Zimmermann im Achten

An der Pforte zur Josefstadt bleibt der Bus 13A am Anfang der Piaristengasse alle paar Minuten zischend stehen. Immer wenn das geschieht, schauen die Fahrgäste aus dem Bus heraus und neugierig ins ZIMMER hinein.

Von Elisabeth Hundstorfer

Seit 2016 ist das ZIMMER eine Räumlichkeit, genauer gesagt, ein Ensemble von Räumen, in denen Kreativität und Kommunikation im Mittelpunkt stehen. Es ist vor allem ein Ort für zeitloses Design, mit wechselnden Ausstellungen, spannenden Events und einem Workspace. 

Durch die hohen Fenster fällt der Blick hinein ins ZIMMER auf eine Vielfalt schöner Designerstücke. Midcentury-Design in Form von Stühlen, Tischen und Regalen, klassisches Industrial-Lampendesign oder eine Uhr, die die Zeit in Worten angibt: ein sehr ansehnliches Mit- und Nebeneinander von Farben und Formen. 

Manchmal sind hinter den Scheiben auch Menschen im ZIMMER zu sehen, die aufmerksam Vorträgen folgen, Brötchen verschlingen und zwischendurch heftig diskutieren. Ein anderes Mal sind es einsame Nerds, die Wichtiges in ihre Laptops klopfen. Dann wieder ist das ZIMMER ein Indoor-Dschungel, bevölkert von zahlreichen Zimmerpflanzen-Freunden.

Wer aber ist die kreative Seele hinter dem „Concept to Work“, wie der „Nachname“ des ZIMMERs offiziell lautet? Es ist ein Mann, der einen Medienpreis nach dem anderen abräumt, der es andererseits aber auch liebt, als „ZIMMER-Mann“ im eigenen Concept-Store und Working-Space den Hobel anzusetzen. 

Markus Rauer heißt er, ist gebürtiger Hesse und seit 2003 mit dem Wien-Virus infiziert. Den fing sich der Werbeprofi im Zuge eines beruflichen Abstechers im Rahmen von Udo Jürgens’ „Merci Chérie“-Tour 2003/04 ein. Kaum hatte er die Stadt betreten, plante Rauer auch schon seine berufliche Zukunft in der Donaumetropole. Wie sang Udo Jürgens so schön: „Wien! Wo sich Traum und Leben noch die Hände geben!“

In der österreichischen Werbeszene fasste Rauer schnell Fuß. Er wurde Vorstandsvorsitzender des VAMP (Verband Ambient Media, Promotion und Digital out of Home“) und heimste mit seiner Werbefirma MARA Media diverse Branchen-Awards ein. 

Auch die Produkte, die im ZIMMER erhältlich sind, gewinnen große Preise. Die Qlock­two beispielsweise, die „Uhr zum Lesen“, wurde mit dem ICONIC AWARDS 2020 Best-Of-Best ausgezeichnet.

Schöne Dinge sind sein Ding 

Die Möbel und Accessoires, die Rauer im ZIMMER präsentiert, stammen von den großen Designern der 1930er- bis 1950er-Jahre. Hergestellt werden sie von Firmen wie Vitra, die nicht nur im Möbelbau für zeitloses Design und hohe Fertigungsqualität bekannt sind, und Midgard, die seinerzeit die Arbeitslampe revolutionierte.

Diese Geschichte(n) schreibt Rauer in seinem ZIMMER fort. So hatte er bereits einen Prototyp der von Top-Designer Stefan Diez entworfene Midgard-Leuchte AYNO zur Ansicht im ZIMMER stehen, die es jetzt auch im Fachhandel zu kaufen gibt. 

Der aus einer süddeutschen Zimmermannsfamilie stammende Stefan Diez lehrt bereits das vierte Semester an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Und während der Semester wohnt er selbstredend in der Josefstadt. 

Kunst und Qualität

Rauer hat seine Zimmer im ZIMMER mit den exklusiven Möbeln des finnischen Möbelherstellers Artek, seit 2013 Teil des Familienunternehmens Vitra, neu eingerichtet. Skandinavisches Möbeldesign gepaart mit Schweizer Präzision ergibt Produkte auf höchstem Niveau – dort, wo Kunst und Qualität zusammentreffen. 

Rauers Motto ist: „Orte schaffen, wo sich Menschen wohlfühlen.“ Ein Motto, das besonders in Zeiten von Lockdown und Homeoffice an Stellenwert gewonnen hat. Das schöne Zuhause und ein angenehmer Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden gehören 2020 coronabedingt zu den beherrschenden Themen. 

Ob Esstisch, stylishe Sessel oder Licht für den Wohn- und Arbeitsbereich: Alles für sein Traum-Zimmer kann man bei Markus Rauer in der Piaristengasse begutachten. „Die Sahne“ à la Udo Jürgens, also das Obershäubchen, ist diese verdammt faszinierende Qlocktwo-Uhr, die einen schon mal vor der Auslage verweilen lässt, um – nein, nicht auf den nächsten Bus, sondern auf die nächste Minute zu warten.

Das ZIMMER ist nicht nur ein Showroom voll sorgfältigst ausgesuchter Einrichtungsgegenständen, es verwandelt sich auch regelmäßig. Fix ist nur das ArbeitsZIMMER mit 16 Arbeitsplätzen, die als Working Space gemietet werden können. Außerdem stehen noch zwei Besprechungszimmer, einmal für 10 und einmal für 50 Personen zur Verfügung. Ergänzt wird das Ganze durch ein EssZIMMER mit skandinavischem Design und hochwertiger Kücheneinrichtung, das man auch separat anmieten kann.

