der Messe, von gerührten alten Ehepaaren und von begeisterten Mails, deren Verfasser:innen die Flagge aus der U6 erspäht hatten. Trotzdem hat die heile Welt der Josefstadt auch ihre schmutzigen „Risse“: Im April 2021 wurden vor dem Volkskundemuseum und dem Bezirksamt Regenbogenflaggen heruntergerissen und teilweise sogar in Brand gesetzt. „Eigentlich sollte unsere Flagge nur zwei Wochen hängen, aber als Reaktion darauf haben wir sie extra länger oben gelassen.“ Heruntergenommen wurde die Fahne schlussendlich aus praktischen Gründen: Nicht wirklich witterungsbeständig, sollte sie nicht komplett zerstört an das Gymnasium zurückgehen.

Wer an eine internationale und diverse Josefstadt denkt, dem fällt wahrscheinlich nicht direkt eine der drei katholischen Pfarren Breitenfeld, Maria Treu und Alser Vorstadt ein. Dabei steht in keiner Kirche am Sonntag ein Österreicher auf der Kanzel: Die jeweiligen Pfarrvorsteher stammen aus Deutschland, Polen und Kamerun. Zudem versammelt sich regelmäßig eine große indische Gemeinde in der Florianigasse.

Noch ein paar Worte zur Josefstadt gefällig? „Man kennt sich, man sieht sich, man schaut aufeinander.“ Einmal auf die Straße getreten, so Jansen, treffe er fast immer Menschen, mit denen er ins Gespräch komme, er schätze den dörflichen Charakter und habe eine „Beheimatung“ hier gefunden.

Die öffentliche Debatte um die katholischen Würdenträger wird wohl noch eine Weile andauern – und hoffentlich die von vielen lang ersehnte Erneuerung mit sich bringen. Die Regenbogenflagge an der Pfarre Breitenfeld relativiert nicht, was an anderer Stelle passiert ist. Dennoch zeigt sie eindringlich, dass Kirche mehr ist als ihre Institution. Am Ende sind es die Gemeinden vor Ort, die eine Anlaufstelle für die Menschen darstellen. In der Pfarre Breitenfeld ist die Flagge zwar abgehängt – das Tor steht aber weiterhin für alle offen.

▶ Pfarre Breitenfeld. 8., Florianigasse 70. www.breitenfeld.info


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