„Wir haben GEMEINSAM aufgedeckt“

Ich habe viele Jahre schräg gegenüber dem Haus von Dr. Heinz Fischer gewohnt und habe ihn oft in der Früh die Josefstädter Straße ins Parlament eilen sehen. Später dann als Bundespräsident hatten die Sicherheitsbeamten ihre Blicke in alle Richtungen gewendet, wenn er das Haus verließ.

Von Norbert Mersich

Heute hat der „emeritierte“ Bundespräsident wieder mehr Zeit, über sein ganz persönliches Verhältnis zum Achten zu sprechen …

Ich treffe den ehemaligen Bundespräsidenten in seinem Büro im Ban Ki-moon Centre for Global Citizens im Botschafterviertel im dritten Bezirk. Der langjährige Generalsekretär der Vereinten Nationen hatte nach dem Ende seiner Amtszeit dem ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten vorgeschlagen, gemeinsam auf ehrenamtlicher Basis ein Institut zu gründen, um die nachhaltigen Entwicklungsziele zu unterstützen und weltweit Aktivitäten zu setzen, die den Sustainable Development Goals dienen.

Aber heute soll es nicht um globale Ideen gehen, sondern um den persönlichen Bezug von Heinz Fischer zum „Achten“.

„Wenn ich aus meiner Wohnung sehe, fällt mein Blick einerseits auf das Theater in der Josefstadt und auf der anderen Seite in den Garten, in dem vor rund 100 Jahren Gustav Klimt sein Atelier hatte. Von dort hat er auch mit der Universität Wien über ein Deckengemälde korrespondiert, das die Universität bei ihm in Auftrag gegeben hat. Ich habe Kopien von Briefen, die Klimt geschrieben hat, mit dem Absender Josefstädter Straße 21“, so der Alt-Bundespräsident.

Das Theater in der Josefstadt hat Heinz Fischer in sehr positiver Erinnerung. „Als unsere Kinder klein waren, da konnten wir uns von ihnen verabschieden und sagen: ,Wir gehen ins Theater und ihr geht jetzt schlafen, und wir kommen in der Pause noch einmal nachschauen.‘ Und in der Pause konnten meine Frau und ich über die Straße gehen, hinauf in unsere Wohnung, und uns vergewissern, dass zu Hause alles in Ordnung ist. Zum zweiten Teil des Stücks waren wir rechtzeitig wieder zurück. Diese Möglichkeit hat es nur beim Theater in der Josefstadt gegeben.“

Angesprochen auf die Restaurants, die sich in Gehweite zu seiner Wohnung befinden, meint er: „Ich mache gerne ein bisschen Werbung für das ,Schnattl‘ oder die ,Fromme Helene‘, wo man viele Schauspieler trifft. In der anderen Richtung gibt es ein gutes japanisches Restaurant oder rechts bei uns um Ecke einen Griechen, zu dem ich gerne gehe.“

Als Präsident hat Heinz Fischer oft Staatsgäste bei sich zu Hause empfangen und da würde mich interessieren, wie man sich die Bewirtung vorstellen kann. „Ganz einfach. Wenn ich Staatsgäste in die Josefstädter Straße eingeladen habe, dann war das ein Zeichen einer besonderen privaten Wertschätzung und dann hat meine Frau gekocht und es hat kein weiteres ,Personal‘ gegeben. Wir haben gemeinsam aufgedeckt und ich habe oft um drei Ecken herum erfahren, welch starken Eindruck die privaten Einladungen gemacht haben. Das war selbstverständlich, wenn zum Beispiel der deutsche Bundespräsident Steinmeier, ein persönlicher Freund von uns, mit seiner Frau zu Besuch war. Ich habe aber auch einmal den kasachischen Staatspräsidenten zu einem Abendessen eingeladen. Er war bass erstaunt, dass wir nicht in einer Amtsvilla residieren, sondern in einer Wohnung in einem Mietshaus, wo im gleichen Stockwerk noch zwei andere Türklingeln sind. Ich habe die Tür aufgemacht und es war niemand in der Wohnung außer meiner Frau und mir und sie hatte das Essen schon im Wesentlichen fertig. Wir haben einen Aperitif getrunken und dann haben wir uns zu Tisch gesetzt. Präsident Nasarbajew war total überrascht, dass das möglich ist. Später hat mir dann ein europäischer Staatspräsident berichtet, dass er in Kasachstan war und der dortige Präsident ihm staunend erzählt hat, dass er privat bei uns war, als ob er mein Bruder gewesen wäre oder ein Verwandter, so formlos war das. Ich habe auch den chinesischen Parlamentspräsidenten nach Hause eingeladen. Das war ein Herr Anfang 80, und just an dem Nachmittag hat der Lift versagt. Er hat sich dann von Sicherheitsbeamten die insgesamt fünf Stockwerke hinauftragen lassen und hat auch von der privaten Atmosphäre geschwärmt. Manche Gäste haben auch gerne in unseren Büchern geschmökert.“