Wohnzimmer als Verwandlungskünstler

Das sogenannte WohnZIMMER ist der Verwandlungskünstler schlechthin. Mal ist es Design-Concept-Store, dann wieder Galerie, mal ein Pflanzen-Pop-up-Store und dann ein Vortragssaal, ein Fotostudio, Brunchlokal, Showroom oder Rahmen für einen Designerflohmarkt.

Künftig werden im ZIMMER regelmäßig wechselnde Fotoausstellungen in Kooperation mit dem Magazin „Auslöser“ gezeigt. Einmal im Quartal soll ein Designerflohmarkt mit toller Mode, Möbeln und Designartikeln stattfinden und an ausgewählten Samstagen und Sonntagen wird veganer bzw. vegetarischer Brunch kredenzt. Dafür beliefert die gegenüberliegende „Brotkost“ den ZIMMER-Kosmos mit frisch gefüllten Brunch-Boxen. 

Markus Rauer hat für seine Location ein multifunktionales Konzept von internationalem Format gezimmert. Und wer den ZIMMER-Mann aus der Piaristengasse kennengelernt hat, weiß: Rauer entwickelt weiter und weiter und weiter. Sein ZIMMER ist jetzt aufgebaut und es wird laufend ausgebaut. Derzeit arbeitet Markus Rauer an einem Onlineshop, der den Lifestyle, den er in seinem ZIMMER lebt, breiter aufgestellt zu den Menschen bringen soll. Der Fokus liegt dabei auf nachhaltigen Produkten, die von Partnern aus der Nachbarschaft produziert werden. Fairer Handel auf den drei Grundsäulen der Nachhaltigkeit: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Das ist das Ziel. Um nochmals auf Udo Jürgens zurückzukommen: Sein aus den frühen 80er-Jahren stammender Song „Fünf Minuten vor zwölf“ hat auch 40 Jahre später nichts von seiner Brisanz verloren – ganz im Gegenteil.

„Merci Chérie“ führte Markus Rauer nach Wien. Zum Glück ist nicht damit zu rechnen, dass er, wie Udo Jürgens einst im Eurovision-Song-Contest–Gewinnerlied, schnell „Adieu“ sagen wird. Denn mittlerweile hat er auch seine privaten Zimmer im Achten bezogen.

ZIMMER – Multifunktionaler Designraum
8., Piaristengasse 6-8. Mo-Fr 10–18:30h
+43 1 9130096, www.zimmer.co.at

 

100 Jahre Midgard-Lampen

Ein besonderes Highlight ist die neue, von Stefan Diez entworfene Midgard-Leuchte AYNO. 1919 sagte der Thüringer Ingenieur Curt Fischer der „Verschattung“ den Kampf an. Licht von oben? Ein Auslaufmodell, Leuchten muss man lenken können! Midgard war geboren und fertigte gelenkige Arbeitsleuchten. Mit dem ersten Design einer neuen Midgard-Leuchte seit den 1950er-Jahren spannt Stefan Diez gut erkennbar den Bogen zwischen einst und jetzt. Unverändert blieb das Ziel, eine maximal flexible und somit optimale Beleuchtung zu schaffen. Bestehend aus nachhaltigen Materialien ist die AYNO Finalist für den German Sustainability Award Design 2021. Markus Rauers ZIMMER zeigt Österreichs größte Auswahl an Midgard-Leuchten.

Die Marke Artek

Artek wurde 1935 in Helsinki von Designer Alvar Aalto, seiner Frau Aino Aalto, der Kunstmäzenin Maire Gullichsen und dem Kunsthistoriker Nils-Gustav Hahl gegründet. Aufbauend auf den von Alvar Aalto geschaffenen Grundlagen ist Artek ein Protagonist modernen Designs und auch heute noch eines der innovativsten Unternehmen in Skandinavien. 2013 erwarb die Schweizer Firma Vitra das finnische Unternehmen. Artek hat unter anderem ein breites Angebot an Designmöbeln aus Holz, das man im exklusiven ZIMMER-Showroom in der Piaristengasse bewundern kann.

Vitra

Die Vitra AG ist ein Schweizer Unternehmen für die Herstellung und den Handel mit Wohn- und Büromöbeln mit Zentrale in Birsfelden bei Basel. Designgeschichte schrieb der Panton Chair des dänischen Designers Verner Panton, der 1967 bei Vitra in Serie ging. 1976 kam Vitras erster selbst entwickelter Bürostuhl auf den Markt, der „Vitramat“. Vitra unterhält seit Anfang der 1950er-Jahre einen Produktionsstandort im unmittelbar benachbarten Weil am Rhein (D). Hier befindet sich seit 1989 das Vitra Design Museum und seit 2014 der knapp 30 Meter hohe Aussichts- und Rutschturm Vitra Slide Tower. 

QLOCKTWO 

Die ersten handgefertigte Unikate der Zeitmessung aus Schwäbisch Gmünd wurden 2009 in Stuttgart der Öffentlichkeit präsentiert. QLOCKTWO-Uhren werden lokal in der Tischlerei in Schwäbisch Gmünd gefertigt. Die dafür notwendigen Produkte werden aus der Umgebung bezogen und es wird mit regionalen Künstler*innen zusammengearbeitet. 2019 erfolgte die Einstufung als Objekt der angewandten Kunst und die Aufnahme in den Rat für Formgebung. QLOCKTWO zählt somit zu den rund 300 wichtigsten Designunternehmen Deutschlands. 


Ausgabe 04/2020