Zum Flügel!

Am 4. August ist der Piaristenplatz Schauplatz eines besonderen musisch-musikalischen Abends, zugleich die 11. Manifestation der Pianistengasse

Von Rainer Krispel

„Seit 12, 13, 14 Jahren bespiele ich sozusagen Gassennamen. Aus der Idee heraus, dass viele in einer Stadt Alltagswege haben,und ihnen so sichtbar zu machen, dass diese Wege auch noch andere Geschichten, vielleicht ein Geheimnis haben“, erzählt Dominik Nostitz, Musiker und ebenso umtriebiger wie kreativer Kulturschaffender. So wurde aus der Mahlergasse bei der Oper temporär eine Malergasse, die Lesergasse wurde mit Kunstwiese und zur Verfügung gestellter Lektüre wörtlich genommen und aus der Piaristengasse wurde eben vor über zehn Jahren die Pianistengasse.

Wir unterhalten uns im Vereinslokal des von Nostitz seit über zwei Jahrzehnten betriebenen Vereins 08 an der Adresse Piaristengasse 60. Mit uns im Raum: ein leider nicht mehr ganz exakt zu stimmendes Klavier. Was dessen Nutzbarkeit an diversen Abenden – bis die Symphoniker mit Solo-Piano vorbeischauen – kaum Abbruch tut. Als von jeglicher Vereinsmeierei denkbar weit entfernter Mensch definiert Nostitz diesen Raum als einen, in dem „jeder und jede willkommen ist, das gilt auch für künstlerische Ausdrucksformen“. Was sich hier vor der Pandemie mit dem Donnerstag als regelmäßig bespieltem Wochentag in großer Vielfalt, aber frei von Beliebigkeit abspielte: Küche aus Afrika, russisch-wienerische Tänze und Musik, Musik, Musik. Prompt macht sich Dominiks Telefon bemerkbar, ein befreundeter Singer/Songwriter aus England hat eine Frage.

„Es wird halt immer irgendwie und es lebt durch die Begegnung der Leute“, stapelt Nostitz tief, was seine Arbeit und deren Qualität anbelangt. Formuliert aber zugleich so die substanzielle Lebendigkeit seiner vielen Aktivitäten. Neben der Pianistengasse hat er zum Zeitpunkt des Gesprächs „Auf Fliedersehen“ am Friedhof St. Marx und Morgenkonzerte mit „Früh Chopin“ beginnend im Juni in Vorbereitung, vielversprechend klingt auch die Idee eines Tributs an Neil Youngs epochales „Harvest“.

In Marketing und (Selbst-)Promotion mögen andere geschickter oder mit üppigeren Budgets ausgestattet sein. Was ihm aber oftmals gelingt, ist, (öffentliche) Räume zu schaffen, in denen tatsächlich etwas passiert und die nicht nur aus der Corona-Not eine Open-Air-Tugend machen – eben weil nicht jede Sekunde des Geschehens durchgeplant ist. Das Unerwartete, das Abenteuer, der Moment, der Schauplatz und die anwesenden Menschen als nicht zu kalkulierender Teil des eben nicht starren Konzepts. Der ehemalige Straßenmusiker, mit eigener Familie nun in Wien sesshaft, aber nicht festgefahren, ist einer dieser raren Ideenmenschen, der seinen Impulsen Luft zum Atmen lässt. Wobei der Erwachsenenbildner Nostitz nicht vergessen werden darf: Die 11. Pianistengasse 2022 am 4. August hebt an um 20.22 Uhr, mit Einsetzen der Dämmerung. Nicht ohne uns auf bürgerliche (21 Uhr), nautische (21.46 Uhr) und astronomische Abenddämmerung (22.40 Uhr) hinzuweisen, die sich in Programmablauf und Lichtinstallation bemerkbar machen werden.

www.verein08.at; www.dominiknostitz.com

Zwei Bilder; Bild eins: ein Mann spielt Klavier und singt gleichzeitig in ein Mikrofon, seitliche Perspektive; Bild zwei: Seepferdchen-Projektion auf eine Hausfassade bei Nacht, Menschen sitzen am Boden vor dem Haus

li: Dominik Nostitz (© Manfred Werner); re: nächtliche Projektion beim „Pianistenplatz“ (© Sascha Osaka, osaka.at)

