Weidmannsheil in der Josefstadt

Jagdtradition in der Josefstadt? Jägerinnen und Jäger im Achten? Das lässt sich vielleicht aufgrund der vielen SUV-Gelände-Limousinen im Bezirk erahnen  oder wenn man in der Wickenburggasse beim Jagd- und Fischerei-Verlag vorbeigeht. Tatsächlich ging man hier schon viel früher auf die Pirsch. 1337 wurde das Altlerchenfeld vom österreichischen Herrscherhaus als Jagd erworben.

Seit dem Vorjahr findet man im Achten auch das erste und einzige Büchsenmuseum der Stadt, und zwar im Traditionsbetrieb Joh. Springer’s Erben in der Josefsgasse gleich neben dem English Theatre. Die Geschichte des Unternehmens reicht bis in die 1830er-Jahre zurück. Um die historischen Waffen zu besichtigen, die hier in eigener Werkstätte im Lauf von fast zwei Jahrhunderten kunstvoll erzeugt wurden, muss man sich voranmelden. Vom musealen Schauraum aus kann man durch eine Glaswand einen Blick auf die Werkstätte werfen. Eifrig wird hier gefeilt, gedreht und justiert. Neben der Durchführung von Reparaturen werden in dem Handwerksbetrieb jährlich bis zu 15 Repetiergewehre „made in Josefstadt“ hergestellt. Ab Herbst soll die Produktion mit dem Wiedereinstieg in die Herstellung der klassischen Flinte auf 30 Stück pro Jahr verdoppelt und damit einhergehend der Personalstand von drei auf fünf Büchsenmacher erhöht werden. Von den drei, die derzeit in Springers Werkstätte stehen, hat einer vor drei Jahren seine Ausbildung im Betrieb abgeschlossen. Daneben bildet die Firma Springer auch Lehrlinge im Handel aus.

Stammkunde Kaiser Franz Joseph

Kaiser Franz Joseph zählte zu den Stammkunden und verlieh Johann Springer 1872 den Titel eines k.u.k. Kammerlieferanten, der noch eine Stufe über dem Hoflieferanten stand. In den 1930er-Jahren wurde die Firma Joh. Springer’s Erben zum fürstlichen Hoflieferanten von Monaco ernannt.
Aufgrund von wachsenden Schulden nach dem Krieg musste die Waffenproduktion im Dezember 1956 eingestellt werden. Der Handel mit Waffen blieb dem Unternehmen jedoch als Geschäftszweig erhalten. Um wieder liquide zu werden und nicht „auf der Strecke zu bleiben“ (um eine aus der Jägersprache stammende Redewendung zu verwenden), wurden die Familienvilla und die Fabrik (heute umgebaut zum Hotel Josefshof) 1958 verkauft. Nach dem Tod ihres Vaters übernahm Margarethe Springer 1963 die Firma und leitete sie 45 Jahre lang. Nicht das erste Mal, dass eine Frau das Steuer übernahm: Schon 1875 musste nach dem Tod von Johann Springer seine Witwe das Unternehmen weiterführen.

 

Joh. Springer’s Erben

„Lunte gerochen“

„Lunte gerochen“ hat Christian Johann Springer von Kindesbeinen an. Er folgte 2008 seiner Mutter nach. „Natürlich hat die Corona-Krise auch bei uns Spuren hinterlassen. So wurde die große Auktion im Juni abgesagt“, erzählt er. Mit über 1.200 m² Auktionsfläche und circa 4.000 Losen in drei Auktionen pro Jahr in sogenannten klassischen und stillen Auktionen ist Joh. Springer’s Erben eines der größten Waffen-Auktionshäuser Europas. „Immer mehr verlagert sich ins Internet“, so Springer, der auch digital „die Fährte aufgenommen“ hat. „Wir hatten kürzlich eine Online-Optik-Auktion, eine weitere wird im Herbst folgen. Auktionen sind krisensicherer. Hier haben wir nicht so große Einbrüche wie etwa im Flagship-Store in der Innenstadt. Dort fehlen ganz einfach die Touristen. Im 1. Bezirk sind die Auswirkungen von Corona sehr tragisch zu spüren.
Darum werden wir das Angebot bei den Aktionen auch ausweiten und in Zukunft so gut wie alles rund um die Jagd und den Lifestyle anbieten – von Flinten bis zu Möbeln und von Kleidung bis zum Fernglas. Die Menschen haben Spaß beim Steigern, es ist mehr ein Eventshopping.“

Die steigende Beliebtheit von Wildbret auf den Speisekarten der heimischen Gastronomie, aber auch die Suche nach Ausgleich in der Natur sind die Beweggründe dafür, dass das Weidwerk in unseren Breiten eine Renaissance erlebt. „Das ist auch an den steigenden Prüfungsraten und der Verjüngung der Jägerschaft zu bemerken,“ weiß der Experte Springer. Auffällig ist auch der stetig steigende Frauenanteil.

