Wer ist Kopernikus?

Der elegante Herr mit Gehstock und schwarzem Stirnband wird im Bezirk liebevoll Kopernikus genannt. Immer wieder ranken sich mysteriöse Geschichten um den schlanken, groß gewachsenen Mann.

 Wir wollten wissen, was es mit dem Herrn auf sich hat, der gerne durch den Bezirk schreitet und mit Groß und Klein plaudert.

Manche vermuten, er sei adeliger Abstammung, andere wiederum mei- nen, er sei Philosoph, und da kommen wir dem Herrn Kopernikus der Josefstadt schon näher, der mit bürgerlichem Namen Hartmut Hroch heißt. Schon seinen Vater verschlug es einst in den Achten: Er wohnte als Medizinstudent im Pfeilheim. Die Pfeilgasse ist übrigens die Lieb- lingsgasse von Kopernikus – vielleicht aufgrund der überirdischen Nähe zum Vater. Seit 1965 wohnt er in der Schönborngasse/Ecke Kles- heimgasse. Und sein Blick aus dem 4. Stock fällt in den Hof der heutigen Vienna Business School, wo sein Vater 1935 neben dem Studium Leibesübungen unterrichtete. Wenn Herr Hroch von seiner Wohnung erzählt, kommt er ins Schwärmen: die Lage, die Anordnung, das Licht …

Seit 2013 gibt es einen Lift, doch er steigt mit seinen 82 Jahren lieber die Stiegen – frei nach dem Motto: „Man darf sich nicht überfordern, aber man muss sich fordern …“

1959 kam der gelernte Buchhändler Hartmut Hroch aus Salzburg nach Wien, um elf Jahre in der Buchhandlung am Kärntner Tor seine Diens- te zu verrichten. Danach arbeitete er einige Jahre im Büro der tradi- tionsreichen Steinmetzfirma Eduard Hauser in der Spitalgasse, bevor es ihn wieder zu den Büchern verschlug – genauer gesagt in die Ver- lagsanstalt Michael Fischer in der Neulerchenfelder Straße.

1985 bis 1987 besaß er die Buchhandlung Sphinx in der Kaiserstraße. Der inhaltliche Schwerpunkt lag auf seiner großen Leidenschaft: Theo- sophie, Astrologie und Esoterik. „Ich habe über hundert Religionen studiert“, so Kopernikus. „Ich bin leider zum ernüchternden Schluss gekommen: Wenn man alles genauer unter die Lupe nimmt – egal bei welcher Religion –, treten Unstimmigkeiten und Widersprüche zutage. Es ist nicht alles schlecht, aber doch fragwürdig.“

Früher leitete er das Theosophische Zentrum: „Rund 30 Leute trafen sich regelmäßig im Restaurant Glocke in der Neubaugasse. Wir pflegten enge Kontakte zu Leipzig und Paris.“ Und auch bei Gräfin Zoe Wassilko von Serecki, die über der Buchhandlung Eckart in der Josefstädter Straße wohnte, kehrte Kopernikus zu spirituellen Sitzungen ein. Die Gräfin war langjährige Generalsekretärin der Österreichischen Gesellschaft für Parapsychologie und Präsidentin der Astrologischen Gesellschaft. „Die Wirkung der Planeten wird über- und unterschätzt“, meint Kopernikus. „Die Gestirne, das All haben mich immer schon fasziniert.“

Er ist aber auch Obmann des Vereins Kerzenlicht-Konzerte. Sein Freund, der Pianist und Komponist Robert Pobitschka, organisiert in Niederösterreich hochkarätige Konzerte.

Seit rund 15 Jahren schreibt Kopernikus Gedichte, von denen einige auch in Zeitungen veröffentlicht wurden. Der gebürtige Salzburger ist im Bezirk auch dafür bekannt, besonders galant zu sein und seinen Gesprächspartner:innen seine Sympathie durch das Vortragen eines Gedichts und das Schenken einer Mozartkugel zu bekunden. Und seit dem Ende des Lockdowns hat er erfreulicherweise auch wieder öfter die Gelegenheit dazu.


Ausgabe 03/2021