Wo der Bartl den Most holt

Es ist schon ein besonderes Erlebnis. Ich sitze mit Reinhold Schachner im wunderschönen Hof des Volkskundemuseums.

Von Norbert Mersich

Vor uns stehen einige Flaschen Most, die auf eine Verkostung warten. „Ich stamme ja aus Oberösterreich“, meint Reinhold, „da liegt ein Bezug zum Most nahe. Freilich“, räumt er ein, „hat der Most nicht den allerbesten Ruf. Das liegt daran, dass er jahrzehntelang als ,Haustrunk‘ ein Schattendasein geführt hat. Die Qualität war katastrophal.“

Wie alles angefangen hat

Damit wollte Reinhold sich aber nicht abfinden. Er hat sich auf die Suche nach einem wirklich guten Most gemacht und im Freundeskreis Mostverkostungen organisiert, die gut angekommen sind. Seinen Geschmack hat er in einem Most-Sommelier-Lehrgang geschult und schließlich mit Markus Neubauer – der aus Zeitgründen mittlerweile ausgestiegen ist – einen gemeinnützigen Verein gegründet: die Gesellschaft für Streuobstkulturen und Supplementäres (GeSOKS). Die GeSOKS betreibt auch die Mostothek, die es seit 2015 gibt. Wieso sie sich gerade im Volkskundemuseum niedergelassen hat? „Wir sind ans Haus geholt worden“, erläutert der Most-Experte. Man kannte sich bereits aus der Nachbarschaft und mit der alten Obst-/Mostpresse im Museum war auch ein direkter Bezug zu diesem traditionellen bäuerlichen Handwerk gegeben. Also bot man ihm an, sein Vorhaben im Hof umzusetzen.

Vor ungefähr 20 Jahren hat erst in Oberösterreich und dann in der Steiermark ein neues Qualitätsbewusstsein in der Mosterzeugung eingesetzt. Aber Qualität ist kein Zufall, wie es so schön heißt: Hygiene spielt eine große Rolle. „Es ist wichtig, dass nur sauberes, gesundes Obst verarbeitet wird. Der Pressvorgang soll so zügig wie möglich erfolgen, um den Sauerstoffkontakt gering zu halten (,reduktiv‘). Nach der Gärung in Stahltanks werden die Obstmoste behandelt: Die Trübstoffe werden herausgefiltert, gleichzeitig sollen die Geschmacksstoffe erhalten bleiben. Ein Balanceakt, der eine hohe Fertigkeit in der Produktion erfordert.“

Während Birnenmost fast ausschließlich aus Wirtschaftsobst hergestellt wird, können für Apfelmost auch Speiseäpfel verwendet werden. Der Alkoholgehalt liegt meist zwischen 5 und 8 Prozent. „Eine Besonderheit stellt der Cider dar. Hier wird der Most mit Saft und Kohlensäure versetzt, er ist deshalb auch süßer als herkömmlicher Most.“

Was Marketing und Vertrieb betrifft, hinkt der Most dem Wein noch beträchtlich hinterher. Reinhold holt deshalb den Most persönlich bei den Produzenten in Oberösterreich, der Steiermark und im niederösterreichischen Mostviertel ab.

Aber es besteht Hoffnung, dass der Most einmal auch sein Nischendasein hinter sich lassen wird. „Eine gewisse Aufbruchsstimmung ist spürbar. Ich durfte in jüngster Zeit zwei junge Lokalbetreiber punkto Most beraten. Es führen auch schon Haubenlokale Most auf ihrer Karte. Die Preisspanne reicht dabei bis 28 Euro pro Flasche ab Hof.“

Faires Preis-Genuss-Verhältnis

So tief muss man in der Mostothek freilich nicht in die Tasche greifen: Moste sind ab 3 Euro/Liter erhältlich. Die Erschwinglichkeit ist für Reinhold – im Hauptberuf Redakteur des „Augustin“ – ein großes Anliegen. Genauso wie Nachhaltigkeit. „Am Rande des Wienerwaldes gibt es schon Top-Mostproduzenten. Man muss sich also nicht weit weg von der Bundeshauptstadt bewegen und kann auf diese Weise klein strukturierte Landwirtschaft fördern.“

Wem allerdings auch der Weg an den Wienerwald-Rand zu weit ist, der kann ganz entspannt in der Mostothek in der Laudongasse degustieren und sich ab 13. September jeden Dienstag ab 17 Uhr von Reinhold Schachner höchstpersönlich beraten lassen.

▶ Mostothek, Kleiner Innenhof im Volkskundemuseum
8., Laudongasse 15–19. Di ab 17h


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