Zwischen Landesgericht und Floriani-Loge

Schwule Hotspots in Wien

Von Wolfgang Sorgo

Ein Buch und ein Film erinnern aktuell an die strafrechtliche Verfolgung Homosexueller in der jüngeren Vergangenheit.

Damit fordern auch Schwule, die in der Opferhierarchie bisher zuunterst standen, endlich ihre historische Rehabilitierung. Dazu könnte auch das erste Queer Museum Vienna beitragen, das bis Juni 2022 in der Josefstadt seine Zelte aufschlägt.

Am 7. Februar 1944 wird im Wiener Straflandesgericht in der Josefstadt der Homosexuelle Franz Doms hingerichtet. Er wurde 21 Jahre alt. Als „vollständig haltloser, seinen widernatürlichen Trieben gegenüber machtloser Verbrecher“ hätte er – so der Richter – den Tod mehr als verdient. Ob er nur naiv und unbedarft, ein kleiner Prater-Strizzi oder ein Stricher war, eines scheint klar zu sein: Mit Doms Enthauptung im Landesgericht Wien-Josefstadt wollten die Nazi-Machthaber – so Andreas Brunner von QWIEN – Zentrum für queere Geschichte – „ein Exempel statuieren“ gegen die homosexuelle Subkultur.

Das Milieu homosexuellen Lebens der 40er Jahre

Auf diesem Justizmord baut der ORF-Journalist Jürgen Pettinger seine Fiktionalisierung über dieses vergessene Opfer der NS-Justiz auf: „Franz. Schwul unterm Hakenkreuz“ lautet der Titel seines kürzlich erschienenen Buches. Es führt uns dramaturgisch gekonnt mit großem literarischem Einfühlungsvermögen auf dem sicheren Fundament historischer Fakten durch das „Milieu“ homosexuellen Lebens in der Wiener Unterschicht der dreißiger und vierziger Jahre – über einschlägige Orte der Begegnung bis in den Gefängnistrakt des Straflandesgerichts Wien/Josefstadt und zuallerletzt in dessen Exekutionsraum.

© Filmladen Filmverleih

Der Schwulen-Drama-Film „Große Freiheit“ räumt ab

An die im Buch gekonnt aufgebaute Gefängnisatmosphäre knüpft gewissermaßen ein kürzlich angelaufener Film des österreichischen Regisseurs Sebastian Meise an: Bei den Filmfestspielen in Cannes umjubelt, wurde er zum Viennale-Siegerfilm gekürt und ist der österreichische Kandidat für den Auslands-OscarR – er schaffte es bereits auf die Shortlist mit insgesamt 15 Kandidaten: Im Drama „Große Freiheit“ eröffnen – zwar in einem Westberliner Nachkriegs-Gefängnis spielend – die beiden Protagonisten, der schwule Ex-KZler Hans und der Wiener Gewalttäter Viktor – genial dargestellt von Franz Rogowski und dem Urwiener Georg Friedrich – Einblick in eine ungewöhnliche Beziehung. Aus zunächst homophober Ablehnung entwickelt sich über homoerotische Annäherung allmählich eine homosexuelle Liebesbeziehung. Die beiden umgibt dabei ein brutales Gefängnisregime, das sich über all die Jahre – auch der NS-Zeit – kaum verändert zu haben scheint.

Wie übrigens auch die Verfolgungsmethoden der Polizei: „Die Polizei hat immer gewusst, wo die Warmen sind“ meint Andreas Brunner. So versah der als „Warmenfresser“ bekannte, vermutlich latent homosexuelle homophobe Wiener Sittenpolizist Karl Seiringer seinen Dienst ohne Unterbrechung von der ersten Republik über die NS-Zeit bis hinein in die zweite Republik mit unverminderter Brutalität.

Der berüchtigte § 129 als Geißel der Homosexuellen

Vehikel dafür war der berüchtigte § 129 Ib des österreichischen Strafgesetzbuchs, der von 1852 – auch während der Nazi-Zeit gültig – bis zur Aufhebung des Totalverbots gleichgeschlechtlicher Liebe in den 70er Jahren gültig war (gewisse Einschränkungen galten noch bis 2002). Bis dahin änderte sich – abgesehen vom Wegfall der Nazi-Verschärfungen – strafrechtlich für Homosexuelle nicht viel.

