Vor Schand und Noth gerettet?!

Das Bezirksmuseum Josefstadt präsentiert eine Ausstellung zum Wiener Findelhaus, der Gebäranstalt und den Matriken der Alser Vorstadt.

Von Anna Jungmayr (Curatorial Fellow in der Stabstelle Bezirksmuseen im Wien Museum)

Wo heute die Lange Gasse in die Alser Straße mündet, befand sich von 1788 bis 1910 ein stark frequentiertes Gebäude: das Wiener Findelhaus. Hier wurden Kinder abgegeben, deren ledige Mütter nicht für sie sorgen konnten – dabei handelte es sich um ein Massenphänomen, wie die Historikerin Verena Pawlowsky erklärt: „In manchen Jahren des 19. Jahrhunderts ging ein Drittel der in Wien geborenen Kinder diesen Weg: von einer ledigen Frau zur Welt gebracht, im Wiener Findelhaus abgegeben.“ In weiterer Folge wurden diese Kinder meist aufs Land vermittelt – wo sie ihren Pflegefamilien ein zusätzliches Einkommen brachten und häufig sozial ausgegrenzt wurden.
Das Findelhaus wurde unter Joseph II. 1784 als Teil des Allgemeinen Krankenhauses gegründet, um Kindsmorde und Abtreibungen zu verhindern und die Kinder- und Säuglingssterblichkeit zu reduzieren. Gleichzeitig waren Gebär- und Findelhäuser bevölkerungspolitische Instrumente: Der Staat wollte Arbeitskräfte und Soldaten.
Das Haus in der Alser Straße 23 gibt es nicht mehr, wohl aber jenes der ehemaligen Wiener Gebäranstalt, die sich direkt am Krankenhausgelände befand und eng mit dem Findelhaus verknüpft war. Während reiche Frauen hier gegen Bezahlung anonym gebären konnten, dienten mittellose schwangere Frauen männlichen Studenten als „Unterrichtsmaterial“. Damit verhalfen sie der Anstalt zu ihrem Erfolg. Gefühle von Scham und Intimität wurden ihnen oftmals abgesprochen. Ob jene Frauen „vor der Schand und Noth gerettet“ wurden – wie es in der Gründungsschrift des Allgemeinen Krankenhauses heißt –, ist daher fraglich.
Vor allem arme, ledige und oft auch zugewanderte Frauen nutzten die beiden Institutionen. Ökonomische Zwänge und ein restriktives Eherecht machten es diesen Frauen unmöglich, ihre Kinder selbst großzuziehen. Verhütungsmethoden gab es zu dieser Zeit nur unzureichend, Schwangerschaftsabbrüche standen unter Todesstrafe. Über die Väter der Kinder ist sehr wenig bekannt. Ungewollte Schwangerschaft wurde zu einem „Frauenproblem“ gemacht, die Väter wurdenkaum zur Verantwortung gezogen. Die Frage nach den Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten für Frauen bei ungewollten Schwangerschaften ist hochaktuell – werden doch erkämpfte reproduktive Rechte immer wieder angegriffen.
▶ Bezirksmuseum, Schmidgasse 18. Mi 18–20h, So 10–12h.

Bezirksplan und daneben Mueseumsteam

Das interdisziplinäre Ausstellungsteam: Anna Jungmayr, Maria Ettl (hinten, v.l.), Greta Hubinger, Rebecca Mursec, Leopold Strenn und Helmut Pokornig (vorne, v.l.)

Zur Ausstellung
Die Ausstellung „Vor Schand und Noth gerettet?!“ wird von 6. Mai 2021 bis 30. März 2022 im Bezirksmuseum Josefstadt zu sehen sein und thematisiert das Gebärhaus und Findelhaus anhand von rund 100 historischen Objekten, dreidimensionalen Grafiken und Reproduktionen aus über 15 wissenschaftlichen Institutionen. „Damit setzt das Bezirksmuseum Josefstadt die Reihe der Ausstellungen über historische und gegenwärtige Institutionen der Josefstadt fort“, so die Museumsleiterin Maria Ettl. Über die Institutionsgeschichte hinaus greifen die Ausstellung sowie ein umfassendes Rahmen- und Vermittlungsprogramm interdisziplinäre Fragen der Frauen- und Geschlechter-, Medizin- und Sozialgeschichte auf.
▶ 06/05/2021–30/03/2022. Bezirksmuseum, Schmidgasse 18
Mi 18–20h, So 10–12h.

Vorfahren im Findelhaus?
„Das Interesse an der Erforschung der Geschichte der eigenen Familie nimmt infolge der Onlinestellung der Geburts-, Trauungs- und Sterbe­bücher rapide zu. Die Suche nach den bisher unbekannten Groß- oder ­Urgroßeltern und deren Schicksal führt in vielen Fällen in die Bestände der zuständigen Pfarre Alser Vorstadt und jene des Wiener Stadt- und Landesarchivs“, weiß Leopold Strenn, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Familien- und regionalgeschichtliche Forschung und Mitarbeiter der Ausstellung. Besucher*innen können selbst in den umfangreichen Matriken der Pfarre Alser Vorstadt nach möglichen Vorfahren suchen.
▶ Pfarre Alser Vorstadt. Alser Straße 17

Fotocollage

Heute ist man bei einer ungewollten Schwangerschaft nicht mehr alleine. Das Frauenservice der Stadt Wien hilft in allen schwierigen Lebenslagen.

Babyklappe
Seit 2001 ist in allen Wiener Spitälern die anonyme Betreuung vor und nach der Geburt sowie eine anonyme Geburt möglich. Die Frauen können dabei einfach einen Namen oder eine Bezeichnung ihrer Wahl angeben. Pro Jahr gibt es in Wien etwa zehn anonyme Geburten. Seit 2000 gibt es sogenannte „Babynester“, bei denen Frauen ihr Kind anonym und unbeobachtet in ein Wärmebettchen ablegen können. Die erste Wiener Babyklappe befindet sich beim Wilhelminenspital (jetzt: Klinik Ottakring). Im Spital wird das Baby dann gut versorgt und medizinisch betreut. Ein Baby in der Babyklappe abzugeben, ist nicht strafbar – im Gegensatz zum Aussetzen des Babys an einem Ort, wo es sogar sterben kann. Das Wiener Amt für Kinder, Jugend und Familie (MAG ELF) übernimmt dann die Obsorge und bringt das Kind bei Adoptiveltern unter.
www.wien.gv.at

Frauenservice (MA 57) der Stadt Wien

Das Frauenservice fördert mit seinen Serviceangeboten und seiner Informationsarbeit das Empowerment von Mädchen und Frauen in Wien.
Empowerment bedeutet in diesem Zusammenhang Ermutigung, Stärkung und Unterstützung zu Eigeninitiative, eigenständiger Lebensgestaltung und gesellschaftlicher Beteiligung. Mädchen und Frauen in krisenhaften Lebenssituationen werden durch das Beratungsangebot des Frauenservice bei deren Bewältigung begleitet und unterstützt.
▶ Frauenservice. Friedrich-Schmidt-Platz 3. Mo–Do 7:30–16:30h,
Fr 7:30–16h. +43 1 4000-83515, post@ma57.wien.gv.at
www.frauen.wien.at


Ausgabe 01/2021