Zunge zeigen tut man nicht …

Ina Loitzl tut es jetzt doch: In der Breitenfelder Kirche zeigt sie derzeit ihre Installation „Lingua“. Die bildende Künstlerin Ina Loitzl besticht immer wieder mit aufsehenerregenden Projekten im öffentlichen Raum, etwa als „Cutoutmonkey“ in der U-Bahn-Passage am Karlsplatz. Aber auch Kirchenräume wie der Dom in Maria Saal (Kärnten) geben ihrer Kunst den geeigneten Rahmen. Umso mehr freut es sie, dass nun ihre interaktive Installation „Lingua – mit vielen Zungen sprechen“ in der Breitenfelder Kirche, wenige Schritte von ihrer Wohnung und ihrem Atelier entfernt, zu bestaunen ist. 

Seit Pfingsten schwebt die von Ina Loitzl gefertigte, fast drei Meter lange Textilzunge im Kirchenschiff. Manche sehen die Zunge als Sinnbild für Tabus wie Erotik als Provokation im Gotteshaus, andere verstehen sie hingegen als Symbol für das Pfingstfest. Ina Loitzl war 2018 Artist in Residence in München und hat diesen Aufenthalt genützt, um ihre überdimensionale Zunge fertigzustellen. Im Rahmen ihres „anatomischen Zyklus“ zeigt sie sich fasziniert vom Muskelkörper Zunge, „der Genuss und gleichzeitig Ekel in sich birgt“. Das glänzende Lackgewebe, kunstvoll in Form einer menschlichen Zunge doppelseitig genäht, ist noch bis 21. Juni im sakralen Raum in der Josefstadt zu sehen. Die unterschiedlichen Strukturformen der applizierten Geschmacksknospen sind in sich wieder kleine Kunstwerke. „Die Zunge hat unheimlich viele Anknüpfungspunkte zur Kirche. So legt der Pfarrer die Hostie bei der Kommunion auf die Zunge der Gläubigen und es gibt beispielsweise die Redewendung ,mit Engelszungen sprechen‘“ des Apostels Paulus“, erläutert die Künstlerin.

Religion und Sprache

Und was könnte besser zu Pfingsten passen als eine feuerrote Zunge? Pfingsten markiert die Gründung der christlichen Kirchengemeinschaft. Laut Neuem Testament erscheinen Feuerzungen über den Jüngern in Jerusalem. Viele Menschen laufen herbei, um zu sehen, was passiert. Manche von ihnen sind aus anderen Ländern gekommen, um das jüdische Erntedankfest zu feiern. Diese Besucher staunen – jeder hört die Jünger in seiner eigenen Sprache über Gott sprechen. Ein Wunder! Jesus ist wieder im Himmel bei seinem Vater und gießt Gottes Heiligen Geist auf seine Jünger aus. Und so können diese plötzlich alle Sprachen sprechen. In vielen Sprachen bedeutet übrigens dasselbe Wort sowohl „Sprache“ als auch „Zunge“, so etwa im Spanischen oder im Russischen. 

Alle Sprachen der Welt versucht heute auch die Pfarre Breitenfeld mit ihrem engagierten Pfarrer Gregor Jansen zu sprechen. So gehört sie dem Pfarrnetzwerk-Asyl an, und auch eine indische Gemeinde (die syro-malankara katholische Kirche) ist hier beheimatet.

Genuss und Provokation

Die Zunge ist wichtiger Bestandteil der Sprachbildung. Sie ist aber auch beim Kauen, Saugen und Schlucken – sprich der Ernährung – von essenzieller Bedeutung und ist mit Sensoren für das Tasten und Schmecken ausgestattet. Letzteres spielt auch in der Pandemie eine entscheidende Rolle. Viele Menschen verlieren ihren Geschmackssinn, wenn sie an Corona erkranken. „Das bedeutet gleichzeitig auch den Verlust von Genuss. Und die Zunge hat in diesem Zusammenhang eine wichtige Funktion auch als Tastorgan. Man denke nur an den intimen Zungenkuss“, erläutert Loitzl die Vielfältigkeit der Zunge und ihre Symbolik als Kunstobjekt. 