Wien als schwule Hochburg

Österreich und insbesondere Wien galt schon in der Zwischenkriegszeit – vor Berlin – als Hochburg homosexuellen Lebens und stand auch europaweit an der Spitze aller Verfolgungshandlungen. Es gab gemessen an der Einwohnerzahl wesentlich mehr gerichtliche Verurteilungen als im deutschen Reich. Die Nationalsozialisten haben trotzdem gleich zu Beginn ihrer Herrschaft in Österreich 1938 die Verfolgung von Homosexuellen intensiviert, mit Sondermaßnahmen wie der drastischen Erhöhung der Strafmaße, der Möglichkeit der Deportation in Konzentrationslager („rosa Winkel“), Kastration oder „freiwillige“ Entmannung. 1939 hatte sich die Zahl der Verurteilten bereits mehr als vervierfacht.

„Warme“ Hotspots

Die „Warmen“, wie sie im Volksmund heute noch heißen, waren also auch in Wien zu einem Leben im Verborgenen gezwungen. Mit gewissen Ritualen der Anbahnung (verstohlene Blicke, „zufällige“ Berührungen) gaben sie sich zu erkennen. Bestimmte Gasthäuser (das ehemalige Café Eminger), Bäder (Römisches Bad), Toilettenanlagen (sogenannte „Logen“ bzw. „Klappen“) und versteckte Ecken in den weitläufigen Auwäldern rund um den Prater waren beliebte Treffpunkte. Die Einladung auf ein Bier führte dann über einen Hauseingang oder einen dunklen Kinosaal gelegentlich in eine Wohnung – falls vorhanden. Denn der einfache Mann lebte zumeist in beengten Wohnverhältnissen und auch homosexuelle Praktiken vollzogen sich in unterschiedlichen Milieus.

Grünes Jugendstilhäuschen, das als WC dient

Die sogenannte „Floriani-Loge“, beliebte Toilettenanlage im Schönborn-Park © wikipedia

Homosexuelles Leben (und Sterben) in der Josefstadt

Werfen wir dazu einen Blick auf die Hotspots schwulen Lebens (und Sterbens) in der Josefstadt. Beispielsweise im Straflandesgericht Wien, in dem der arme Franz Doms sein Leben aushauchen sollte, dürften „80 % der Verfolgten aus der Unterschicht gekommen sein: Arbeiter, kleine Angestellte, Handwerker“, so Brunner.

Vielleicht hat der eine oder andere von ihnen die sogenannte „Floriani-Loge“, die beliebte Toilettenanlage im Schönborn-Park besucht, von der noch vor ihrer Renovierung der FALTER-Kolumnist Hermes Phettberg so vollmundig schwärmte.

Wohlhabende, Akademiker und Künstler konnten es sich aber zumeist richten. So war es sicherlich manchem Schauspieler/Direktor (z.B. Boy Gobert) möglich, nach der Vorstellung im Theater in der Josefstadt ungestört in großen Wohnungen/Villen seinen Leidenschaften nachzugehen.

Sogar in der NS-Zeit waren die ganz Großen durch den sog. „Göring-Erlass“ vor Strafverfolgung geschützt – solange sie nicht öffentliches Ärgernis erregten – etwa die Schauspieler Raoul Aslan, Gustav Gründgens und O.E. Hasse, der Sänger Max Lorenz oder der Autor Richard Billinger u.v.a..

Waren sie allerdings Juden, kannte das NS-Regime keine Gnade. So wurde etwa der Architekt und Loos-Schüler bzw. Verfasser von expressionistischer Lyrik, Kurzprosa und Essays Alfred Grünewald (wohnhaft am Hamerlingplatz 10) im KZ ermordet.

„Aus den Straf- und Polizeiakten“ – den einzigen historischen Quellen (außer Tagebüchern) – „geht hervor, dass die Verfolgung von Homosexualität eigentlich ein schichtspezifisches Phänomen war“, meint Andreas Brunner: „Die Homosexuellenverfolgung war eigentlich blanke Klassenjustiz.“ Womit wir wieder im Straflandesgericht angekommen wären.

Queer Museum Vienna goes Josefstadt

Und da die queere Geschichte und Kultur eng mit Wien und dem achten Gemeindebezirk verbunden ist, freut es um so mehr, dass das Queer Museum Vienna (QMV) bis Juni 2022 zu Gast im Volkskundemuseum Wien und somit in der Josefstadt sein wird. Ziel ist es, Ausblick auf ein projektiertes, zukünftiges Haus für queere Kulturgeschichte und Kunst in Wien zu geben. Unter anderem wird die Frage danach gestellt, wie sich queere künstlerische Arbeiten, Kultur und Lebensweise zur Volkskunde und deren Musealisierung verhalten. Es sind eine ganze Reihe von Veranstaltungen mit lokalen und internationalen Künstler:innen, Aktivist:innen und Historiker:innen im Bereich bildende Kunst, Performing Arts, Musik, Geschichte, uvm. vorgesehen.

derAchte wird vom Queer Museum Vienna @VKM in seiner Printausgabe 1/22 berichten. Eröffnet wird bereits am Dienstag, den 11.1.2022 (siehe Infos unten.)