Dr. Fischers tägliche Wege im Bezirk sind unspektakulär: „Einkaufen, zum Postamt in der Maria- Treu-Gasse, in die Astoria-Garage oder in die Kurkonditorei Oberlaa. Oder wenn ich im Parlament etwas zu tun habe, sechs Minuten die Josefstädter Straße hinunter. Ich gehe auch gerne an einem Samstagnachmittag einfach im Bezirk spazieren.“

Was würde der Ex-Präsident machen, wenn er einen Tag Bezirksvorsteher wäre? Die Antwort klingt wie ein weiser Rat an Politiker: „Wenn ich nur einen Tag Bezirksvorsteher wäre, würde ich gar nichts machen. Da würde ich mich zuerst mit Leuten, die Erfahrung haben, zusammensetzen und Meinungen einholen und Ideen entwickeln, aber jedenfalls zuerst nachdenken und dann handeln und nicht zuerst handeln und nachträglich bereuen, dass man etwas nicht gut genug vorbereitet hat.“

Heinz Fischer und Covid

Und wie sieht Heinz Fischer das Phänomen, dass im Kampf gegen Covid-19 das Impfen eine so große Rolle spielt und dennoch so viele Menschen nicht bereit sind, sich impfen zu lassen? „Ich habe mir das in den letzten Tagen etwas genauer angesehen, bei uns sind 61 % der Bevölkerung geimpft (Anm.: das Interview wurde im Oktober geführt), und da es ja Menschen gibt, die aus gesundheitlichen Gründen oder wegen ihres sehr jugendlichen Alters nicht geimpft werden sollen, wäre es unrealistisch, eine 100%ige Impfquote zu erwarten. Aber eine Durchimpfungsrate von 75 % wäre schon erstrebenswert. Wie so oft im Leben glaube ich, dass man nur mit einem Bündel an Maßnahmen eine Erhöhung der Impfquote erreichen kann. Einerseits auf der argumentativen Schiene, mit Werbung und indem man mit gutem Beispiel vorangeht, aber als ein zweites Standbein sollte man schon das Geimpftsein mit Vorteilen verbinden. Man sollte nicht mit Geldscheinen winken, aber man kann an das Geimpftsein bestimmte Rechte knüpfen. Und man kann der Gesundheit der Bevölkerung insoweit einen hohen Rang einräumen, indem man den Verzicht auf Maßnahmen, die der Erhaltung der Gesundheit dienen – und dazu gehört das Impfen –, mit dem Verlust bestimmter Möglichkeiten sanktioniert. Incentives zu geben halte ich für richtig und wichtig. Wenn ich auf Staatsbesuch nach Afrika gefahren bin, musste ich mich auch impfen lassen, weil ich sonst den Besuch nicht hätte antreten können.
Ich wünsche mir sehr, dass es gelingt, durch eine Kombination von klugen Maßnahmen jene hohe Impfquote zu erreichen, die das Übel dieser Pandemie wesentlich reduziert.“

NORBERT MERSICH ist im 8. Bezirk aufgewachsen. Er hat sich als Leser immer schon für Zeitungen und Journalismus interessiert und freut sich, mit dem vorliegenden Beitrag für „derAchte“ jetzt die Seiten wechseln zu können. WOLFGANG SORGO, Redakteur, ist bei der Entstehung des vorliegenden Textes beratend zur Seite gestanden.


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