„,Auf der Zunge liegen‘ ist eine bekannte Redewendung, und hier setzt meine Interaktion mit dem Publikum an“, erklärt die sozial engagierte Künstlerin. Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, Wörter oder Sätze in unterschiedlichen Sprachen auf Papierzungen zu schreiben, die dann auf einer großen Plane in der Kirche angebracht werden. „Das können aktuelle Empfindungen sein, aber auch Wünsche für die Zukunft – alles ist erlaubt“, freut sich Loitzl schon jetzt auf spannende Statements der Menschen. Diese „Zungentafel“ ergibt eine zweite, stetig wachsende Installation im Eingangsbereich der Kirche, die mit der großen schwebenden Zunge zu einem optischen Ganzen werden soll.

„Zunge zeigen ist ein Tabu, Kinder kommunizieren so ihre Ablehnung. Einsteins herausgestreckte Zunge ist wohl die berühmteste, aber auch Musiker*innen wie die Rolling Stones, Kiss oder Miley Cyrus bedienen sich dieses Provokationssymbols“, so die Josefstädter Künstlerin weiter.

Und wie heißt der alte Kinderreim so schön: „Zunge zeigen tut man nicht, denn das heißt: Ich liebe dich!“

www.inaloitzl.net

 

Foto1: Orgel in der Kirche Breitenfeld, Foto2: Frontansicht Breitenfelderkirche

Ina Loitzl

Studium am Mozarteum in Salzburg in den Fachrichtungen Grafik und visuelle Medien. Als bildende Künstlerin arbeitet sie in den Bereichen Stickcollage, Animationsfilm und Textilobjekt. Loitzl setzt sich mit gesellschaftlichen Themen auseinander – besonders interessiert ist sie an der Rolle der Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die gebürtige Kärntnerin lebt und arbeitet in der Josefstadt.  

www.inaloitzl.net

 

Pfarre Breitenfeld

Gedenkgottesdienst in der Pfarre Breitenfeld für auf der Flucht Verstorbene am Dienstag, 15. Juni 2021, Beginn ca. 18.30 Uhr (Abschluss des Solidaritätswegs mit Flüchtlingen – Beginn 17.00 Uhr im Votivpark)

▶ 8., Florianigasse 70. +43 1 4051495, pfarre@breitenfeld.info.  https://www.facebook.com/PfarreBreitenfeld/www.breitenfeld.info

 

Orgelkonzert

Die Breitenfelder Kirchenorgel ist nach jener im Stephansdom die zweitgrößte spielbare Kirchenorgel Wiens. In einer Orgel gibt es neben den Labialpfeifen auch die sogenannten Lingual- oder Zungenpfeifen: Bei diesen erfolgt die Tonerzeugung durch schwingende Metallzungen – auch hier sind also Zungen „im Spiel“. Als Ausgleich zum coronabedingt fehlenden gemeinsamen Gesang bietet Organist Francesco Pelizza in der Samstag-Vorabendmesse ein eigenes „OrgelKLANG“-Programm. 

▶ Pfarre Breitenfeld: 8., Florianigasse 70. 28. Mai, 19.30h. www.breitenfeld.info/category/orgel/

 

Rahmenprogramm 

2., 9. und 16. Juni, jeweils 19 Uhr:Führung und Gespräch zu „Lingua“ mit Ina Loitzl
12. Juni: Tag der Achtsamkeit
Auftakt mit jungen Geiger*innen; Diskussionsrunde: „Was macht uns sprachlos?“; Rückblick und Vorausschau, moderiert von Lisa Nimmervoll (Journalistin), mit Pater Jansen, Ina Loitzl (Künstlerin), Matthias Witting-Schön (Psychotherapeut) 

▶ Termine und Info: www.breitenfeld.info


Ausgabe 02/2021