Coming-out von Schwulen aus der Elternperspektive

Der großen Freiheit nach 2002 stehen aber noch immer viele gesellschaftliche Vorurteile entgegen und einiges an Kommunikation scheint notwendig – zunächst einmal in der Familie, wie ein unlängst erschienenes exzellent aufgemachtes Buch (s. u.) darlegt: „Was geht mich die Sexualität meines Sohnes an? Das ist seine private Angelegenheit“, meint darin eine Mutter – immerhin.

zwei Buchcover

Buch:

Jürgen Pettinger: Franz. Schwul unterm Hakenkreuz

K&S, Wien 2021
192 S.
ISBN 978-3-218-01286-7  EUR  22,-
Auch als E-Book erhältlich

Feature:

Mit einem Warmen kein Pardon!
Der Fall Franz Doms. Schicksal eines Homosexuellen im Nationalsozialismus
Zitiert aus originalen Ermittlungs- und Gerichtsakten.
Feature von Jürgen Pettinger, Hörbilder ORF Ö1

Film:

Große Freiheit

Regie: Sebastian Meise
D/A 2021 | 116 min
Verleih Filmladen
www.filmladen.at/film/grosse-freiheit/
Informationen zum Film und Unterrichtsmaterial zum Download

© Wiener Stadt- und Landesarchiv

Gedenkstätte für die Opfer der NS-Justiz

Die 1951 im ehemaligen Hinrichtungsraum im Landesgericht Wien in 8., Landesgerichtsstraße 11 eingerichtete und 1967 maßgeblich veränderte „Gedenkstätte für die Opfer der NS-Justiz“ wurde im Jahr 2011 um zusätzliche Informationstafeln ergänzt.

„Im ehemaligen Hinrichtungsraum werden die „Namen derer, die wir niemals vergessen dürfen“ aufgelistet, hunderte Opfer der NS-Justiz. Ein Name jedoch“, so Jürgen Pettinger, „fehlt: Franz Doms.“

Landesgerichtspräsident Mag. Friedrich Forsthuber hat für 2022 die Neugestaltung des Gedenkraums geplant. In diesem Zusammenhang wird es auch Informationen zur NS-Homosexuellenverfolgung und Franz Doms geben.

Jeden ersten Dienstag im Monat finden historische Führungen durch das Landesgericht für Strafsachen Wien statt. www.justiz.gv.at/lg-fuer-strafsachen-wien/landesgericht-fuer-strafsachen-wien.2fe.de.html

Museum:

Queer Museum Vienna

Alfred Rottensteiner – If there is something weird in your neighbourhood
Museums-Eröffnung Di, 11.1.2022, 12.00 bis 17.00 Uhr

Ausstellung: Mi, 12.1. bis So, 6.2.2022

Was wäre, wenn queere Personen die uns alle umgebende Architektur entworfen und gebaut hätten? In welchen Strukturen und Ordnungsformen würden wir leben? Das barocke Gartenpalais bietet hier einen interessanten Rahmen für die Versuchsanordnung: ein Haus mit Fenstern, Rollos, ein Garten mit Rasen und Zimmerpflanzen dürfen nicht fehlen.
In seiner multimedialen Ausstellung konterkariert Alfred Rottensteiner anerkannte Ästhetik und baut sich seine queere Lebensarchitektur, mäht den Kunstrasen und holt sich so die „Natur“ ins Haus.

https://volkskundemuseum.at/queermuseumvienna

Buch:

Lisa Bolyos/Carolina Frank
Mich hat nicht gewundert, dass sie auf Mädchen steht
Gespräche mit Eltern queerer Kinder
Achse Verlag, Wien 2021
280 S.
ISBN 978-3-9504831-9-2  EUR 20,-

In 18 Porträts widmen sich die Autorin Lisa Bolyos und die Fotografin Carolina Frank der Elternperspektive auf das Coming-out von schwulen, lesbischen, bi, trans, inter und nonbinären Kindern.

Kontakt:

QWIEN – Zentrum für queere Geschichte
Große Neugasse 29
A-1040 Wien
Tel. +43 (0)1 966 01 10
office@qwien.at
www.qwien.at

Tipp: Andreas Brunner von QWIEN plant für Frühjahr 2022 einen Spaziergang zur „Queeren Geschichte in der Josefstadt“. Näheres dazu demnächst.