Einziges Schießkino

Um zur Flinte zu greifen, muss man übrigens nicht in den Wald gehen, das kann man auch in der Josefstadt – bei Springer’s im einzigen Schießkino Wiens. Man kann zwischen verschiedenen Filmsequenzen wählen, vom Fuchs bis zum Wasserbüffel, und mit scharfer Munition seiner Zielsicherheit „auf die Sprünge helfen“, um in der Jägersprache zu bleiben. Neben dem Training ist der Schießstand mitten in der Josefstadt auch beliebt für Geburtstags- und Weihnachtsfeiern. Derzeit müssen die vorgegebenen Corona-Maßnahmen eingehalten werden. Das gilt auch für die Jagdreisen, die von Springer’s vermittelt werden – um beispielsweise einmal in den Weiten von Russland „Weidmannsdank“ zu sagen.

www.springer-vienna.com

 

Jagd in der Josefstadt und Wien

NÖ-Landesjagdverband: Neuer Standort 

Der niederösterreichische Landesjagdverband und seine insgesamt 25 Mitarbeiter werden von der Wiener Josefstadt nach Niederösterreich übersiedeln. „Wir wollen näher bei unseren Mitgliedern sein und einen intensiveren Kontakt mit ihnen haben“, so Generalsekretärin Sylvia Scherhaufer. 2019 feierte der NÖ Landesjagdverband sein 70-Jahr-Jubiläum. Etwa 20 Prozent der niederösterreichischen Jäger*innen sind Frauen, der Anteil der Jungen an der gesamten Weidmannschaft steigt rasant. Jagdkurse werden von den Bezirksgeschäftsstellen sowie der Landesgeschäftsstelle in der NÖ Jägerschule in Wien veranstaltet und mit einer theoretischen sowie praktischen Prüfung abgeschlossen. Die Kandidaten werden unter anderem in Waffenkunde und -handhabung, Wildtierkunde, Ökologie, Jagdpraxis und Brauchtum geprüft. Die praktische Prüfung findet am Schießstand statt.

▶ NÖ-Landesjagdverband. Wickenburggasse 3. Mo–Do 9–15h, Fr 9–12h. www.noejagdverband.at, +43 1 405 16 36-0

 

Jagd- und Fischerei-Verlag

Seit 1928 gibt es den Österreichischen Jagd- und Fischerei-Verlag. 1948 erschien hier die „Grüne Chronik“ von Friedrich von Gagern, dem berühmtesten Jagdschriftsteller des 20. Jahrhunderts. Die bekannteste Publikation des Jagd- und Fischerei-Verlags ist zweifellos der „Jagdprüfungsbehelf“. So gut wie jede/r österreichische Jäger*in geht mit diesem Werk durch die Jagdprüfung und es ist ein Jäger*innenleben lang ein treuer Begleiter. Ein Spezialgebiet des Verlags ist das Thema Kunst. Hier findet man Kunstdrucke und Originalgemälde der bedeutendsten europäischen Jagd- und Naturmaler.

▶ Wickenburggasse 3. www.jagd.at, +43 1 405 16 36-39

 

Wiens Jagdgebiete

Seinen Aufstieg vom römischen Truppenlager Vindobona zur Residenzstadt der Babenberger verdankt Wien auch dem Wildreichtum. Auch die Habsburger wussten über Jahrhunderte den Vorteil des Jagdbanns der Hauptstadt zu nutzen. Wenn man die Jagdgebiete Wiens heute betrachtet, so verteilen sich diese auf die Bezirke 2, 10, 11, 13, 14, 16, 17, 19, 21, 22 und 23. Der Jagdkataster der MA 58 – Wasserrecht weist ein Gesamtjagdgebiet von 17.233,825 Hektar aus. Die Jagdfläche der Bundeshauptstadt teilt sich in 20 Eigen- und 13 Gemeindejagdgebiete (entsprechen den nö. Genossenschaftsjagden) auf.

www.jagd-wien.at

 

Statistik

Rund jeder dritte Neuwagen in der Josefstadt ist ein SUV – somit hat der Achte einen um die Hälfte höheren SUV-Anteil als der Tiroler Bezirk Reutte. In Wien fallen mehr Wildtiere dem Verkehr zum Opfer als der Jagd. 2018/2019 gab es in Wien 1349 gültige Jahresjagdkarten und 145 ausgegebene Jagdgastkarten. Die meisten Jahresjagdkarten gibt es mit 38.448 in Niederösterreich, in Österreich sind es insgesamt 132.169 Jahresjagdkarten und 12.527 Jagdgastkarten. Die Gesamtzahl der Abschüsse österreichweit lag im Jagdjahr 2018/2019 laut Statistik Austria mit 736.000 um 2,8 % unter dem Wert der letzten Saison. Dabei ging die Anzahl geschossener Tiere bei Haarwild um 3,0 % auf 614.000 zurück, bei Federwild sank sie um 1,9 % auf 122.000.

www.statistik.at