Piaristengasse

Seit 1810 gehört die vormalige Klostergasse als Piaristengasse zur Josefstadt. Der Regisseur Fritz Lang lebte von 1909 bis 1929 auf Nummer 28. Wenige Häuser entfernt hieß es früher auf Nummer 44 „Zu den drei Rösseln“: ein Bürgerhaus aus dem späten 18. Jahrhundert, das seit 1829 Teil des Theaters in der Josefstadt ist. Auf Nummer 38 befand sich der Sitz des 1952 gegründeten Ensembles Concentus Musicus Wien, das sich auf Originalinstrumenten gespielter Musik vor allem des 17. und 18. Jahrhunderts widmet. Ganz andere Töne gab es von 1986 bis 1993 auf Nummer 1 zu hören: Im Keller des aus der Wiener Popkultur-Geschichte nicht wegzudenkenden „Chelsea“ spielten unter anderem Soundgarden oder Die Toten Hosen. Heute befindet sich in den ehemaligen Räumlichkeiten des Lokals die Galerie am Roten Hof.

Pianistengasse

Während es sich die Besucher:innen auf den Schaumstoffmöbeln des Künstlers Josef Trattner bequem machen, nehmen am Flügel, der auf den barocken Platz gestellt wird, unterschiedliche Musiker:innen Platz. Den Augen gibt die chromomatische Lichtintervention der Künstlerin Victoria Coeln etwas zu staunen. Frizz Fischer greift in die Tasten, wenn die Sängerin Anita Ebenwein „Deutschlands Diven“ Zarah Leander, Marlene Dietrich und Hildegard Knef huldigt. Mit Jörg Leichtfried und seinem Trio wird es auf höchstem spielerischem Niveau jazzig. „Aus Japan und Barock“ lassen es Diethard Leopold und die Stimmkünstlerin Kanako Hayashi klingen, Elaine Loebenstein wird den 1926 entstandenen Film „Das fliegende Motorrad“ vertonen. Dominik Nostitz stimmt das Lied „In der Josefstadt“ an und die Cellistin, Pianistin, Sängerin und Mozart-Liebhaberin Irmi Wolvin schöpft aus ihrem Repertoire.

▶ 04/08/2022, 20:22 Uhr (bei Schlechtwetter 11/08/2022)

Musische Wanderungen

Der „neue Wiener Stimmungsimpressionismus“ möchte besondere Erlebnismomente zelebrieren, denn Klassik und Natur, Bewegung und die Kultur des Hörens passen besser zusammen, als man vielleicht denken mag. Mit spannenden klassischen Ensembles wird auf den Spazierwegen Mozarts, Beethovens, Chopins und Schuberts gewandelt und ein Bewusstsein für den Erlebnisgehalt der Natur Wiens geschaffen. Im Rahmen des „Wir sind Wien“-Festivals zeigt Dominik Nostitz, dass er nicht nur Musiker ist, sondern auch innovative Eventschienen konzipiert.

▶ 14/17/18/05/2022. wirsindwien.com

Verein 08

War früher der Donnerstag ein fixer, über viele Jahre kontinuierlich bespielter und genutzter kultureller „Ereignistag“ in der Piaristengasse 60, brachte die Pandemie auch hier Veränderung. Die ehemalige Töpferei, von Dominik Nostitz um das Jahr 2000 als Homebase vielfältiger Aktivitäten für sich und gleichgesinnte Menschen entdeckt, wich zunächst wie viele andere ins Netz aus. Statt launiger Livebegegnungen wurde aus dem „House Of Hearts“ gestreamt. 16 Sessions mit 54 Künstler:innen, die sich aus 23 Orten zuschalteten, sind im Web weiterhin zu finden. Die coronabedingte Zwangspause der von Nostitz initiierten und gelebten intensiven, unmittelbaren Begegnungskultur hatte auch etwas von einem Innehalten und erlaubte ein Reflektieren. Wo die Reise danach nun hingeht, wird sich weisen …

▶ 8., Piaristengasse 60. verein08.at